Michel und Max auf der Walz
ST. PÖLTEN/LUXEMBURG/DEUTSCHLAND. Im ausgehenden Mittelalter war es für Handwerksgesellen Pflicht, nach ihrer Ausbildung auf „Wanderschaft“ zu gehen, um in anderen Betrieben neue Arbeitsmethoden zu erlernen und Erfahrung zu sammeln. Meist nur gegen Kost und Logis. Zwei Wandergesellen trafen gestern in St. Pölten ein. Sie lassen die nicht mehr gepflegte Tradition wieder aufleben.

Michel Mathieu aus Luxemburg und Max Stechmann aus dem deutschen Rendsburg sind zwei Zimmermänner auf Wanderschaft, auch Walz genannt. Drei Jahre wollen sie nun um die ganze Welt reisen um geschickter und schlauer zu werden. Mathieu zieht es nach dem Aufenthalt in St. Pölten nach Rumänien und Australien. Stechmann wird mit seinem Kumpanen noch mit nach Rumänien kommen, danach geht´s nach Israel und Nepal. Zumindest haben die beiden das vor dem St. Pöltner Hauptbahnhof so beschlossen, während ihnen eine junge Passantin anhand einer Stadtkarte erklärte, wo sie schlafen könnten.
Schlafen im Sparkassenpark
Sie seien sehr bescheiden, so die beiden, und mit Schlafsack ausgerüstet und würden auch in einem Park übernachten. „Nun, dann bietet sich der nahe Sparkassenpark an“, so die junge Dame spontan. Notfalls könnte man ja auch bei Emmaus in der Notschlafstelle fragen. Dort gebe es wenigstens Betten und Sanitäranlagen. „Ja, aber wir wollen Obdachlosen die das eher brauchen als wir, keinen Platz wegnehmen“, so die beiden entschieden und machten sich, mit einer kleinen Spende für ein paar Getränke ausgestattet, auf den Weg. Grundsätzlich sind wandernde Gesellen auf Almosen der Bevölkerung angewiesen. Das heißt nicht vorzugsweise auf Geld sondern eher auf Essen und Getränke. Deshalb haben sie sich auch immer „ehrbar und zünftig“ verhalten.
Ohne Geld mit Autostopp gen Osten
Am nächsten Tag gehe es frühmorgens per Autostopp Richtung Osten. „Denn öffentliche Verkehrsmittel, oder gar ein eigenes Fahrzeug – so die Vorschrift – dürfen wir nicht verwenden“, erklärt der Luxemburger Mathieu in einwandfreiem Deutsch gegenüber Tips St. Pölten. Das Flugzeug zu benutzen um auf einen anderen Kontinent zu gelangen, sei erlaubt. Beide sind mit einem Wanderstab – auch Stenz genannt – ausgestattet, tragen ihre eigene Gesellenkluft und ihr Hab und Gut in einem Gepäckstück mit der Bezeichnung „Charlottenburger“. Den Luxemburger ziert ein Zylinder am Kopf, den Deutschen ein Dreispitz-Hut. Vor der Abreise könnte ja auch noch ein Besuch beim Bürgermeister anstehen, wo man zünftig um das Stadtsiegel ansuchen sollte. Denn der Besuch aller Städte sollte mit dem jeweiligen Stadtsiegel dokumentiert werden.
Übrigens: Auf die Walz darf heute nur gehen, wer die Gesellenprüfung erfolgreich abgelegt hat, ledig, kinderlos und schuldenfrei ist. Auch darf der eigene Heimatort nicht bis auf einen Umkreis von 50 Kilometer betreten werden.
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