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ST. PÖLTEN. Jasmin Öztürk studiert digitale Medientechnologie an der FH St. Pölten. Für ihre Masterarbeit erforschte sie anhand eines Kurzfilms, ob Laien gemeinsam ein kreatives Drehbuch für die Filmindustrie erstellen und professionelle Drehbuchschreiber ersetzen könnten.

  1 / 3   Um die Handlung des Films zu entwickeln, bediente sich Jasmin Öztürk des Instruments des Crowdsourcings. Fotos: Jasmin Öztürk

531 Teilnehmer bestimmten beim „Storytelling-Experiment“ mithilfe eines Online-Fragebogens unter anderem das Geschlecht, die Optik und die Persönlichkeit der Hauptfiguren, sowie die Entwicklung der erzählten Handlung. Anhand der prozentuell ausgewerteten Ergebnisse gestaltete Öztürk einen knapp eineinhalb Minuten dauernden Kurzfilm, dessen Animationen sie selbst zeichnete. „Das Erwachsenwerden, die Sexualität oder die Frage, was man vom Leben will, waren jene Themen, die die Befragten hauptsächlich interessierten“, erzählt die 24-Jährige. Um alle gewünschten Aspekte in der kurzen Zeit einbauen zu können, wie beispielsweise die Genres Drama und Abenteuer, entschied sie sich auch für den Einsatz einer Klartraum-Sequenz, welche es bei den Themen unter die Top 10 geschafft hatte.

Produktion dauerte zweieinhalb Monate

Heraus kam der crowd-kreierte, 2D-animierte Film „Lucid“, bei dem ein junges Mädchen in einem Klartraum (Traum, in dem der Schlafende sich bewusst ist, dass er träumt) paranormale Dinge erlebt und um sich aufwecken zu können, einen drastischen Schritt gehen muss. Die Produktion des Films dauerte rund zweieinhalb Monate. Ähnlich wie der Song „Take on me“ der norwegischen Pop-Band a-ha kam die Technik der Rotoskopie zur Anwendung. Dabei wird Videomaterial als Referenz aufgenommen, in ein Grafikprogramm - in diesem Fall Photoshop - importiert und anschließend Bild für Bild abgezeichnet. Der Film setzt darüber hinaus Texturen ein, um eine besondere Atmosphäre zu schaffen, und wird mit der Musik des russischen Komponisten Kai Engel untermalt.

Klischees bei Befragten beliebt

Jasmin Öztürk wollte herausfinden, wie die Profis von der befragten Masse profitieren könnten und ob das Produzierte auch dann tatsächlich dem Mainstream gefällt. „Ursprünglich glaubte ich, dass die Gruppe der Befragten, die aus Film und Fernsehen bekannten Formate, wie Hollywoods 0815-Romantikkomödie oder die Standard-Telenovela, ablehnen und sich der fertige Film daher deutlich von diesen unterscheiden würde“, erklärt Öztürk. Zur großen Überraschung erwies sich die Masse aber nicht wie angenommen als müde von den ständig wiederkehrenden Formaten, viel mehr zeigte sich, dass sie genau diese konventionellen Muster liebt und das Medium an sich mehr zum Eskapismus (Flucht in eine Scheinwirklichkeit) denn zur Immersion (virtuelle Realität) nutzt. Die Befragten entschieden sehr konservativ und bedienten übliche Klischees. So entschied sich beispielsweise die Mehrheit für das dramatische Stilmittel der toten Eltern und - trotz der ethnischen Vielfalt in der Charaktererstellung - für kaukasische Akteure. Das brachte Öztürk zu der Erkenntnis, dass die Kreativität von Profis für die Filmindustrie unersetzlich ist. Die Studentin führt diesen Hang zu bewährten Klischees auf den bereits erwähnten Eskapismus-Effekt zurück. Darunter versteht man den Konsum von Medien, um sich vom Alltag abzuschotten und um sich zu entspannen ohne etwas dabei leisten zu müssen. „Damit erkennt man auch sehr genau die Grenzen zwischen den Laien und den Profis der Filmindustrie, denn der Laie will Unterhaltung, während der Profi die künstlerische Selbstverwirklichung sucht“, sagt Öztürk abschließend.

Link zum Projekt: www.storytelling-experiment.com

Link zum Film: https://vimeo.com/173319952


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