ÖFB-Frauennationalmannschafts-Trainer Dominik Thalhammer fordert Entwicklung statt Stillstand
ST. PÖLTEN. Österreichs Frauenfußballnationalteam schaffte heuer mit einem zweiten Platz in der Gruppenphase erstmals die Qualifikation für die Endrunde einer Europameisterschaft. Trainer Dominik Thalhammer erklärt seine Ziele für die EM in den Niederlanden und in welchen Bereichen sich der österreichische Frauenfußball noch verbessern muss.

Was ist Ihr Fazit nach dem 4:2 gegen Deutschland im Oktober?
Das Ergebnis ist in Ordnung. Für mich ist einfach entscheidend, wie wir Deutschland in gewissen Phasen fordern konnten. Vor vier, fünf Jahren wären wir meilenweit entfernt gewesen, um ihnen Paroli bieten zu können. Deswegen war das Spiel für uns ein Gradmesser dahingehend, zum ersten, dass wir zu Recht bei der Euro sind und sich mit der europäischen Spitze messen können, zweitens, dass wir gegen Weltklassemannschaften bestehen können. Bis zur 75. Minute haben wir das 2:2 gehalten. Dann mussten wir dem Aufwand, den wir betreiben mussten, Tribut zollen, weil wir sehr intensiv gegen den Ball gespielt haben und so am Ende keine Luft mehr hatten.
Welche Gegner (Schweiz, Island, Frankreich) stufen Sie als am stärksten in der Gruppenphase ein?
Frankreich ist absolute Weltklasse und mit Deutschland eines der besten Teams momentan. Auch die USA schätze ich sehr stark ein. Aufgrund der vergangenen Jahre und aufgrund der Qualifikation sind die Schweiz und Island grundsätzlich auch vor uns einschätzen. Aber wir nehmen eine Underdog-Rolle ein, und ich glaube, dass man daraus auch viel machen kann. Man hat ja in den vergangenen Jahren im Männerfußball gesehen, wie auch Underdogs Geschichte schreiben können, und das ist unser Ansatzpunkt.
Es gibt ja Parallelen zur A-Nationalmannschaft der Männer. Auch Sie haben sich mit Ihrer Mannschaft erstmals für eine Euro qualifiziert. Wären Sie enttäuscht, wenn Sie auch so kläglich ausscheiden würden?
Ich denke, dass vieles vergleichbar ist, vieles vielleicht auch nicht, weil das Herren-A-Team eine sehr gute Qualifikation gespielt hat – wir eigentlich auch – und in der Öffentlichkeit eine ganz andere Rolle bekommen hat. Wir sind sehr realistisch und wissen, dass wir ein Außenseiter sind, der jedem wehtun kann. Ich denke, es ist alles möglich bei dieser Europameisterschaft. Es ist möglich, dass wir das erste Spiel gegen die Schweiz gewinnen und vielleicht gegen Frankreich einen Punkt holen. Ich will die Leistung aber nicht auf die Punkte reduzieren, sondern eher auf die Spielleistung. Im Fußball ist mittlerweile alles so ergebnisorientiert. Es gibt Spiele, die sind grottenschlecht, die gewonnen werden, und alles ist gut. Das ist bei uns aber nicht so. Umgekehrt gilt dasselbe, wir verlieren Spiele, aber trotzdem ist nicht immer alles grottenschlecht. Ich sehe das als guten Ansatz, Fußball nicht zu oberflächlich zu sehen, weil er oft von Glück abhängt. Man sollte sich nicht davon abhängig machen, ob man ein gutes oder schlechtes Team ist oder ob man eine gute oder schlechte Euro spielt.
Das heißt, sie wären auch bei einem Ausscheiden in der Gruppenphase zufrieden, Hauptsache ihre Mannschaft hat eine gute Leistung gebracht?
Ja, es geht immer um Weiterentwicklung. Das möchte ich einfach immer sehen. Wenn wir zu dieser Euro fahren und wir entwickeln uns nicht weiter oder gehen nicht wieder ein paar Schritte nach vor, dann bin ich sehr enttäuscht, egal ob wir jetzt weiterkommen oder nicht. Ich glaube, es darf nie ein Stillstand in einer Mannschaft sein. Sobald Stillstand da ist, gibt es keine Entwicklung mehr, und die Spieler sind nicht mehr zu begeistern. Deswegen gibt es immer etwas Neues bei uns. Wir wollen weitermachen, und ich glaube, das macht die Mannschaft aus und die Mentalität, die sich da entwickelt hat.
Wo sehen Sie das größte Entwicklungspotential in Ihrer Mannschaft?
Ich glaube, dass wir im Spiel gegen den Ball eine der besten sind in Europa und im Spiel mit dem Ball noch Potential haben. An dem arbeiten wir in den letzten Monaten, und da gibt es immer neue Konzepte und neue Entwicklungen. Wir haben gegen Norwegen mehr Ballbesitz gehabt und mehr Pässe gespielt, es geht also schon in eine richtige Richtung. Wir haben auch gegen Deutschland gesehen, dass Deutschland im Spiel ins letzte Drittel einfach viel effektiver ist. Wir spielen genauso ins letzte Drittel, aber Deutschland ist einfach effektiver. Da ist einfach noch ein großer Unterschied. Wir sind extrem faktenorientiert und wenig oberflächlich. Ich hasse überhaupt Oberflächlichkeiten. Umso mehr Fakten man als Trainer zur Verfügung hat, umso besser ist es und umso besser kann sich eine Mannschaft auch entwickeln.
Sie arbeiten also sehr viel mit Statistiken?
Ja sicher, aber mit Statistiken, die auch etwas bringen. Also wenn Barca gegen Atlético spielt und weniger Ballbesitz hat, dann hat Atlético gegen Barca eigentlich gewonnen. Die Frage ist, welche Statistik man her nimmt. Es geht einfach darum, Pässe in die richtigen Räume erfolgreich zu spielen. Um darum geht es in erster Linie im Fußball. Da kann man sich schon ein Beispiel an dem amerikanischen System nehmen, wo sehr sehr viele Daten herangezogen werden, und wo nicht nur subjektiv und oberflächlich beurteilt wird.
Bei der EM-Endrunde werden erstmals acht Millionen Euro an Preisgeldern ausgeschüttet. Ist das eine zusätzliche Motivation?
Nö, für die Spielerinnen glaube ich nicht, weil die ja auch nicht wissen, wie die Preisgelder verteilt werden. Das ist für uns überhaupt kein Anreiz. Im Frauenfußball ist es so, dass das Geld und die monetären Dinge wenig Rolle spielen und wir einen ganz anderen Antrieb haben. Wir streben extrem gierig nach Entwicklung und Erfolg und weniger nach anderen Dingen.
Wie wichtig ist für Sie die Titelverteidigung beim Cyprus Cup im März, bei dem man gegen Südkorea, Neuseeland und Schottland spielt?
Nicht unbedingt, weil wir auch gegen Neuseeland spielen und Südkorea und das keine europäischen Mannschaften sind. Ich denke, das Turnier ist stärker besetzt als letztes Jahr, aber wir haben sehr viele starke Gegner auch im Rahmen der Euro-Vorbereitung. Im Dezember spielen wir gegen England auswärts, im Juni haben wir Italien und Holland und dann noch einmal Dänemark in der unmittelbaren Euro-Vorbereitung. Das sind alles Mannschaften, die weit weit vor uns liegen. Wie gesagt – es ging in den letzten Jahren sehr viel darum, Erfolge zu haben, weil das einfach wichtig war für den Stellenwert im Frauenfußball. Sonst kriegt man keinen Respekt und keine Anerkennung. Jetzt steht aber nur die Euro und die Vorbereitung auf die Euro im Vordergrund. Da spielen Resultate für mich keine Rolle. Es geht es jetzt nicht darum, wieder eine Serie von 23 oder 18 Spielen hinzulegen, wo man ungeschlagen ist, sondern es geht wirklich nur um die Vorbereitung. Das ist mir das Wichtigste und da werden wir sicherlich einiges probieren.
Werden Sie viel rotieren unter den Spielerinnen bei den Testspielen?
Ich denke schon, dass auch die ein oder andere Spielerin eine Chance bekommen wird, die sonst noch keine bekommen hat. Ich glaube schon, dass wir einen engeren Kader haben, aus dem sich die Euro-Mannschaft zusammensetzen wird. Wir werden jetzt personell nicht alles über den Haufen werfen. Es hat sich in den letzten Jahren eine Stammmannschaft eingespielt, aber es wird natürlich das ein oder andere probiert werden.
Welche Spielerinnen sind für Sie sehr wichtig?
Schnaderbeck, Burger, Puntigam, Tieber, Feiersinger - das ist so der Stamm und rundherum haben wir auch noch einige sehr gute Spielerinnen.
Auch die St. Pöltnerinnen werden für Sie sehr wichtig sein?
Ja klar. Ich denke, dass die Legionäre im Ausland von der Liga her schon einen Vorteil haben, weil sie Woche für Woche entsprechend gefordert werden. Das ist ein kleiner Vorteil für sie, aber ich bin natürlich dankbar für jede Spielerin auch in Österreich, die in dem halben Jahr auch herausragende Leistungen in der österreichischen Liga bringt.
Das heißt, dass Sie bei der Nominierung Ihrer Spielerinnen eher Legionäre einberufen, auch wenn sie vielleicht nicht Meister in ihrem Land werden?
Nö, nö. Ich berufe natürlich die besten ein. Es ist einfach so, dass sehr viele gute im Ausland spielen und Woche für Woche gefordert werden. Österreichischen Spielerinnen bin ich dankbar, wenn sie sich fürs Nationalteam empfehlen. Ich bin offen für alles und für die Spielerinnen, die sich in der kommenden Zeit empfehlen.
Sichten Sie nicht nur in der Bundesliga, sondern auch bei Landesliga-Matches oder im Ausland?
In erster Linie sind wir schon auf unsere Nationalspielerinnen fokussiert. Wir schauen uns die Spiele an, wo unsere Nationalspieler dabei sind. In der Landesliga sind die nicht vertreten. Man muss die Ressourcen entsprechend nutzen. Man ist auf Fortbildungsseminaren und auf Trainerkursen, ich bin aber immer in Kontakt mit Trainern, die Spielerinnen empfehlen können. Wenn es irgendwo eine gute Spielerin gibt, schauen wir sie uns natürlich an, aber in erster Linie sind wir dort, wo unsere Nationalspielerinnen sind. Der Marcel Koller wird auch nicht in die Landesliga gehen und sich dort Matches anschauen.
Wann wird der Kader für die EM fix stehen?
Ich glaube, dass der Euro-Kader im Juni bekannt gegeben wird.
Wie sehen Sie die Entwicklung des österreichischen Frauenfußballs in den letzten Jahren im Vergleich zum internationalen Standard?
An der Spitze würde sich sagen haben wir uns positiv entwickelt, aber in der Breite zu wenig. Es gibt absolut zu wenig Spielerinnen. Es gibt eine offizielle Zahl, die bei 15.000 liegt, von denen haben aber viele nicht einmal ein Spiel gemacht. Die realistische Zahl liegt wahrscheinlich bei 8000 bis 10.000 Spielerinnen. In anderen Ländern wie in Dänemark, die drei Millionen Einwohner haben, gibt es 70.000 oder 80.000 Spielerinnen. Da sind wir schon anderen Frauenfußballnationen sehr hintennach.
An was glauben Sie liegt das? Ist Frauenfußball bei uns immer noch verpönt?
Verpönt würde ich jetzt nicht sagen, aber er ist nicht so anerkannt oder respektiert. Es gibt viele Trainer, die Mädchen extrem fördern und manche haben eine ganz andere Meinung zu dem Thema. Dementsprechend sind wir leider noch nicht so weit, dass da mehr passiert. À la longue wird es schwierig, wenn wir da nicht nachlegen, die Erfolge an der Spitze auch halten zu können oder vielleicht sogar auszubauen.
Es gibt ja jetzt schon Kompetenzzentren für Frauenfußball z.B. in St. Pölten oder in Linz? Wie groß ist deren Rolle?
St. Pölten ist halt für die absolute Spitze, alle anderen sind sehr gute Maßnahmen, aber eher für die Breite. Wir haben einfach nicht genug Spielerinnen, um diese Kompetenzzentren zu verteilen. Von einem Kompetenzzentrum haben vielleicht drei oder vier Spielerinnen eines Jahrgangs das Zeug, eine gefragte Spielerin zu werden. Stellen Sie sich vor, man würde vier, fünf solche Zentren machen in Österreich, dann trainiert man in den Zentren einfach nur mehr in die Breite. Deswegen ist es momentan aus meiner Sicht nur möglich, ein Zentrum zu haben, wo die absolute Spitze ist, wo die anderen Spielerinnen einen zweiten Bildungsweg haben. Das ist momentan der einzige Weg, solange wir nicht mehr Spielerinnen in den Frauenfußball bringen.
Welche Maßnahmen könnte man setzen, um noch mehr Mädchen für den Fußball zu begeistern?
Viele. Man muss natürlich in den Schulen ansetzen, man muss Mädchen dann von den Schulen zu den Vereinen bringen, man muss die Vereine noch besser unterstützen. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Es geht sehr viel auch über das Marketing, das ja notwendig ist, um den Frauenfußball entsprechend auch positiv zu vermarkten und zu zeigen, dass Frauenfußball ein toller Mädchensport ist. In den USA ist Fußball ein Mädchensport und die Burschen gehen Basketball spielen oder Baseball oder so. Es ist uns noch nicht gelungen, dass Frauenfußball diesen Stellenwert hat.


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