Ziselsberger: "Unseren Kindern soll es einmal besser gehen"
ST. PÖLTEN. Nach dem Rücktritt von Friedrich Schuhböck steht der Herzogenburger Hannes Ziselsberger als neuer Caritasdirektor der Diözese St. Pölten fest. Der 46-Jährige, der am 1. September seinen Dienst antreten wird, kann einen reichen Erfahrungsschatz im Sozialbereich vorweisen.

Tips: Diözesanbischof Klaus Küng hat Sie zum neuen Caritas-Direktor in der Diözese St. Pölten ernannt. Was zeichnet Sie für diese Funktion aus?
Ziselsberger: Ich kenne und schätze die Arbeit der Caritas sehr und ich bin persönlich in der katholischen Kirche der Diözese gut verankert. Von 1995 bis 2008 war ich bereits Caritas-Mitarbeiter in St. Pölten und Retz und danach Geschäftsführer vom Verein Wohnen. Diese Erfahrungen im Sozialbereich nehme ich in die neue Arbeit mit.
Welche Erfahrungen sind für ihre neue Tätigkeit besonders wertvoll?
Ich habe 13 Jahre bei der Caritas für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen gearbeitet. Im Verein Wohnen hatte ich viel mit Menschen ohne Arbeit, mit der Wohnungslosenhilfe und mit der Unterbringung von Flüchtlingen während der Grundversorgung zu tun. Als Prokurist im psychosozialen Zentrum in Schiltern bekam ich einen guten Einblick in die Arbeit mit Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Wie bewerten Sie die Arbeit Ihres Vorgängers Friedrich Schuhböck?
Sehr positiv. Ich durfte fünf Jahre in der Caritas St. Pölten mit ihm zusammenarbeiten. Friedrich Schuhböck hat sehr viel für notleidende, arme und kranke Menschen getan. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte die Caritas 560 Mitarbeiter, heute sind es 2180 hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und der Caritas?
Ich bin überzeugt, dass die Caritas ein wichtiger Teil der katholischen Kirche ist. Kirche ohne Caritas ist undenkbar, genauso wie umgekehrt. Caritas bedeutet für mich Einsatz für arme, kranke, ausgegrenzte und benachteiligte Menschen in unserer Gesellschaft, im Inland und im Ausland.
Was sind die größten Herausforderungen der Caritas in der Zukunft?
„Unseren Kindern soll es einmal besser gehen.“ Diese Aussage ist heute nicht mehr selbstverständlich. Wir sind heute nicht nur mit Langzeitarbeitslosigkeit, sondern auch mit Jugendlichen ohne Arbeit konfrontiert, mit psychisch kranken Menschen, mit Altersdemenz, mit überforderten pflegenden Angehörigen, mit Wohlstandsverwahrlosung und der Integration von Flüchtlingen. Wir müssen gemeinsam die soziale Infrastruktur im Land und den „Grundwasserspiegel an Solidarität“ aufrechterhalten.
Brauchen wir in Zukunft mehr ehrenamtliches Engagement?
Die Freiwilligenarbeit und das ehrenamtliche Engagement spielten eine große Rolle und sind in Österreich auch gut entwickelt. Denken wir nur an die vielen Vereine. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, dass Gesundheits- und Sozialleistungen gekürzt werden und wir zu viele Aufgaben aus vermeintlichem Geldmangel an die Ehrenamtlichen delegieren.
Die Bevölkerung wird immer älter, die finanziellen Mittel für Pflege immer weniger. Kann man sich hier Konkurrenz leisten oder sollen Einrichtungen wie Hilfswerk, Volkshilfe und Rotes Kreuz enger zusammenarbeiten?
Konkurrenzdenken macht hier keinen Sinn. Da für alle Einrichtungen die gleichen gesetzlichen Kostenfaktoren wie Pflegegeld und Kundenbeiträge gelten, zählt hier nur die persönliche Dienstleistung und das Vertrauen in eine Organisation. Mitbewerber sind wichtig. Die Menschen, die Betreuung und Pflege brauchen, sollen hier auch eine entsprechende Auswahl haben. Aufgrund unserer Statuten sind wir nicht gewinnorientiert, sondern wir sind wirkungsorientierte Organisationen. Wenn die Wirkung für die Menschen besser ist, wenn man kooperiert, dann wird es sinnvoll sein zu kooperieren.
Die Caritas wird oft als ÖVP-nahe angesehen. Spielt die Parteipolitik heute noch eine große Rolle?
Wir helfen Menschen unabhängig von Partei- und Religionszugehörigkeit. Wir fragen nicht, ob jemand Inländer oder Ausländer ist, oder selber an seiner Notlage schuld ist. Wir agieren so wie die Rettung, die zu einem Unfall gerufen wird. Dort wird geholfen – und nicht die Verschuldensfrage diskutiert. Dafür sind andere Einrichtungen, wie z.B. Gerichte, zuständig. Wir helfen Menschen in Not und achten auf die Würde des Menschen. Parteipolitik spielt bei uns keine Rolle. Wir ergreifen Partei für Menschen in Not, engagieren uns gesellschaftspolitisch aber nicht für eine bestimmte politische Partei.
Was sind die größten Herausforderungen in der Flüchtlingsarbeit?
Im Vorjahr waren es die Notunterkünfte und die Wohnräume, heuer sind es vor allem die Integration und die Fragen der Arbeitsmöglichkeiten. Wo und wie können diese Menschen gut Deutsch lernen und wie finden sie Arbeit, damit sie sich selbst erhalten können. Hier sind nicht nur wir, sondern auch die Politik gefordert.
Wie sehen Sie die Unterstützung der österreichischen Bevölkerung bei der Betreuung der Flüchtlinge?
Ohne die viele Ehrenamtlichen – wie z.B. der „Willkommen Mensch-Initiativen“ und anderer Gruppen in den Pfarren und Gemeinden stünden wir hier vor ganz schwierigen Situationen. Die Leistung der Zivilgesellschaft ist beachtlich und man wird den wahren Wert dieser Arbeit erst rückblickend in den nächsten Jahren erkennen. Viele Menschen würden auch noch freien Wohnraum zur Verfügung stellen, wenn sie auf Hilfe und Unterstützung von ehrenamtlichen und professionellen Helfern sowie örtlichen politischen Verantwortungsträgern zählen könnten.
Österreich hat in der EU einen Bevölkerungsanteil von 1,5 Prozent. Im Vorjahr wurden 7 Prozent aller Asylanträge innerhalb der EU in Österreich gestellt. Ist das nicht zu viel?
Jeder Asylantrag ist einer zu viel, weil hinter jedem ein Mensch steht, der als Flüchtling seine Heimat verlassen hat. Das wünsche ich niemandem. Wir werden es trotzdem nicht verhindern können, dass Menschen aus diesen Krisenregionen fliehen. Weltweit sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Das liegt auch an den Klimaveränderungen. Zahlreiche wollen nach Österreich, denn wir bieten als Land Sicherheit und Wohlstand, was man auch als Kompliment und großes Lob sehen kann. Europapolitisch ist es allerdings fatal, dass es keine Verteilungsgerechtigkeit gibt. Da werden noch viele Verhandlungsrunden notwendig sein.
Was sagen Sie zu den Vorwürfen, die Caritas würde sich zu sehr auf Ausländer und Asylwerber konzentrieren und zu wenig auf die notleidenden Menschen in Österreich?
In der Caritas St. Pölten arbeiten derzeit 2180 hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den großen Dienstleistungsbereichen Pflege, Familie, PsychoSoziale Einrichtungen, Caritas für Menschen mit Behinderungen sowie in den Sozialberatungsstellen und in der Not- und Katastrophenhilfe im In- und Ausland. Von den vielen Mitarbeitern sind 4 in der Auslandshilfe beschäftigt und rund 15 in der Flüchtlingsarbeit. Die Caritas St. Pölten hat einen Jahresumsatz von 90 Mio. Euro. Davon wurden im Vorjahr 3,2 Millionen für die Katastrophenhilfe im Ausland und für Entwicklungszusammenarbeitsprojekte vor allem in den Ländern Albanien, Pakistan und Senegal aufgewendet.
Was könnte man international in der Flüchtlingshilfe vor Ort gesehen verbessern, damit die Flüchtlinge gar nicht ausreisen müssen?
Hilfe vor Ort ist uns wichtig. Die Caritas hilft daher mit vielen Entwicklungsprojekten in zahlreichen Ländern. Wir haben im Senegal vier Projekte gestartet, wo wir für 3800 Familien eine ganzjährige Ernährungssicherheit erreichen wollen. Feld- und Gemüseanbau vor Ort soll dies mit unserer Unterstützung nachhaltig ermöglichen. Wenn Menschen eine Lebensgrundlage und Perspektiven haben, dann bleiben sich auch im Heimatland und haben wenig Grund zu uns zu kommen.
Sind wir in den westlichen Industrieländern daran schuld, dass manche Länder ausgebeutet werden?
Ich würde weniger von persönlicher Schuld sprechen. In zahlreichen benachteiligten Ländern werden beispielsweise nicht nur die Rohstoffe exportiert, sondern auch die wirtschaftliche Gewinne. Diese Ungleichheiten im Wohlstand führen zu Spannungen und verursachen langfristige Konflikte. Damit vernünftig umzugehen, ist eine der größten internationalen Herausforderungen. Und hier ist jeder/jede von uns auch persönlich gefordert, beim Einkaufen, beim Ressourcenverbrauch usw. Nächstenliebe schließt jeden Menschen mit ein, der Hilfe braucht. Wenn wir den Menschen nicht dort helfen, wo sie leben, werden wir irgendwann einmal ein Problem bei uns bekommen.
Die Caritas kümmert sich auch um Drogen- und Alkoholsüchtige, um Wohnungs- und Arbeitslose. Wie sollen Menschen behandelt werden, die trotz der Unterstützung der Caritas keinen Willen zur Besserung zeigen?
Es gibt beratungsresistente Menschen, bei denen es eine gewisse Frustrationstoleranz braucht. Mein Ansatz in diesen seltenen Fällen: fordern und Grenzen setzten. Ich halte nichts davon, wenn jemand z. B. seine Wohnungsmiete nicht zahlt, zu sagen, es wäre egal. Das wäre für mich ein vollkommen falscher Ansatz. Menschen müssen auch mit den Konsequenzen ihres Tuns konfrontiert werden.
Wie gut unterstützt die österreichische Bevölkerung die Arbeit der Caritas?
Die Caritas ist eine Organisation, die in der Bevölkerung gut verankert ist. Dass man manchmal aneckt und es Menschen gibt, die uns für das, was wir tun, kritisieren, damit müssen wir leben. Aber viele Menschen unterstützen unsere Arbeit – und helfen damit Menschen in Not. Leider gibt es immer wieder Falschmeldungen. Die Caritas verschenkt z.B. keine Handys und zahlt auch keine Handyrechnungen. Diese Aussagen kann man nur als gehässige Falschmeldungen bezeichnen.
Caritas der Diözese St. Pölten
2180 Mitarbeiter
162 Standorte in der Diözese St. Pölten (Mostviertel, Waldviertel und im Zentralraum bis Tulln)
90 Millionen Euro Jahresumsatz
4,8 Millionen Euro Spenden im Jahr 2015
Arbeitsschwerpunkte
Not- und Katastrophenhilfe im In- und Ausland
Familie- und Pflege (Mobile Dienste und Pflegeheim)
Betreuung und Begleitung von Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie Menschen mit Behinderungen (Arbeit und Wohnen)


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