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Das Portrait einer Flucht: Eine Reise ins Ungewisse

Katharina Vogl, 04.09.2015 18:16

SALLINGBERG. Es war ein langer und steiniger Weg von Somalia bis in das Sallingberger Pfarrheim, eine Flucht mit vielen Rückschlägen, von Tränen und Gedanken über den Tod begleitet. Das junge Paar Abkar und Simane schilderte Tips sein persönliches Schicksal, das nachdenklich werden lässt.

Abkar (30 Jahre) und Simane (23 Jahre) waren ein Jahr lang auf der Flucht, im Heimatland Somalia gibt es keine Zukunftsperspektive. Symbolfoto: Vowe

„Aus der Wasserleitung kommt Schlamm, ein Schluck davon – und man ist drei Tage krank, zu essen gibt es kaum“, erzählt der 30-jährige Abkar über seine Heimat in Somalia. Er wohnte mit seiner Familie in einem kleinen Dorf nahe der Hauptstadt Mogadischu. Die radikal-islamische Al-Shabaab-Miliz kontrolliert weite Teile des Landes, so auch den Ort des jungen Paares. „Sobald die terroristische Gruppe eine Frau erwischt, bezeichnet sie diese als die ihre, doch dies passiert nicht nur auf öffentlichen Plätzen, sie brechen auch zuhause ein und vergewaltigen Frauen vor den Augen des Mannes, versucht man sich zu wehren, ist man tot. Es gibt keine Regeln und nur eine schwache Regierung“, schildert Abkar traurig. Es werden Leute bezahlt, dass sie unter Zwang ihre eigene Familie umbringen, tun sie das nicht, werden sie ebenso ermordet. „Ich möchte nicht mein Blut an den Händen meiner Familie haben“, erklärt der 30-Jährige. „Meine Frau hat ihrem eigenen Bruder in die Augen geschaut, als die terroristische Einheit ihn getötet hat. Da haben wir unsentschieden, das Land zu verlassen. Denn es gibt nur eine Perspektive hier: Tod“Abkar, Asylwerber

Teure ZukunftsperspektiveUm die Schlepper bezahlen zu können, wurde alles verkauft, die Familie löste sogar das eigene Haus ein, auch kleiner Goldschmuck wurde zu Barem, nur um dem jungen Paar Abkar und Simane eine hoffentlich bessere Zukunft ermöglichen zu können. Etwa 10.000 Dollar legten sie ihrem Schlepper hin, einen einheitlichen Preis gäbe es nicht.

Auf der Flucht„Ich hatte kein bestimmtes Ziel im Kopf, ich wusste nicht mal dass es Europa gibt“, so Abkar. Zuhause waren sie – das ist auch eine Forderung der terroristischen Miliz – von der Außenwelt abgeschnitten, Internet gäbe es nicht. „Ein VW-Bus holte uns ab, zusammengepfercht mit etwa 40 Leuten traten wir unsere Flucht an, es war keine Luft zum Sprechen, es gab keine Info, wohin es geht, erst im Iran wusste ich, wo ich bin“, erzählt Abkar. Danach ging es zu Fuß weiter, etwa acht Tage lang, bis die türkische Grenze erreicht wurde. Dort schoss man auf die Gruppe. „Wir versteckten uns in einem Loch, ich legte mich wie ein Schutzschild über meine Frau.“ Nach zwei Stunden kam der „Reiseführer“ um zu sehen, ob noch alle am Leben waren, schließlich schafften sie es über die Grenze. Um nicht erschossen zu werden, stellten sie sich der Polizei, drei Tage Gefängnis folgten, Flüchtlingslager gäbe es keines.

Kein Geld, kein EssenNach der Feilassung beschloss Abkar Arbeit zu suchen, egal wo, aber der Hunger musste gestillt werden. In einem kleinen türkischen Salzwerk schaffte er „schwarz“ von frühmorgens bis abends, stets drei Tage am Stück, dann brauchten seine Hände eine Pause, denn das Salz fraß sich buchstäblich in die Haut. „Ich musste es machen, um Essen zu bekommen, aber ich wusste, Salz ist keine Zukunft für uns: „Nach etwa sieben Monaten sollte es über Izmir nach Griechenland gehen, die Flucht wurde von Ankara nach Izmir mit dem Bus fortgesetzt, nach etlichen Stunden Fußmarsch erreichten sie ein Schlauchboot. Es war nicht groß, dennoch mussten 41 Leute Platz finden. „Das Wasser war auch bei uns im Boot, wir mussten es rausschöpfen, sobald sich jemand zurücklehnte, gehörte er dem Meer“, erinnerte sich Abkar.“

„Als wir das vermeintlich griechische Festland erblickten, erhielten wir ein Messer und mussten unser Schlauchboot auf Befehl zerstechen. Mein Gedanke: Ich werde mit meiner Frau untergehen.“AbkarDenn – so die Intention des Schleppers – ist das Boot erst mal kaputt, kann sie die Polizei nicht wieder umgehend nach Hause schicken. Ein steiler Berg wartete auf die gestrandeten Flüchtlinge. „Wir brauchten acht Stunden, um ihn zu erklimmen, ich habe meine Frau gestützt, probiert ihr zu helfen“, erzählt der 30-jährige Flüchtling. „Waren wir wirklich in Griechenland, wir wussten es noch nicht“, fuhr Abkar fort. Die dortige Polizei brachte die Flüchtlinge in das nächste Lager, das Land müsse aber spätestens nach einem Monat verlassen werden, so die Anweisung. Ein Schiff sollte sie nach Athen bringen. Um die jeweils 35 Euro Fahrgeld für sich und seine Frau aufzubringen, war Abkar gezwungen, zu betteln. „Es war erniedrigend, für mich hätte ich das nicht getan, aber für meine Frau bettelte ich um Geld. Man sieht die lachenden Menschen am Schiff, ich hatte das Gefühl, sie sehen mir an, das ich mittellos bin“, so Abkar beschämt.

In der FremdeIn Athen gab es kein Lager, das junge Paar hatte keinen Schlafplatz, kein Geld, keine Bekannten vor Ort und war der Sprache nicht mächtig. Die Reise sollte schließlich weiter nach Mazedonien und Serbien gehen. „Wir haben nur mehr unsere Füße, das ist das Einzige, das wir besitzen. Meine Frau gibt mir Kraft, sie meint, wir schaffen das, das macht mich sehr glücklich, der Tod ist nicht mehr in meinem Kopf.“Abkar

Kleine Schlafpausen gab es nur wenige, nachdem nach etlichen Tagen Skopje, die Hauptstadt Mazedoniens erreicht wurde, sandte sie die dortige Polizei zurück, zurück nach Athen. Nach zweieinhalb Monaten, wo versucht wurde, Kraft zu tanken und mittels Arbeit zu Essen zu kommen, verließen sie Athen.„Die Polizei in Athen schlug mich, als ob wir Kakerlaken und keine Menschen wären. Ich habe mich nicht wehren können, weil ich weiß, es ist nicht mein Land – ich glaube das war auch der Grund, warum sie mich so behandelt haben.“AbkarWiederum folgte ein endlos langer Fußmarsch, der Weg führte über Bahngleise und Eisenbahnbrücken, letztere waren umsäumt von Leichenteilen und menschlichem Blut. Abkar versuchte seine Frau abzulenken: „Schau dort der schöne Vogel, hast du den gesehen? Ich nahm ihre Hand – wenn ein Zug kommt, tötet er uns gemeinsam.“ Kaum hatten sie es von der Brücke geschafft, war das Pfeifsignal der Bahn zu hören. Die Kräfte waren am Ende, dennoch musste es weitergehen. Irgendwann kam der Schlepper vom Weg ab, in einem Wald reichte der Schlamm plötzlich bis zu den Oberschenkeln. „Meine Frau wurde ohnmächtig, wir schafften es dennoch über die Grenze nach Serbien, denn wir müssen weitergehen.“ Mittlerweile war es bitterkalt, der Schnee ging bis zu den Knien, in einem Camp konnte ein wenig Schlaf nachgeholt werden. „Wir waren etwa zwei Monate dort, das erste Mal seit unserer Flucht sehe ich meine Frau lachen.“ Dem Tod naheNahe der ungarischen Grenze wurde Abkar verhaftet: „Ich fand meine Frau nicht mehr!“ Nach dem einmonatigen Gefängnisaufenthalt war der 30-Jährige seinen Angaben zufolge so „dünn wie ein Kuli, alles wurde groß, vor allem die Augen“, WC war unnötig, zu Essen gab es kaum, der Tod war vor Augen. Danach wurde er nach Serbien geschickt, wo er schließlich auch seine Frau wiederfand. „Unser Schlepper lukrierte Autos, die uns nach Wien bringen sollten, ich band meine Frau mit einem Plastikband an mich, damit sie mir nicht wieder verloren gehen konnte“, erzählte er. „Als die Autotür in Wien aufging, war ich sehr glücklich und ließ alles Schreckliche der Flucht hinter mir, wir stellten uns der Polizei und kamen am 5. Mai 2015 nach Traiskirchen“, endete Abkar mit seiner Erzählung. Dankbar und voller HoffnungDie junge Familie, die derzeit in Sallingberg wohnhaft ist, hofft auf einen positiven Asylbescheid, um arbeiten gehen zu können, denn: „Ich will all das zurückzahlen, was ihr uns gegeben habt!“


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