Leserbrief "Fragen über Fragen"
SONNTAGBERG. Von Alfred Reichartzeder hat uns folgender Brief erreicht:

Vor mehreren Jahren war ich mit meiner Frau und Freunden mit dem Auto Richtung Admont unterwegs. Plötzlich überholte uns kurz nach dem Buchauer Sattel ein Auto mit sehr hoher Geschwindigkeit. Bei der nächsten Kehre jedoch steckte das Auto neben der Straße in einem Sandhaufen, Fahrer und Beifahrer waren bewusstlos. Wir kümmerten uns um die beiden und riefen die Rettung. Bis vor wenigen Tagen war ich mir sicher, dass wir das Richtige getan hatten.
Doch unser ehemaliger Herr Bundeskanzler verunsichert mich jetzt zutiefst, wenn er meint, dass man Ertrinkenden im Mittelmeer nicht helfen und sie nicht retten soll, denn sonst würde man ja andere ermutigen, es auch zu versuchen nach Europa zu kommen. Bis jetzt war ich überzeugt, dass es unsere Pflicht ist, jemanden, der in Not oder Lebensgefahr ist, zu helfen. Aber der Herr Bundeskanzler ist anderer Meinung – und er ist ja gewiss ein ehrenwerter Mann.
Indem wir den beiden – die ja viel zu schnell gefahren sind – halfen, ermutigen wir ja alle anderen, die auch schnell fahren, dies weiter zu tun, denn im Fall eines Unglücks würde ihnen immer geholfen.
Was soll ich aber tun wenn jemand der offensichtlich überhaupt nicht auf seine Gesundheit achtet, raucht, trinkt, viel isst, sich nicht bewegt … neben mir einen Schlaganfall oder Herzinfarkt hat. Indem ich helfe und die Ärzte ihn wieder heilen, ermutigen wir ja alle anderen, sich auch nicht um ihre Gesundheit zu kümmern, da die Ärzte sowieso jeden wieder gesund machen.
Früher hätte ich automatisch geholfen, ohne zu denken. Aber wie könnte ich dem Herrn Bundeskanzler widersprechen. Er ist doch ein ehrenwerter Mann!
In den Bergen sind oft Leute unterwegs, die ihr Können maßlos überschätzen und zu viel riskieren. Manchmal geht das gut – und sonst kommt eben der Hubschrauber und holt die Leute aus der Wand. Bis vor kurzem war ich überzeugt, dass man Leuten die in Gefahr sind, einfach und ohne zu fragen, helfen soll.
Aber werden, wie der Herr Bundeskanzler meint, dadurch nicht viele andere auch ermutigt, unbekümmert zu riskieren! Er meint offensichtlich, dass dadurch, dass einige ihr Leben verlieren, andere abgehalten werden, unvorsichtig zu sein. Man muss das was er sagt ernstnehmen. Er ist doch ein ehrenwerter Mann!
Ich habe mehrere Bekannte, alles nette Leute, die gerne mit einer Segeljacht im Mittelmehr herumfahren. Der Herr Bundeskanzler meint, dass es im Mittelmeer keine Seerettung geben soll. Mir ist jetzt nicht ganz klar, ob er meint, dass denen auch nicht geholfen werden soll – oder denen doch?
Aber warum sollte man diesen, meinen Freunden, helfen, wenn man anderen nicht hilft? Aber wem soll man dann helfen und wem nicht?
Nur Österreichern? Nur jenen, die deutsch oder englisch sprechen?
Hilft man nur Menschen mit weißer Hautfarbe?
Oder nur Europäern?
Oder nur Christen?
Oder helfen wir allen, nur Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht?
Oder nur Leuten die Geld haben?
Darauf hätte ich gerne eine Antwort!
Aber da gibt es doch eine allgemeine Erklärung der Menschenrechte wo steht: Alle Menschen sind gleich.
Sollte es möglich sein, dass unser ehemaliger Her Bundeskanzler davon noch nichts gehört hat?
Man sollte ihn informieren!


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