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KIRCHBACH. Betritt man in die Gemischtwarenhandlung von Elfi Prichenfried, so taucht man ein in ein Stück Zeitgeschichte. Denn hier in Kirchbach findet sich einer der letzten Greißlereien dieser Art. Man begegnet der Inhaberin, einer tüchtigen, humorvollen Frau, Jahrgang 1932, die den Wandel in diesem Gewerbe miterlebt hat. Und dabei nicht immer gut heißt, was heute so alles vorgeschrieben wird.

  1 / 2   An den Werktagen ist die Gemischtwarenhandlung in Kirchbach noch täglich geöffnet; Elfriede Prichenfried (vorne) mit ihrer Schweste Grete

„Wer klug ist, trägt sein Geld nicht fort, er kauft genauso gut im Ort“, dieses Sprüchlein ist oberhalb der Eingangstür zu lesen. Es hat auch heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt, im Gegenteil. Früher habe man aber mehr Geld bei Elfi Prichenfried gelassen: „Ich muss ihnen ehrlich sagen, wenn das Geschäft immer so schlecht gegangen wäre wie das letzte halbe Jahr, wäre es nichts gewesen“, meint die 85-Jährige.

Mit 85 Jahren noch hinter dem Tresen

Seit ihrem 16. Lebensjahr ist das Haus Nummer 16 in Kirchbach ihr Arbeitsplatz. Dabei wollte sie eigentlich nach der Handelsschule bei den „Schwestern“ in Zwettl, eine Lehre in Gars am Kamp beginnen. „Aber das war damals nicht möglich, weil sie mich zuhause gebraucht haben“, meint Elfriede. Ihre Eltern hatten neben der Gemischtwarenhandlung noch eine Landwirtschaft, da war jede helfende Hand gefragt. Bald darauf übernahm sie den Laden. Dass sie in ihrer Pension noch immer hinter dem Verkaufstresen steht, war eigentlich nicht vorgesehen. Als sie 2007 das 60-jährige Jubiläum feierte, hat sie auf Anraten ihrer „kleinen“ Schwester den Gewerbeschein - sie hatte noch eine Maria-Theresien-Konzession - abgemeldet.

Doch die Türen der kleinen Greißlerei sollten noch nicht geschlossen werden: Es war Peter Kastner, Geschäftsführer des (gleichnamigen) Großhändlers in Zwettl, ein Anliegen, dass diese Greißlerei erhalten bleibt, denn es handelt sich um ein Stammhaus der Kastners. Hier wurzelt ein Stück Familiengeschichte - bis um 1850 lässt sich das Kaufmannsgeschäft zurückverfolgen. Museum oder doch nur stundenweise Öffnung, so einige Ideen wurden beratschlagt, bis Elfriede Prichenfried sich entschloss weiterzumachen. „Und so steht sie heute noch da“, meint Grete, ihre „kleine“ Schwester, die ihr mittlerweile tatkräftig zur Hand geht. „Ohne meinen kleinen Geist ginge es unmöglich, ich habe Glück, dass sie da ist“, zeigt Elfriede sich dankbar.

Sammelsurium von A bis Z

„Früher ist in einem Geschäft wie diesem alles verkauft worden, von Lebensmittel über Toilettsachen bis zu Textilien, Schulbedarf, Sensen, Schrauben, Ketten für die Pferde, Farben, Gips oder sonstiges Werkzeug“, erklärt Grete. Da oben in den Regalen seien die Textilien gewesen, in drei Fächern geschlichtet, nebst der Bettwäsche, die man zumeist nur in Meterware erhalten hat. Ein einziges Bettzeug gäbe es noch, aber das ist unverkäuflich. „Unser ältestes Stück im Geschäft ist diese Schnellfeuerhose“, meint Grete. Sagt's und packt einen kleinen Strampler mit dementsprechender Öffnung aus, der eine schnelle Notdurft erlaubt. Auf einer Schnur gespannt hängen verschiedenste Kopftücher von der Decke, „da oben sind heute nur mehr die Reste zu finden, früher hatten wir sie in allen Formen und Farben, die Frauen trugen ja immer Kopftücher“, erläutert Elfriede.

Alles unverpackt erhältlich

Dort wo jetzt die Waschmittel stehen, waren früher verschiedenste Malerfarben drinnen, jedoch nicht abgepackt, sondern zum Abfüllen. Gleiches galt für Mehl, Zucker, Essiggurkerl oder die wenigen Süßwaren, die erhältlich waren. Plastiksackerl habe es nicht gegeben. Stollwerk, Zuckerl, Schnitten oder Tee wurden gewogen und in gedrehten Papierstanitzln verkauft.

„Da wird immer geredet, dass die Leute zu dick werden und ständig kommen mehr Süßigkeiten auf den Markt“, merkt Grete beiläufig an. Damals war Schokolade und Co rar. „Ja die Marmelade hat es in einem Block gegeben, oft sind die Kinder nach der Schule zu mir gekommen und haben sich eine Schnitte geholt“, erinnert sich Elfriede. Früher hätte überhaupt kargeres Essen am Speiseplan gestanden, ein Bratl vielleicht am Sonntag, ein Schnitzerl, wenn abgestochen wurde, von Wurst war keine Rede, höchstens von selbstgemachter Blunzen. „Ich kann mich auch nie erinnern, dass es in unserem Aufwachsen einen Seefisch gegeben hat, höchstens eine Sardine“, meint Grete. Reis sei gar nicht gut gegangen, das haben die Leute nicht gekannt, auch habe kein Mensch ein Klopapier gekauft, dafür war die Zeitung gut genug.

„Heute alles zu überspannt“

Die Glocke läutet schrill, ein Kunde verlangt nach Terpentin, mit einem schnellen Griff überreicht ihm Elfriede das Gewünschte. „Hier bekommt man halt wirklich noch alles, vom Lederfett bis zu den Holzschrauben“, meint dieser. Und auch das ein oder andere Schnäpschen sowie einen gemütlichen Plausch. Registrierkasse sucht man vergeblich, hier wird noch im Kopf gerechnet. „Heute ist alles viel zu überspannt, die sollten mal bei den Großen anfangen“, beobachten die beiden Schwestern das Geschehen in der Branche kritisch.

Urlaub ist für die 85-Jährige Inhaberin nahezu ein Fremdwort, höchstens ein paar Tage Rundreise und Wallfahrten habe sie sich gegönnt. Gerne erinnert sie sich an die Zeiten, wo noch viele Kunden ein- und ausgegangen sind, „aber in den Ortschaften stehen viele Häuser leer“, so Elfriede und fügt hinzu: „Ich finde es schon traurig, dass in Zwettl das Innere (Anmerkung: Zentrum) so zerstört wird“.

Natürlich, ans Aufhören muss Elfriede mittlerweile schon denken, gesundheitlich zwickt es da und dort schon ein wenig. Aber bis dahin ist ihr Geschäft, eine der letzten Greißlereien noch von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends durchgehend geöffnet.


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