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Schule ohne Angst vor Bombenangriffen: Dari-Unterricht im Saal der Begegnung St. Pölten

Thomas Lettner, 24.01.2018 12:00

ST. PÖLTEN. Vor sechs Jahren flüchtete Shaima Jalal mit ihren vier Kindern vor dem Krieg in Afghanistan nach Österreich. In St. Pölten unterrichtet sie nun afghanische Kinder und Jugendliche in ihrer Muttersprache und unterstützt Schüler bei Lernschwierigkeiten und Problemen.

Shaima Jalal mit afghanischen Kindern und Jugendlichen, die sie jeden Sonntag im Saal der Begegnung in St. Pölten in Dari unterrichtet.

Shaima Jalal arbeitete in ihrer Heimatstadt Masar-e Scharif, der viertgrößten Stadt Afghanistans, 23 Jahre lang als Biologie-Lehrerin. Da auch ihre Eltern bereits Lehrer waren, konnte sie ohne Probleme studieren, ein Privileg, das nicht allen Frauen in Afghanistan vergönnt ist. Der Krieg ist in dem von Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Usbeken und kleineren ethnischen Gruppen bewohnten Land seit Jahrzehnten allgegenwärtig. Jalal musste als Sechsjährige mitansehen, wie ihr Vater und ihr Bruder getötet wurden.

Gefährliche Zusammenarbeit

Da sie beim US-amerikanischen ASET (Afghan Support Education and Training)-Projekt mitarbeitete, das sich für Bildung und Unterstützung der ärmsten Bevölkerungsschichten in Afghanistan einsetzt, wurde es für Jalal brenzlig. Vor sechs Jahren floh sie daher mit ihren vier Kindern, die heute im Alter von 16 bis 24 Jahren sind, nach Österreich, um ein neues Leben anzufangen. Ihr Mann kam zwei Jahre später nach. Anfangs wusste sie nicht, wie es nun in dem fremden Land weitergehen soll.

Kinder sind sehr lernbegierig

Schnell bekam Jalal einen positiven Asylbescheid und absolvierte zwei Deutschkurse bis zum Niveau B1. „Wir haben jetzt ein schönes Leben hier. Meine Kinder arbeiten oder gehen in die Schule“, sagt Jalal. Auch sie selbst kann seit zehn Monaten wieder ihrem Traumberuf nachgehen. Im Saal der Begegnung in St. Pölten unterrichtet Jalal jeden Sonntag ehrenamtlich 50 afghanische Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 17 Jahren in „Dari“, der Mehrheitssprache in Afghanistan. „Ich habe gesehen, dass die Kinder, die hier geboren werden, ihre Muttersprache nicht lesen und schreiben können“, sagt sie. Die Kinder seien sehr lernbegierig, was sie auch schon in Afghanistan beobachtet hatte. „Auch wenn am Vortag eine Bombe eingeschlagen hat, kamen die Kinder am nächsten Tag wieder zur Schule, weil sie etwas lernen wollten. Es war unglaublich“, erinnert sich Jalal.

Beratung an Schulen

Seit Anfang Dezember 2017 ist Jalal beim niederösterreichischen Landesschulrat angestellt und Mitarbeiterin eines mobilen interkulturellen Teams. Dieses vom Bundesministerium für Bildung im April 2016 gestartete Projekt setzt sich für die Integration von Flüchtlingskindern an Schulen sowie für die Beratung und Unterstützung des Lehrpersonals und der Eltern ein. Jalal besucht nun jede Woche drei Schulen in St. Pölten, hilft den Kindern bei Lernschwierigkeiten und stellt ein Verbindungsglied zwischen Eltern, Schülern und Lehrern dar.

Kinder haben Chance für Neuanfang verdient

Auch wenn sie oft traurig ist, nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren und dort als Lehrerin arbeiten zu können, ist Jalal doch froh, in Österreich eine neue Chance bekommen zu haben. Sie wünscht sich, dass jedes afghanische Kind seine Möglichkeit bekommt, in die Schule gehen zu können, Deutschkurse zu besuchen und einen Job zu erlernen. „Die Kinder haben eine schwere Zeit hinter sich. Deswegen muss auch ihnen eine Chance gegeben werden, um einen Neuanfang machen zu können. Sonst bleibt die Vergangenheit immer allgegenwärtig“, meint sie.


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