Bilanz der Frauenhäuser: wieder freie Plätze, herausfordernde Strukturen
LINZ/OÖ. Laut UNO und WHO steigen gewaltsame Übergriffe gegen Frauen und Mädchen weltweit an. Die Corona-Pandemie hat die Situation für Frauen, die bereits vorher in toxischen Partnerschaften gelebt haben, verschärft. In Linz schuf das Frauenhaus daher vier zusätzliche Plätze. Mittlerweile sind wieder welche verfügbar, berichtet Frauenhaus-Leiterin Margarethe Rackl.

Das Frauenhaus Linz bietet misshandelten, bedrohten Frauen sowie ihren Kindern Schutz und Sicherheit vor gewalttätigen Angehörigen. Sie erhalten nicht nur eine sofortige Wohnmöglichkeit, sondern auch Begleitung zu Ämtern und Behörden, rechtliche und psychosoziale Beratung, wobei Beratung auch von Frauen in Anspruch genommen werden kann, die nicht im Frauenhaus wohnen. Jährlich führen die Mitarbeiterinnen des Linzer Frauenhauses mehr als 1.000 Beratungen durch. Ungefähr 80 bis 90 Frauen mit etwa ebenso vielen Kindern würden pro Jahr im Haus wohnen, informiert Leiterin Margarethe Rackl in einer Pressekonferenz am Dienstag, 1. Juni mit Sozial-Landesrätin Birgit Gerstorfer (SPÖ). 17 Plätze sind im Frauenhaus Linz gleichzeitig verfügbar. Manche Frauen würden nur kurz im Frauenhaus bleiben, bei anderen dauere es bis zu einem Jahr, bis die akute Bedrohung durch den Partner endet und mit den Kindern ein eigenständiges, gewaltfreies Leben begonnen werden kann.
„Frauenhäuser waren während der Pandemie immer offen“
„Frauenhäuser waren auch während der Pandemie immer offen und für Betroffene da – was speziell nach dem ersten Lockdown sehr wichtig war, damals mussten sogar Zusatzquartiere geschaffen werden. Aktuell sind Plätze wieder verfügbar. Die jährliche Auslastung liegt bei knapp 90 Prozent. Als Krisenwohneinrichtung sollten Frauenhäuser immer aufnahmefähig sein – das ist bei dieser hohen durchschnittlichen Auslastung nicht immer gewährleistet“, sagt Rackl.
In Oberösterreich gibt es neben Linz vier weitere Frauenhäuser. Die Frauenhäuser in Steyr, Wels, Ried im Innkreis sowie Vöcklabruck haben je sechs Plätze. Aufgrund der hohen Auslastung und der nicht mehr zeitgemäßen Wohnverhältnisse werden die Gebäude in Ried und Steyr in diesem Jahr durch einen Neubau ersetzt. In Braunau ist heuer der Spatenstich für ein sechstes Frauenhaus geplant. Das Mühlviertel und das Salzkammergut sollen ebenfalls ein modernes Frauenhaus bekommen. Derzeit laufe die Suche nach einem geeigneten Grundstück im Unteren Mühlviertel zwischen Perg und Freistadt. Kriterien seien etwa eine gute Anbindung an Kinderbetreuungseinrichtungen, öffentliche Verkehrsmittel und ein Angebot an Arbeitsplätzen, erläutert Gerstorfer (SPÖ). Für Frauen, die nicht akut von Gewalt betroffen seien, würden außerdem sechs Übergangswohnangebote im Bundesland zur Verfügung gestellt. Hier könnten Frauen und Kinder Ruhe finden, um Vergangenes zu verarbeiten und mit professioneller Unterstützung und Begleitung konkrete Schritte in die Zukunft zu planen und realisieren.
Offener Brief an die Bundesregierung: Mehr Mittel für Gewaltschutz gefordert
Weitere Angebote für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, sind unter anderem das Gewaltschutzzentrum OÖ, das Autonome Frauenzentrum sowie sieben Frauenberatungsstellen. Seit dem vergangenen Jahr fördert das Land Oberösterreich auch Täterarbeit. „Gewalttätige Männer sind häufig Wiederholungstäter und lassen meist mehrere Opfer ihres Verhaltens zurück. Die Arbeit mit ihnen kann weitere Gewalt und damit neue Opfer verhindern. Die aktuelle Entwicklung und die hohe Zahl schwerster Straftaten gegen Frauen machen es dringend notwendig, dass die Budgetmittel des Bundes für die Akuthilfe, die gegenwärtig vorrangig von den Bundesländern finanziert wird, deutlich erweitert werden. Gemeinsam mit den Sozial-Landesrätinnen aus sechs Bundesländern habe ich in einem offenen Brief an die Bundesregierung auch einen Schwerpunkt in der präventiven Arbeit sowie im Rahmen von opferschutzorientierter Täterarbeit gefordert. Es braucht Fallkonferenzen in jedem Bundesland, bestehend aus Vertreterinnen von Frauenhäusern, Gewaltschutzzentren, Polizei und Justiz. Diese ermöglichen eine schnelle Aufarbeitung von Vorfällen und besseren Schutz für Gewaltopfer“, hält die Sozial-Landesrätin fest. In Oberösterreich werden in diesem Jahr 4,5 Millionen Euro für Gewaltschutz aus dem Sozialressort bereitgestellt.
Mehr Informationen nötig
Herausforderungen, vor denen Frauenhäuser und andere Gewaltschutzeinrichtungen darüber hinaus stehen, seien laut Rackl strukturell bedingt. So brauche es etwa gleichstellungsfördernde Maßnahmen von Frauen und Männern, eine verstärkte Sensibilisierung und Informationen an verschiedene Berufsgruppen, die sowohl mit Opfern als auch mit Tätern zu tun haben. Dazu zählen etwa das Personal im Gesundheitswesen, bei der Polizei und Justiz.
In Österreich wurden seit Jahresbeginn 14 Frauen von ihrem Partner oder Ex-Partner beziehungsweise in diesem Zusammenhang (z.B. Tochter) ermordet. Gewaltsame Übergriffe treffen Frauen unabhängig ihres Alters, ihrer Herkunft oder sozialen Stellung. Zwei von drei Übergriffen ereignen sich in der Familie oder im engsten sozialen Umfeld.


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