Wenn es in der Seele wehtut: Erste Hilfe für die psychische Gesundheit
OÖ/LINZ/LENZING. Wenn jemand verletzt ist, ist Erste Hilfe ganz selbstverständlich. Hat sich jemand einen Fuß gebrochen, wird darüber gesprochen. Zeigen sich aber psychische Probleme, weiß man oft nicht genau, wie man reagieren soll. Es kann jeden treffen, jeder kann betroffen sein: Genau hier setzt pro mente OÖ an, mit dem Programm „Erste Hilfe für die Seele“. Dass dieses auch ein wichtiges Angebot für Unternehmen ist, zeigt das Beispiel Lenzing AG.

Hilfe ist keine Schande, mentale Gesundheit betrifft alle: „Wir wollen nicht nur Betroffenen helfen, sondern auch das private und berufliche Umfeld befähigen, auf Signale reagieren und Hilfe leisten zu können“, so Sozial-Landesrat Christian Dörfel (ÖVP). Genau darum geht es bei den „Erste Hilfe für die Seele“-Kursen.
Die Workshops von pro mente OÖ greifen mit den Angeboten des Landes OÖ ineinander, darunter mit den 15 Psychosozialen Beratungsstellen von pro mente OÖ und Land OÖ.
Andrea Viertelmayr ist Teamleiterin des Programms bei pro mente OÖ: „Es ist das Pendant zum ‚Erste Hilfe-Kurs‘ für den Körper. Den macht man wahrscheinlich mehrmals im Leben, lernt, wie man eine Herzdruckmassage, eine stabile Seitenlage macht. Wenn man sich aber fragt, was man tun würde, wenn jemand sich verändert, sich zurückzieht oder auch die Arbeitsleistung nicht mehr so ist, wie sie vorher war – wie reagiert man dann?“
Zweitlängste Krankenstandsdauer
Dass psychische Probleme oder problematisches Suchtverhalten sich auch auf Unternehmen auswirken, zeigen die Zahlen: „Man weiß zum Beispiel, dass die Krankenstandsdauer aufgrund einer psychischen Erkrankung die zweitlängste ist, nach Krebserkrankungen. Die WHO geht davon aus, dass 2030 unter den Top-Fünf-Erkrankungen drei psychische Erkrankungen vorkommen – Depression, Demenz und Suchterkrankungen“, so Viertelmayr.
Schon 1.5000 Ersthelfer für die Seele
Mittlerweile rund 1.500 Ersthelfer für die Seele gibt es in Oberösterreich, ausgebildet in den Kursen von pro mente OÖ. Die österreichweite pro mente-Initiative wurde auch 2023 als Vorzeigebeispiel mit dem Österreichischen Gesundheitskompetenzpreis ausgezeichnet. Sie bietet jedem Interessierten ein Angebot, richtet sich zudem an Unternehmen.
Viertelmayr erläutert das beste Vorgehen für das Umfeld von Betroffenen anhand des Begriffs „ROGER“.
- R steht für Reagieren
- O steht für Offenheit – zuhören, gut gemeinte Ratschläge zurückhalten
- G steht für das Geben von Informationen
- E steht für die Ermutigung zur professionellen Hilfe
- R steht für Ressourcen in der von psychischen Problemen betroffenen Person selbst aktivieren
„Es ist einfach wichtig, aufeinander zuzugehen, sich Zeit zu nehmen, sparsam mit Ratschlägen zu sein, zuhören oder gemeinsam schweigen können, keine Bewertung abzugeben. Wichtig ist aber auch, die eigenen Grenzen zu wahren und nicht gekränkt zu sein, wenn Hilfe nicht angenommen wird“, weist Viertelmayr darauf hin, wie schwierig Hilfe sein kann.
Lenzing AG: Engagement zahlt sich aus
Einen Einblick in die unternehmerische Praxis im Umgang mit psychischen Problemen kann Katharina Kastner, Arbeitspsychologin bei der Lenzing AG, geben. Der Konzern legt seit Jahrzehnten großen Wert auf die körperliche und mentale Gesundheit ihrer Beschäftigten, wie Mediziner Walter Kroeg, Head of Global Health Care & Wellbeing bei der Lenzing AG, unterstreicht.
Laut Kastner zahlt sich das Engagement aus: Krankenstände seien im Vergleich zum Durchschnitt reduziert, die Produktivität gesteigert, die Attraktivität des Arbeitgebers erhöht. „Ich glaube, Stress ist eines der größten Probleme unserer Zeit. Das ist kein Geheimnis. Die Arbeitswelt wird immer schnelllebiger. Und es ist immer am schlechtesten, nichts zu machen.“
Sie weiß natürlich auch, dass seelische Probleme ein sehr schwieriges Thema unter Kollegen sind. „Es ist ganz normal, dass man hilft, wenn jemand eine Verletzung hat. Man spricht Kollegen an, wenn zum Beispiel der Fuß gebrochen ist. Aber wenn jemand sehr traurig ist, weiß man nicht genau, was man machen soll. Zu sagen: ‚Du hast einen schwierigen Umgang mit einem Suchmittel‘, das traut sich keiner so.“ Daher sei das Programm „Erste Hilfe für die Seele“ optimal.
Kursangebot nach Bedarf
„Erste Hilfe für die Seele“-Kurse werden für verschiedene Zielgruppen angeboten:
- Zwölf-Stunden-Seminare für Erwachsene, die Erwachsene unterstützen möchten
- 14-Stunden-Seminare für Erwachsene, die Jugendliche unterstützen möchten
- Vier-Stunden-Workshops für Führungskräfte in Unternehmen, um Anzeichen frühzeitig zu erkennen
- Fünf-Stunden Peer-to-Peer-Werkshops speziell für Jugendliche, die anderen Jugendlichen beistehen wollen
„Kann jeden treffen“
Klar ist, so der Tenor: „Psychische Probleme können jede und jeden treffen. Wichtig ist, dass das Umfeld es erkennt, anspricht und unterstützt.“
Mehr Infos dazu/Kontakt unter www.pmooe.at/erste-hilfe/erste-hilfe-fuer-die-seele/


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