„Ein Hafen für Lebensqualität“: Zu Besuch auf der Palliativstation
MOSTVIERTEL. Bereits seit 20 Jahren gibt es die Palliativstation am Landesklinikum Scheibbs, in der Patienten aus dem gesamten westlichen Mostviertel betreut werden. Tips nahm dieses Jubiläum zum Anlass, der Abteilung einen Besuch abzustatten. Stationsleiterin Petra Schweighofer und die leitende Fachärztin Birgit Kum-Taucher gewähren Einblick in ihre wertvolle und bewegende Arbeit, die auch sie selbst verändert hat.

Betritt man die Palliativstation, so fällt dem Besucher gleich die besondere Stimmung auf. Es geht dort deutlich ruhiger zu als auf einer normalen Krankenstation. Mit ihren vielen Holzelementen und liebevollen Dekorationen versprüht die Abteilung eine behagliche Atmosphäre. Gleich beim Eingang findet sich an der Wand der Leitsatz der Station: Sie will ein „Hafen für Lebensqualität“ sein. Laut Oberärztin Birgit Kum-Taucher, die vor 20 Jahren die Palliativversorgung am Landesklinikum Scheibbs begründet hat, dürfen die Patienten hier an-, aber auch wieder ablegen.
Begrenzte Lebenserwartung
Die Palliativstation ist die letzte Station des Lebens – so eine weit verbreitete Ansicht. Doch die stimmt nur bedingt. „75 Prozent unserer Patienten verlassen die Station lebend“, betont Stationsleiterin Petra Schweighofer. Nichtsdestotrotz ist die Lebenserwartung dieser Menschen in der Regel begrenzt. Denn aufgenommen werden nur Patienten mit einer unheilbaren, fortschreitenden Erkrankung. Laut Internistin Kum-Taucher handelt es sich hierbei vor allem um Krebspatienten, aber auch um Menschen mit neurologischen Erkrankungen im Endstadium.
Fokus auf Lebensqualität
Sinn der Palliativstation ist jedoch nicht, diese Menschen beim Sterben zu begleiten (dies ist Aufgabe eines Hospizes). Ziel ist vielmehr, die Lebensqualität der Schwerkranken zu erhöhen. Nach Aussage von Birgit Kum-Taucher gehört dazu eine Linderung von Schmerzen, Atemnot oder Übelkeit, aber auch gegebenenfalls eine Mobilisierung oder die Wiedererlangung von bestimmten Fertigkeiten.
Klassische und alternative Behandlungsmethoden
Die Palliativstation ist um eine ganzheitliche Betreuung bemüht. Neben 27 Pflegekräften und vier Ärzten sorgen Psychologen, Physiotherapeuten, Ernährungsberater, Seelsorger, Musiktherapeutin und nicht zuletzt Therapiehündin Enya für das Wohl der Patienten. Neben klassischer Schulmedizin kommen auch Akupunktur, Aroma-, Laser- und Misteltherapie zum Einsatz. Unterstützung erhält das Team von den Mitgliedern des Scheibbser Hospizvereins, welche die Patienten zweimal pro Woche besuchen.
Berührungsängste
Die Scheibbser Palliativstation ist die einzige im westlichen Mostviertel, die Patienten kommen nicht nur aus den umliegenden Gemeinden, sondern auch aus den Bezirken Melk, Amstetten und dem Ybbstal. Viele von ihnen haben Berührungsängste und scheuen die stationäre Aufnahme. Hier besteht die Möglichkeit, die Station vorab zu besichtigen.
Entlassung als Ziel
Laut Petra Schweighofer ist der stationäre Aufenthalt auf zwei bis drei Wochen ausgelegt. Ziel dabei sei, die Schwerkranken soweit zu stabilisieren, dass sie wieder nach Hause gehen können. Patienten aus dem Raum Scheibbs werden dann vom 2007 gegründeten Mobilen Palliativteam der Station weiter beratend begleitet. Bei Bedarf können sie erneut stationär aufgenommen werden. „Die Patienten kommen im Schnitt drei bis vier Mal zu uns“, erzählt die Stationsleiterin.
Sterben in Würde
Aber natürlich kommt es regelmäßig vor, dass ein Patient auf der Station verstirbt. Hier legen die Mitarbeiter großen Wert darauf, dass der Patient so sterben kann, wie er es möchte. Sofern gewünscht und medizinisch vertretbar, darf der Patient nach Hause gehen. Ist eine Entlassung nicht mehr möglich, versuchen die Mitarbeiter einen würdevollen und stimmigen Rahmen im Sinne des Patienten zu schaffen. Die Organisation einer seelsorgerischen Begleitung gehört dabei im Bedarfsfall genauso dazu, wie der Einsatz von Aromaöl, Farblicht oder Musik.
Erfüllung durch Dankbarkeit
Häufig suchen Angehörige von Verstorbenen noch einmal die Station auf, um sich beim Team zu bedanken. „Sie dürften sich bei uns gut aufgehoben gefühlt haben“, freut sich Petra Schweighofer. Der 45-jährigen Diplomkrankenpflegerin gibt dieses positive Feedback „die Erfüllung, etwas Gutes getan zu haben“.
Leben möglichst genießen
Die tägliche Konfrontation mit Tod und Leid geht auch an den Mitarbeitern nicht spurlos vorüber. Ärztin Birgit Kum-Taucher nimmt aus diesen Erfahrungen eine tiefe Dankbarkeit mit in ihr eigenes Leben. Sie habe gelernt, „Seelenberührungen und Gefühle wie Schmerz und Trauer zuzulassen“. Die 56-Jährige achtet darauf, sich eine „Neugier aufs Leben“ zu bewahren, dieses zu genießen und sich auf den jeweiligen Moment einzulassen.
Aufs Wesentliche konzentrieren
Auch Petra Schweighofer ist dankbar für die intensiven Erfahrungen, die sie auf der Station machen darf: „Das Leben kann jederzeit zu Ende sein. Ich konzentriere mich mehr aufs Wesentliche.“ Für sie selbst sei es ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass es eine Anlaufstelle gibt, die Patienten und Angehörige durch diese schwere Zeit trägt.


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