Historiker suchen nach Dokumenten über Juden im NÖ Zentralraum
ST. PÖLTEN. In Kooperation mit dem Bildungshaus St. Hippolyt startete das Institut für jüdische Geschichte Österreichs (Injoest St. Pölten) Anfang Februar ein innovatives Projekt: jeder Interessierte kann als „Citizen Scientist“ Forschungen zum Schicksal der Juden im Raum St. Pölten durchführen.

Vor der Auflösung durch die Nationalsozialisten hatte die Kultusgemeinde St. Pölten ungefähr 1200 Mitglieder – nicht nur in St. Pölten, Wilhelmsburg, Herzogenburg und Neulengbach, sondern auch in den vielen kleinen Orten zwischen Wienerwald und Erlauf. Alle diese Menschen hatten Nachbarn, Schulfreunde, Arbeits- und Sportkollegen, Kunden und Bekannte.
Zusammenleben von Christen und Juden vor dem Krieg
Mit Hilfe von Zeitzeugen und deren Nachkommen will das Injoest Quellen erschließen, an die man als Historiker nur schwer herankommt wie beispielsweise Briefe, Tagebücher und Stammbücher, Fotos, Geschäftspapiere, Unterlagen von Vereinen und der Freiwilligen Feuerwehr oder vielleicht sogar bisher verwahrte Gegenstände. Erforscht werden sollen gemeinsam die vielfältigen Aspekte des christlich-jüdischen Zusammenlebens vor dem Krieg wie Nachbarschaft, Freundschaft, Schule, Vereine, Beruf und Alltag, die Vertreibung und eventuelle Kontakte nach 1945.
NSDAP-Abzeichen unter den Ribiselstauden
In monatlichen Workshops im Hipphaus können die Teilnehmer ihre Materialien mitbringen und mit den Historikern auswerten. Zu den zwei Workshops, die bisher stattfanden, brachte eine Teilnehmerin tatsächlich den sprichwörtlichen Korb voll mit Fotos und Dokumenten mit. Sie hatte ein Haus erworben, dessen Eigentümerin aus einer jüdischen Familie stammt. Auf Grundlage dieses bereits sehr gut vorsortierten Privatarchivs fanden die Historiker Christoph Lind und Philipp Mettauer weitere Familienmitglieder, drei von ihnen wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Eine Teilnehmerin hatte zu ihrem Schrecken in ihrem Garten ein NSDAP-Abzeichen gefunden, sorgfältig vergraben unter den Ribiselstauden.
Präsentation der Ergebnisse im November
Für alle Teilnehmer – die jüngste Anfang 30, die Älteste 74 – ist die Geschichte vor allem des Nationalsozialismus sehr gegenwärtig. Die Workshops sind frei zugänglich, sie sind allerdings keine (oder nicht ausschließlich) Fortbildungsveranstaltungen. Das Injoest wünscht sich eigene Fragen und Anliegen, Materialien und Informationen aus dem Familiengedächtnis, die gemeinsam diskutiert und vielleicht geklärt werden können. Sie können allerdings auch auf einem Blog deponiert werden. Die Ergebnisse des Projekts werden bei der Schlussveranstaltung am 9. November im Bildungshaus St. Hippolyt präsentiert und unter Beachtung des Datenschutzes auf dem „Memorbuch“ der vernichteten jüdischen Gemeinde St. Pölten online gestellt.
Termine Workshops
Die Workshops finden am Freitag, 21. April, Donnerstag, 11. Mai, Montag, 26. Juni, Dienstag, 12. September jeweils von 18 bis 20 Uhr im Bildungshaus St. Hippolyt statt. Der Eintritt ist frei.


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