„Befreiungskind“ schrieb Buch über zwanzigjährige Suche nach Vater
ST. PÖLTEN. Befreiungskinder sind Menschen, die in der Nachkriegszeit von ehemaligen Besatzungssoldaten gezeugt wurden. Viele von ihnen suchen jahrelang mühevoll nach ihren Vätern. Eine von ihnen ist die gebürtige St. Pöltnerin Eleonore Dupuis, die ein Buch über die Suche nach ihrem russischen Vater schrieb.

Eleonore Dupuis wurde als Eleonore Novy im April 1946 in St. Pölten geboren. Mit ihrer Mutter Stephanie Novy und ihrer älteren Schwester Erna bewohnte sie ein Barockhaus am Herrenplatz 2. Nach der Matura im Jahr 1964 arbeitete Dupuis zwei Jahre bei der Sparkasse und ging dann als Au-pair-Mädchen nach England und Frankreich. In Sydney (Australien) heiratete sie den Franzosen Yvan Dupuis. Mit ihm zog sie nach Argentinien und von dort wieder zurück nach Frankreich. Seit der Scheidung im Jahr 2000 wohnt die 70-Jährige in Wien. Ihre Eltern lernten sich nach dem Krieg in einem Schrebergarten im heutigen Tulpenweg kennen. Der Vater, ein russischer Besatzungssoldat, kümmerte sich um die Mutter und die ältere Schwester, brachte Brot und andere Lebensmittel. Wie die kurze Beziehung verlief, erfuhr Dupuis nie. „Meine Mutter hat nur erzählt, dass er ein guter Mensch war“, erinnert sich die Autorin. Als Stephanie Novy im dritten Monat schwanger war, fand die Beziehung ein abruptes Ende. Dupuis“ Vater wurde wegen einer Verletzung am Bein in ein Lazarett abkommandiert. Dabei könnte es sich aber auch um einen Vorwand gehandelt haben. „Viele Soldaten, die Beziehungen zu einheimischen Frauen unterhielten, wurden damals weggeschickt. Das kam immer auf den Kommandanten an“, erzählt Dupuis. Der Vater verschwand, ohne Kontaktdaten zu hinterlassen. Die Mutter wusste lediglich seinen Vornamen Michail und dass er angeblich aus Twer (damals Kalinin), einer Stadt nördlich von Moskau, stammte.
DNA-Proben negativ
Mit neun Jahren erfuhr Eleonore Dupuis, wer ihr leiblicher Vater war. Auf den Gedanken, nach ihm zu suchen, kam sie erst 1996, ein Jahr nach dem Tod der Mutter. „Ich habe in einer BBC-Sendung in Frankreich zum ersten Mal von Besatzungskindern gehört, die ihre Väter suchen. Dann habe ich mir gedacht, das möchte ich auch“, erinnert sich die dreifache Mutter. Sie wandte sich an das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Graz, lernte Russisch und gewann neue Kontakte. Barbara Stelzl-Marx, die stellvertretende Leiterin des Instituts, vermittelte sie schließlich 2002 an die russische Fernsehsendung „Schdi minja“ (Warte auf mich), die hilft, nach vermissten Menschen zu suchen. Ein großes Problem war, dass Dupuis den Nachnamen ihres Vaters nur ungenau kannte. Dieser soll laut ihrer Mutter wie Grossmann oder Gromov geklungen haben. Dupuis ließ sich nicht entmutigen, startete Aufrufe in Zeitungen, stöberte in Archiven und lernte viele Menschen kennen. Dreimal schien die Suche von Erfolg gekrönt zu sein, doch durchgeführte DNA-Proben zerstörten die Hoffnungen jedes Mal aufs Neue. Aufzugeben kam Eleonore Dupuis, die bisher vierzehn Mal nach Russland reiste, nie in den Sinn. Auch heute sucht sie noch nach ihrem Vater, der mittlerweile aber über 100 Jahre alt sein müsste.
Schreiben am Buch dauerte sieben Jahre
Nachdem ein Militärangehöriger aus Jekaterinburg die Geschichte von Dupuis“ Suche in einer Militärzeitschrift veröffentlichte, rieten ihr Freunde aus Moskau, ein Buch aus dem zwölf A4-Seiten fassenden Bericht zu machen. Sieben Jahre lang sammelte Dupuis ihre Erfahrungen, Enttäuschungen und Hoffnungen, bis sie damit ein Buch mit 120 Seiten füllte. Dieses erschien vergangenes Jahr unter dem Titel „Befreiungskind“ im Verlag Edition Liaunigg. Präsentiert wurde es im April 2015 im Stadtmuseum St. Pölten. Die heuer in Moskau präsentierte russische Fassung erschien beim russischen Verlag Rosspen und enthält noch mehr Bilder und historische Dokumente.


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