Buchtipp: Tullnerbacher Autor beschäftigt sich mit Tagebüchern Kaiser Karls VI.
TULLNERBACH. Stefan Seitschek widmet sich in seinem jüngsten Buch der Person und insbesondere den Tagebüchern Kaiser Karls VI. (1685 – 1740). Tips sprach mit dem Tullnerbacher Autor und Wissenschafter über eine faszinierende historische Persönlichkeit.

Im Jahr 1707 begann Erzherzog Karl inmitten des Konflikts um das habsburgische Erbe im Spanischen Erbfolgekrieg in Barcelona mit einer regelmäßigen Tagebuchführung. Wenige Jahre später kehrte er in die Habsburgermonarchie zurück und wurde zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt (1711). Trotz seiner beinahe dreißigjährigen Regierungstätigkeit ist Karl VI. der Nachwelt vor allem als Vater Maria Theresias bekannt. Dabei erreichte unter ihm in diplomatisch schwierigen Zeiten die Habsburgermonarchie ihre größte Ausdehnung.
Unmittelbare Einblicke
In den Tagebüchern tauchen neben diplomatischen Fragen auch die kaiserlichen Ratgeber wie Prinz Eugen oder sein Vertrauter Graf Althann auf. Diese einzigartige Quelle vermittelt der Nachwelt darüber hinaus unmittelbare Einblicke in die Persönlichkeit des Kaisers und seiner Familie. „Ich habe die Tagebücher zum ersten Mal in einem größeren Ausmaß ausgewertet und die geschilderten Ereignisse durch zahl-reiche Textauszüge illustriert“, so Seitschek, der seit 2010 am Österreichischen Staatsarchiv arbeitet und derzeit als Universitätsassistent am Institut für Österreichische Geschichtsforschung an der Universität Wien sowie als Sekretär der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts tätig ist.
„Die Tagebücher Kaiser Karls VI. sind zwar im Kreis der Historiker bekannt, jedoch gelten diese aufgrund ihrer Eigenhändigkeit und den durchgängigen Kürzungen als schwer zu benützen, insbesondere für konkrete Forschungsvorhaben“, erklärt Seitschek die Gründe für seine Aufarbeitung der Tagebücher.
Zum Teil in Geheimschrift
Karl VI. habe in den Büchern die einzelnen Tagesstationen nebeneinander gereiht, selten seien satzähnliche Strukturen oder gar Satzzeichen vorhanden. In den letzten Lebensjahren habe sich der Kaiser zudem vermehrt einer Geheimschrift bedient. „Kurzum: die Bearbeitung dieser Quelle stellt eine besondere Herausforderung dar, kann aber für künftige Forschungsvorhaben zu dieser Epoche des eher bekannten Prinz Eugen wertvolle Impulse liefern“, so Seitschek.
Person stiefmütterlich behandelt
Ähnlich den Tagebüchern wurde die Person Karls VI. laut Seitschek im Gegensatz zu Prinz Eugen, der Tochter Maria Theresia oder auch der Künstler der Zeit etwas stiefmütterlich behandelt. „Karl VI. regierte die Habsburgermonarchie knapp 30 Jahre, die in seiner Herrschaft ihre größte Ausdehnung erreichte. Er war Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und damit eine der bedeutenden Persönlichkeiten im europäischen Machtpoker des 18. Jahrhunderts am Beginn der Aufklärung“, erklärt der Wissenschafter. Allein aufgrund dieser Rolle scheine die Beschäftigung mit seinen beinahe alltäglich geführten Notizen von Bedeutung.
Politik, Familie, Reisen & Co
Dass der Inhalt der Tagebücher viele Rückschlüsse auf politische sowie gesellschaftliche Entwicklungen zulässt, liegt für Seitschek auf der Hand. „Abgesehen von Hinweisen zu den politischen Entwicklungen aus Sicht des Kaisers, die nur mit genauer Sachkenntnis der Ereignisse verständlich werden, erfahren wir in den Tagebüchern etwas über die dem Kaiser nahe stehenden Personen, insbesondere über die Familie: so sorgte er sich um den Gesundheitszustand seiner Gattin Elisabeth Christine [Anm. d. Red.: Sie ist auf der Münze mit Karl VI. zu sehen.“. Insbesondere wird das etwa bei Krankheiten oder auch den Schwangerschaften deutlich, die er akribisch verzeichnete“, berichtet Seitschek. Ähnlich habe es sich mit dem eigenen Gesundheitszustand oder bei Kuraufenthalten verhalten.
Besuch der Töchter
Nicht zuletzt werden Seitschek zufolge die Töchter oder konkret auch Maria Theresia genannt, wenn diese Karl VI. besuchte. „Mehrfach fallen Hinweise zu seinen Ratgebern, wie etwa Prinz Eugen. Anhand dieser Anmerkungen können die Entscheidungsstrukturen am Wiener Kaiserhof nachvollzogen werden. Schließlich notierte Kaiser Karl VI. Ereignisse bei Hof, wie etwa die Abhaltung von Opern, Scheibenschießen oder Jagden. Auf Reisen machte er sich kurze Notizen zu den besuchten Orten und Regionen, die ihm gefielen oder auch „schlecht ort“ waren“.
Lücken
Karl VI. führte von 1707 bis zu seinem Tod 1740 Tagebuch beziehungsweise sind die Notizen für diese Jahre erhalten. „Immer wieder gibt es größere und kleinere Lücken, etwa umfasst das Jahr 1718 nur knapp zwei Seiten. Nach dem Tod des wenige Monate alten Sohnes zu Beginn des Monats November 1716 fehlen etwa die Einträge bis zum Ende des Jahres. Rechnet man also rund drei Jahre bei den Tagebüchern ab, kann man von knapp 11.000 Einträgen ausgehen, die durchschnittlich drei Zeilen umfassen. Insbesondere im letzten Lebensjahrzehnt sind die Einträge aber etwas umfangreicher“, so Seitschek.
Der Autor selbst beschäftigt sich seit etwa acht Jahren mit Karl VI. 2011 kuratierte er die Ausstellung „300 Jahre Karl VI. – Spuren der Herrschaft des „letzten“ Habsburgers“, die im Österreichischen Staatsarchiv zu sehen war.


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