In-Betreuung: "Er wollte bei uns bleiben, auf der Stelle, obwohl er uns nicht kannte."
OÖ. Eine liebevolle, verlässliche Beziehung ist das Kostbarste, was Eltern ihren Kindern geben können. Leider gelingt das aber nicht immer. Ist das gesunde Aufwachsen des Kindes gefährdet, ist die Fremdunterbringung das letzte Mittel, etwa in Form der In-Betreuung der Sozialen Initiative.

Michael* war sieben Jahre alt als er das erste Mal Sabine Wagner* und ihrer Familie gegenüberstand. „Er hat uns das erste Mal gesehen und wollte bleiben, auf der Stelle, obwohl er uns nicht kannte. Ich meine, was sagt das über seine Beziehung zu seinen Eltern aus. Das war heftig“, erzählt die In-Betreuerin. Das war vor sieben Jahren und lässt sie immer noch ins Stocken geraten.
Aufgrund von Gefahr in Verzug nahm ein Richter damals Michael und seinen jüngeren Bruder aus der Familie. „In erster Linie wegen Verwahrlosung und Überforderung der Eltern. Die zwei Jungs haben in einem ungeheizten Haus auf einer Matratze im Vorhaus geschlafen. Dort war der wärmste Platz. Erst nach sechs Jahren hat mir Michael dann erzählt, dass er auch geschlagen wurde“, erzählt Sabine Wagner, die froh ist, vorher nur wenig darüber gewusst zu haben. „Ich weiß nicht, ob ich den Schritt sonst hätte.“
Anruf kam noch in der Bewerbungsphase
Die Mutter von fünf Söhnen war zuvor sechs Jahre lang Assistentin einer In-Betreuerin. Als ihre Ältesten begannen auszuziehen, waren Platz und Energie da, sich selbst als In-Betreuerin zu bewerben. „Der Anruf kam noch während des Bewerbungsprozesses, dass sie einen Jungen hätten. Am nächsten Tag kam noch mal ein Anruf, ob ich auch zwei nehmen würde.“
Nur wenige Tage später waren Michael und sein jüngerer Bruder zum Kennenlernen da. Warum am Ende nur Michael geblieben ist? Sein jüngerer Bruder ist schwer beeinträchtigt. „Mein Mann ist Sonderschullehrer und hat auf den ersten Blick gesehen, dass er mehr braucht. Wir wollten es mit Vorbehalt trotzdem probieren, aber nach zwei Wochen war klar, dass ich das nicht schaffe. Er hätte mich 24/7 gebraucht und dann hätte Michael wieder nicht die Fürsorge bekommen, die er eigentlich braucht, geschweige denn unsere eigenen Kinder.“
Michaels Bruder lebt nun in einer auf seine Bedürfnisse abgestimmten Einrichtung. „Er hat für sich den besten Platz bekommen, wo er genau die Betreuung bekommt, die er braucht.“ Der Kontakt zwischen den Brüdern ist gut.
„Es war die beste Entscheidung“
Michael selbst hat sich schnell eingelebt, auch wenn sein Verhalten gerade zu Beginn Bände sprach. „Er ist das erste halbe Jahr nur auf meinem Schoß gesessen und ich musste drei Monate lang jeden Tag Brei für ihn kochen. Dabei ging es nicht um den Brei, sondern darum, dass sich jemand Zeit nimmt, für ihn zu kochen“, blickt Sabine Wagner zurück: „Michael war der, der die Familie gecheckt hat und zum Beispiel das Busticket für alle gekauft hat. Das ist einfach unglaublich, wenn man selber weiß, was ein Kind in dem Alter eigentlich braucht.
Mittlerweile ist der Kontakt zu seinen Eltern gut. Der knapp 14-Jährige besucht die Mittelschule, will später Optiker und Hörakustiker werden.
„Im Nachhinein war es die beste Entscheidung. Nicht nur für Michael sondern auch für mich, für meine Weiterentwicklung.“ Auch wenn der Weg nicht immer einfach war. „Als Michael zu uns kam hatte er keine Idee, wie ein soziales Zusammenleben funktioniert, er wusste nicht, wie man sich auf dem Spielplatz verhält, weil seine Eltern nie mit ihm raus sind, er hatte keine Manieren, nichts. Es gab genug Momente, in denen ich am liebsten gesagt hätte, der gehört nicht zu mir, so schlimm das klingt.“
Fragt man sie heute, spricht sie von fünf Kindern und einem Bonuskind. „Außer es freut mich nicht, die Situation zu erklären, dann sage ich mittlerweile einfach sechs Kinder“, lacht Sabine Wagner: „ Aber das musste wachsen. Michael hat letztens selber festgestellt, dass er bald länger bei uns ist als in seinem eigentlich Zuhause.“
Als seine Mutter sieht sich Sabine Wagner nicht, das ist auch nicht der Sinn der In-Betreuung, sondern die stabile, liebevolle Begleitung in Richtung Erwachsenenleben. „Michael hat ja seine Eltern. Er sagt auch Sabine zu mir“, erzählt die In-Betreuerin: „Ich habe aber oft das Gefühl, dass er richtig stolz ist, bei uns zu wohnen. Er gehört zu uns und das taugt ihm.“ Bedenken von Freunden, dass es schlimm wird, ihn eines Tages wieder hergeben zu müssen, wischt sie weg: „Ich werde ihn sehr gut hergeben können. Denn ich weiß, ich habe ihn gut begleitet, dass wir alle miteinander unser Bestes gegeben haben.“
Ob sie wieder ein In-Betreuungs-Kind aufnehmen würde? „Ja, wenn ich jünger wäre. Aber ich werde heuer 50 und habe 25 Jahre kleine Kinder um mich gehabt. Jetzt möchte ich endlich Sachen mit meinem Mann erleben können.“
* Namen von der Redaktion geändert


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