Enorme Hilfsbereitschaft: Schicksal der Flüchtlinge berührt viele Herzen
SCHEIBBS. Der Lehenhof ist die größte Unterkunft für ukrainische Kriegsflüchtlinge im Mostviertel. Aktuell haben dort 67 Vertriebene vorübergehend ein neues Zuhause gefunden. Tips hat sie besucht und Einblicke in ihr neues Leben und das große Engagement der Bevölkerung bekommen.

Auf den ersten Blick wirkt die Stimmung der Menschen im Lehenhof fröhlich und entspannt. Doch bei näherer Betrachtung sieht man ihnen ihre Sorgen an und im Gespräch offenbaren sich harte Schicksale. Da ist zum Beispiel Orlena S. aus Kiew, die in den Wirren des Krieges den Kontakt zu ihrem 26-jährigen Sohn Valeri verloren hat und nicht weiß, ob dieser noch am Leben ist. Oder Tatjana M., die mit ihrer neunjährigen Tochter Julia über Polen nach Scheibbs kam. Sie sorgt sich um den Verbleib ihrer Mutter und Geschwister. Manche Flüchtlinge wissen, dass ihr Zuhause in der Ukraine zerstört ist. Dennoch erklären alle Befragten, in ihre Heimat zurückkehren zu wollen. Doch wann dies wieder möglich ist, weiß derzeit niemand.
Sicheres Zuhause für 67 Vertriebene
Insgesamt 67 Vertriebene haben im Lehenhof am Stadtrand von Scheibbs ein sicheres Zuhause auf Zeit gefunden, darunter 35 Kinder im Alter zwischen elf Monaten und 18 Jahren. Die übrigen Schützlinge sind größtenteils Frauen – denn Männer dürfen aktuell nicht aus der Ukraine ausreisen. Mithilfe von Smartphones, Tablets und einem frei zugänglichen PC in der Eingangshalle halten die Bewohner Kontakt zu Verwandten und Freunden.
75 freiwillige Helfer
Theoretisch wäre im Lehenhof Platz für bis zu 150 Bewohner, doch die Stadtgemeinde Scheibbs will die Obergrenze bei etwa 90 Personen ziehen. Denn Ziel sei es, den Bewohnern einen möglichst angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen, erklärt Bürgermeister Franz Aigner. Dazu zählt auch, dass die Flüchtlinge gut betreut werden. Aktuell arbeiten sechs Teilzeit-Beschäftigte im Lehenhof. Hinzu kommen noch stolze 75 freiwillige Helfer, die sich die Betreuungsdienste in drei Schichten aufteilen. Tagsüber sind immer zwei Betreuer vor Ort, nachts ist eine Kraft im Einsatz.
Unzählige Privatpersonen, Vereine und Firmen bewiesen Herz
„Ohne die Bereitschaft von Firmen und Freiwilligen könnten wir dieses Projekt nicht fortführen“, betont die ehemalige Scheibbser Bürgermeisterin und Obfrau des Vereins „Die Brücke“, Christine Dünwald-Specht. Ihr Verein war Anfang März in die Bresche gesprungen und hatte mit Unterstützung unzähliger Helfer und der Stadtgemeinde dafür gesorgt, das leerstehende Schloss in eine Flüchtlingsunterkunft zu verwandeln. Die Idee dazu kam von den Besitzern des Anwesens, Gerhard Buchinger und Gerhard Aigner. Seit April ist nun die Stadtgemeinde offiziell Träger des Projekts.
Enorme Hilfsbereitschaft
Einig sind sich alle Beteiligten, dass die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung immens war und ist. So baute die Feuerwehr in Windeseile 80 Holzbetten zusammen und sammelte unzählige Sachspenden ein. Viele Bürger gaben ihre Spenden auch direkt im Lehenhof ab. Besonders bemerkenswert: Ein Bürger spendierte ein Klavier, auf dem nun zwei ukrainische Musikstudentinnen üben können. Zahlreiche Firmen stellten Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung oder spendeten Geld. Auch die Vereine und Schulen bringen sich ein.
Unterstützung weiter nötig
Projektleiterin Alena Fallmann hofft, dass das Engagement der Freiwilligen weiterhin anhält. Besonders wichtig wäre es, auch in Zukunft ausreichend Helfer für die Betreuungsdienste zu finden. „Wir berücksichtigen möglichst alle Wünsche und sind für jede Unterstützung dankbar“, erklärt Koordinatorin Tina Exinger. In der Scheibbser Bipa-Filiale sind außerdem Care-Pakete erhältlich, welche all jene Produkte enthalten, die gerade im Lehenhof gebraucht werden.
Zahlreiche Jobangebote
Nachdem nicht absehbar ist, wie lange die Flüchtlinge in Scheibbs bleiben, denken die Verantwortlichen bereits einen Schritt weiter. Ziel sei es, den Vertriebenen auf lange Sicht ein möglichst selbstständiges Leben zu ermöglichen. Laut Christine Dünwald-Specht gibt es bereits zahlreiche Anfragen von Firmen, welche die Vertriebenen gerne einstellen würden. Daher lernen viele von ihnen auch bereits fleißig Deutsch.
Appell an Bevölkerung
In den Lehenhof aufgenommen werden dürfen übrigens nur jene Flüchtlinge, die von offiziellen Stellen des Landes dorthin vermittelt wurden. Stadtamtsdirektor Gerhard Nenning appelliert daher an die Bevölkerung, Flüchtlinge nicht an den Lehenhof zu verweisen oder einfach selbst dorthin zu bringen.


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