Işik: "Ich habe keine Angst, dass irgendein durchgedrehter Muslim in NÖ Anschläge verübt"
ST. PÖLTEN. Mehmet Işik ist Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Niederösterreich und betreut als Gefängnis-Seelsorger aus Syrien zurückgekehrte Dschihadisten. Tips befragte den 48-Jährigen türkischstämmigen Theologen über den Islam und den Islamismus sowie dessen Bedrohungspotenzial für Niederösterreich.

Was unterscheidet den Islam vom Christentum?
Darüber könnten wir mehrere Tage reden. Der größte Unterschied ist, dass der Islam einen Propheten hat, und im Christentum gibt es Jesus. Er ist für die Christen kein Prophet, sondern der Sohn Gottes. Für uns ist Jesus ein Prophet genauso wie Mohammed. Im Koran ist Jesus einer von 104 Propheten und einer der meisterwähnten Personen. Die Propheten waren Auserwählte, die die Menschen auf die richtige Bahn leiten sollen. Vom Stellenwert her sind die Propheten alle ziemlich gleich. Als Muslime ist es unsere Pflicht, jedem Propheten zu glauben. Mohammed war der letzte Prophet, nach ihm wird es nach unserer Auffassung keinen mehr geben.
Welche Meinung haben Muslime über das Christentum?
Sehr viele Muslime leben in Ländern der Dritten Welt, in denen sie wenig Zugang zu Bildung haben. Sehr viel wird aus Erzählungen übernommen, weshalb es sehr viele Vorurteile gegenüber Christen und Juden gibt. In der Türkei oder in einem islamischen Land, wo nur Muslime leben, ist man nicht mit Fragen zu anderen Religionen konfrontiert. Ich war voriges Jahr zu Weihnachten bei einem Vortrag eines Imams (entspricht etwa einem Pfarrer im Christentum) in der Türkei, der über das Christentum sprach. Nach zehn Minuten musste ich einschreiten, weil der Imam überhaupt keine Ahnung hatte. In Österreich gibt es mehrere Religionen, weshalb sich ein Imam weiterbilden muss. Ein Imam aus Ägypten hat vielleicht nur wenige koptische Christen, wo dann auch kein Interesse für diese da ist. Hier leben mehrere Religionen auf engem Raum beieinander, da hat man immer Konflikte, Wünsche und Fragen. Deshalb hat man hier die besten Imame, die sich in Theologie sehr gut auskennen.
Verherrlicht der Islam die Gewalt?
Das Wort Islam bedeutet Friede. Wenn man einen Menschen oder einen Glauben nicht kennt, dann verurteilt man ihn sofort. Wenn Muslime drei Anschläge verüben, bei denen sie Allahu akbar (Gott ist groß) schreien, wird der Islam als terroristische oder gewalttätige Religion hingestellt. Es leben in Österreich aber 650.000 Muslime, von denen redet keiner, sondern es redet jeder nur von den drei Anschlägen. Über Gewalt wird in den Medien gern gesprochen. Die guten Muslime kommen nicht in die Medien. Von dem einen 14-jährigen St. Pöltner (Herbst 2014), der den Westbahnhof sprengen wollte, hat man monatelang etwas gelesen. Da hat es geheißen, er ist ein Muslim und er ist gewalttätig, dabei war er gar kein Muslim. Der junge Mann war ein Alevite. Das ist eine Abspaltung vom Islam zurzeit des Kalifen Ali ungefähr 60 Jahre nach dem Propheten Mohammed. Alevite glauben nicht an den Koran. Für die Aleviten ist Ali die Hauptfigur ihres Glaubens. Im Koran steht, dass Gewalt nicht erlaubt ist. Es ist die größte Sünde, sich selbst oder einen anderen Menschen umzubringen. Allah hat uns das Leben gegeben und er ist der einzige, der es uns nehmen kann. Deswegen können sich Terroristen nie auf den Koran berufen. Mohammed war nie für Gewalt oder für Gewalt in der Familie. Das Problem ist die Bildung. Wenn die Menschen den Propheten lesen und einmal überlegen würden, wie der Umgang des Propheten mit den Menschen war, dann würde sich mindestens jeder zweite Islamist ändern müssen. Mohammed hat sogar Hausarbeit gemacht, was als Mann in der damaligen Zeit bewundernswert war.
Steht der Dschihad im Koran?
Dschihad heißt, im Namen Allahs etwas zu tun. Wenn ich mit jemanden über den Glauben spreche und ihn aufkläre, ist das ein Dschihad für mich. Wenn Sie in der Zeitung etwas über den Islam schreiben, ist das genauso ein Dschihad. Dschihad bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes etwas Gutes zu tun. Ein Tschetschene geht im Namen Allahs nach Syrien in den Dschihad. Dort gibt es mindestens 20 verschiedene islamistische Gruppen, die sich gegenseitig bekämpfen. Sie nennen sich alle Muslime und sich wollen sich gegenseitig im Namen Allahs bekriegen. Wie soll das gehen? Der Schöpfer ist nie dafür, dass sich Menschen im Namen des Glaubens umbringen. Das ist nicht nur bei den Christen so, sondern auch nicht bei den Juden oder den Muslimen. Der Prophet hat gesagt, dass der Mensch, der einem Menschen das Leben rettet, so viele gute Punkte bekommt, als ob er das Leben der ganzen Menschheit gerettet hätte. Umgekehrt bekomme ich wenn ich einen Menschen töte, so viele Minuspunkte, als ob ich die ganze Menschheit getötet hätte. Ein Gott kann es nie erlauben, dass in seinem Namen Menschen getötet werden. Der Prophet hat auch gesagt, dass man nicht schlafen gehen darf, wenn man weiß, dass der Nachbar hungert, egal ob der Nachbar Muslim oder kein Muslim ist. Im zweiten Sure (Abschnitt des Korans) Vers 47 steht, dass die Menschen eifern sollen, Gutes zu tun. Wer Recht oder Unrecht hat, darüber soll man sich nicht kümmern, das wird Allah im Jenseits bestimmen. Es gibt bei uns auch eine Armensteuer. Jeder Mensch, dem es gut geht, hat die Pflicht, von deinem Vermögen 2,5 Prozent an die Armen abzugeben. Den Armen soll man in seiner Nähe suchen, zum Beispiel in der Verwandtschaft oder der Nachbarschaft. Deswegen hat sich der Islam auch so schnell verbreitet, weil er für die Armen da war. Jetzt ist der Islam mit 1,6 Milliarden Gläubigen nach dem Christentum die zweitgrößte Religion der Welt.
Wie sieht die Jenseitsvorstellung im Islam aus?
Die Seele kommt weiter, die Taten während des Lebens werden vorgetragen. Man wird immer von zwei Engeln begleitet, einer auf der rechten und einer auf der linken Schulter. Der auf der rechten Schulter schreibt nur die guten Taten auf, der auf der linken die schlechten. Im Jenseits tragen sie alles vor und sagen, an dem Datum hat man das und jenes getan, dann wird alles beurteilt. Zuerst muss man seine Strafe abbüßen, dann kommt man ins Paradies.
Wie sehen Sie als Moslem die Taten des IS, der Taliban oder von Al Kaida?
Das Schema ist ja bei den genannten Gruppen gleich. Angefangen hat es in der islamischen Welt 1940 mit dem ägyptischen Extremisten-Anführer. Der hat die armen Menschen mit finanziellen Hilfeleistungen auf seine Seite gebracht. Der Bin Laden-Clan war einer der reichsten von Saudi Arabien. Mit dem Geld haben sie Leute kaufen können. Die USA haben die Taliban und Bin Laden aufgebaut in Afghanistan, weil sie sie gegen die Russen gebraucht haben. Dann ist irgendwann der Schuss nach hinten losgegangen, weil er nicht mehr das getan hat, was die Amerikaner wollten. In der Weltgeschichte ist es immer dasselbe. Irgendwelche Großmächte brauchen etwas, und das Volk muss schauen, dass es dann damit zurechtkommt.
Gewalt wird immer von irgendjemandem gezüchtet. Wie es im Fall des jungen St. Pöltners war, da kam jemand und bot ihm etwas an. Die Eltern sind geschieden, er braucht einen Vaterersatz. Das Internet ist sein bester Freund. Er hat nie in seinem Leben islamischen Unterricht genommen. Er hat von der Religion überhaupt keine Ahnung. Der 14-Jährige hat erstens überhaupt keine Ahnung und lebt auch noch unislamisch, weil er nicht weiß, wie er sich verhalten soll und dann will er noch die Ungläubigen bekämpfen. Das passt überhaupt nicht zusammen. Die meisten, die nach Syrien gehen, haben zu 90 Prozent mit Alkohol oder Drogen zu tun. In Österreich haben wir 275 Fälle, die in islamische Länder als Dschihadisten gegangen sind. Sehr viele hatten Drogen- und Alkoholprobleme. Im Islam sind Drogen, Alkohol und Rauchen nicht erlaubt, also sind sie keine Muslime und wissen nicht einmal, wie sich ein Muslim darstellen soll. Im Islam geht es darum, was man über den Glauben weiß, soll man im Leben umsetzen. Es ist keine Religion zum Auswendiglernen, sondern zum Praktizieren. In Wahrheit werden sie in der Hölle schmoren, sonst bekommen sie überhaupt nichts dafür. Sie werden sich wundern, was sie im Jenseits bekommen.
Was sind Ihre Erfahrungen als Gefängnis-Seelsorger?
Ich betreue die ganzen Syrien-Rückkehrer. Am Dienstag war ich auch bei dem jungen Mann in Gerersdorf. Die locken die jungen Menschen, die keine Perspektive haben, die die Schule abgebrochen oder Probleme mit der Familie haben. Sie wollen schnell aufsteigen ohne etwas dafür zu tun und Geld. In den Ländern wie dem Irak, Syrien oder Afghanistan wird ihnen etwas versprochen. Sie bekommen ein Gewehr, da werden natürlich einige schon größenwahnsinnig. Du bekommst Geld und eine Frau, alles was versprochen wird. Hier in Österreich haben sie sowieso nur zu verlieren und ziehen daher mit. Früher haben sie nur runtergehen müssen, heute muss man sich beweisen, dass man gut genug für die ist. Das heißt, man muss gewisse Anschläge für sie ausüben. Auch bei den anderen ist es das gleiche Schema. Sie wurden entweder hier radikalisiert oder kommen aus Tschetschenien radikalisiert.
Wie sieht es mit Kontrollen aus?
In der Türkei wird jetzt streng kontrolliert. Sie fangen schon jeden Zweiten auf. Alle sogenannten Dschihadisten haben von irgendwem die Ideologie eingepflanzt bekommen, sind dann irgendwann selbstständig geworden und führen nun einen Krieg. Es geht im Endeffekt nur um Macht. Es ging Bin Laden und auch jetzt den IS-Bossen nur um die Macht. Wie es dem syrischen Volk geht, ist ihnen egal. Da unten gibt es nicht nur den IS, sondern auch noch über 20 andere muslimische Gruppen. Sie sagen, wir sind die besseren und unsere Ideologie ist die bessere. Wenn sie sich beschießen, sagt jeder Allahu akbar. Das ist auch für mich als Gefängnis-Seelsorger so. Sie glauben, dass ich für den Staat arbeite, also ist es für sie eine Berechtigung, mich zu töten. Sobald die sehen, dass man vom Koran eine Ahnung hat, sagen sie, dass man für den Staat arbeitet.
Laufen nach Österreich zurückgekehrete Dschihadisten frei herum?
Nein! Ich hatte einen jungen Mann, den hat die türkische Polizei erwischt. Er hat bewiesen, dass er dort im Urlaub war. Er wurde freigelassen, aber die Vermutung, er könne Terrorist sein, wurde nach Österreich geschickt. Die österreichischen Behörden haben ihn verhaftet. Die österreichische Justiz hat nicht beweisen können, dass er schuldig ist, er hat aber 36 Monate bekommen. In diesem Fall geht es nicht darum, dass das Gericht etwas beweisen muss. Der Inhaftierte muss beweisen, dass er nichts getan hat. Der junge Mann hat 26 Monate bekommen, obwohl ich ihm glaube, dass er nichts getan hätte.
Kann das nicht negative Auswirkungen haben?
Während der Gefängniszeit kann seine Einstellung wegen dieser Behandlung aber noch schlechter werden. Es kann sein, dass er von den anderen Insassen radikalisiert wird. In Österreich gibt es 8600 Inhaftierte, davon sind 2000 Muslime. Da kommt man immer mit anderen zusammen. Da hat einer eine Frage zum Islam und es ist kein Seelsorger in der Nähe. Die Aufgabe ist, du musst die Insassen entradikalisieren und sie gleichzeitig vor den Radikalisierern schützen. Am Radikaleren sind die Tschetschenen und die konvertierten Österreicher, weil sie von der Religion keine Ahnung haben. Bei denen gibt es keinen, der islamischen Unterricht besucht hat oder in einer
Gibt es auch radikale Tendenzen in NÖ?
Ich habe in Niederösterreich 56 Moschee-Vereine und 72 Religionslehrer, die den Islam in der Schule unterrichten. Schon seit Jahren sage ich ihnen, mich zu benachrichtigen, falls ihnen etwas auffällt. In den letzten Jahren ist es bis auf letztes Jahr immer gestiegen, jetzt geht es wieder runter. Am Anfang war es ein Kick für die Jungen. In NÖ haben wir grundsätzlich keine Probleme. Die meisten sind Wiener, die von draußen kommen. Auch die Imame, die in den Moscheen beschäftigt sind, bekommen von mir die Genehmigung auf drei Monate. Danach höre ich mir den neuen Imam ein paar Mal an. Wenn ich mir danach sicher bin, wird sein Vertrag verlängert, sonst muss er wieder ausreisen. Es bringt mir nichts, wenn ich in einer Moschee radikale Imame habe. Das bringt nur Probleme.
Muss man in NÖ Angst vor Anschlägen haben?
Ich persönlich habe in NÖ und in ganz Österreich keine Angst, dass irgendein durchgedrehter Muslim Anschläge verübt. Das liegt daran, dass Österreich meistens neutral bleibt und sich heraus hält. Außerdem hat Österreich in den islamischen Ländern ein sehr gutes Ansehen, weil es in Europa das einzige Land ist, wo der Islam eine anerkannte Religion ist.
Sollte Norbert Hofer Präsident werden, wie würde sich das auf die Islamische Gemeinschaft St. Pölten auswirken?
Es gibt von der regierenden Partei sehr viel Angstmacherei, dass, sollte Hofer Präsident werden, sich so viel ändern würde. Als Bundespräsident hat er zwar eine gewisse Macht, er kann aber nicht alles tun. Es gibt in Österreich ein Islam-Gesetz und nachdem müssen wir uns richten. Er wird uns vielleicht offen und ehrlich sagen, dass er uns nicht mag und nicht haben will, aber wir sind da und 650.000 Muslime kann er nicht rausschmeißen. Aber wie kann man sagen, dass Van der Bellen viel besser wäre? Beispielsweise das Zitat, dass er eine blaue Regierung nicht angeloben würde. Wenn das Volk so wählt, ist das zu akzeptieren. In St. Pölten kann ich sagen, dass Matthias Stadler sehr gut für die Muslime ist, weil er etwas für den interkulturellen und religiösen Dialog tut. Egal in welcher Partei er wäre, er würde von den Muslimen gewählt werden.
Können Sie die Anfeindungen rechtspopulistischer Parteien nachvollziehen?
Ich habe einmal mit Jörg Haider in Wilhelmsburg bei der Landtagswahl NÖ gesprochen. Nach der Veranstaltung habe ich ihn gefragt, was er gegen die Ausländer hat, und ich habe gesagt, man muss definieren, ob er unter Ausländern Gastarbeiter oder Flüchtlinge meint. Er hat geantwortet, wenn er das so genau definieren würde, würde er keine Stimmen bekommen. Heutzutage reden alle vom Burka-Verbot, im Koran steht gar nichts von einer Burka. Ich habe in Österreich noch nie eine Frau gesehen, die eine Burka trägt. Die Parteien wollen nur politisch punkten. Die Politik ist auf Angstmacherei aus.
Wie ist der Dialog mit der katholischen Kirche?
Super. Ich bin nächstes Jahr zu Ostern mit insgesamt 14 Leuten beim Papst in Rom. Das Problem ist, dass Nachrichten wie diese nicht nur bei den Muslimen, sondern auch bei den Christen und den Juden nicht bis in die untersten Bevölkerungsschichten dringen. Man müsste noch mehr Veranstaltungen machen, aber das Problem ist, dass es nicht so viele Menschen gibt, die Zeit dafür opfern.


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