Wirtschaftsdelegation aus St. Pölten besuchte die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main
ST. PÖLTEN/FRANKFURT. Die insgesamt zehnte Wirtschaftsreise der Stadt St. Pölten führte von Dienstag bis Donnerstag in die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main. Ziel war ein umfassender Wissens- und Erfahrungsaustausch in den Bereichen Stadtplanung, öffentlicher Verkehr, Kultur und Wirtschaft.

An der dreitägigen Wirtschaftsreise nahmen unter der Leitung von Bürgermeister Matthias Stadler (SPÖ) Wirtschaftstreibende, Geschäftsleute, Unternehmer, Bildungsexperten und Medienvertreter aus St. Pölten und Umgebung teil. Organisiert wurde sie von der Wirtschaftsservicestelle der Stadt „ecopoint“ und der Austrian Business Agency (ABA), einer Anlaufstelle für ausländische Unternehmen, die in Österreich eine eigene Gesellschaft gründen wollen.
Flughafen ist größter Arbeitgeber
Am ersten Tag ging es nach einer Führung durch die nach alten Plänen rekonstruierte „Neue Altstadt“ in Frankfurt am Main zum Mittagessen mit dem österreichischen Honorarkonsul Stephan Hutter und Ansgar Roese von der hessischen Wirtschaftsförderung. Hutter berichtete, dass Frankfurt vom Brexit enorm profitiert, weil viele Bankinstitute nun von London nach Frankfurt übersiedeln. Viele polnische Arbeitskräfte wandern außerdem von Großbritannien nach Deutschland aus. Am Nachmittag stand ein Gespräch mit Markus Frank, dem Wirtschaftsdezernenten der Stadt Frankfurt, im Rathaus am Programm. Frankfurt ist der Wirtschaftsmotor der 5,7 Millionen Einwohner umfassenden Rhein-Main-Region. Die zwei größten Kernbranchen sind die Logistik und Finanzdienstleistungen. Größter Arbeitgeber ist der Flughafen mit 76.000 Arbeitsplätzen. In den vergangenen zehn Jahren gelang es, die Nächtigungen in Frankfurt auf zehn Millionen pro Jahr zu verdoppeln. Bürgermeister Stadler stellte unter anderem die Plattform St. Pölten 2020 vor.
Besuch bei Siemens
Am zweiten Tag stand ein Besuch der Mainzer Verkehrsgesellschaft auf dem Programm. Dabei wurden in Fachvorträgen das Mobilitätskonzept von Mainz (215.000 Einwohner), die Zukunftsinitiative Rheinland-Pfalz, das Pharma-Unternehmen Boehringer Ingelheim und Ideen zu Innovation und Digitalisierung im ländlichen Raum vorgestellt. Martin Oberzaucher und Dominik Mesner von Vermessung Schubert hielten einen Vortrag über die Digitalisierung von Gebäuden mit mobilen Laserscannern. Friedrich Schmidl, Direktor Deutschland Nord der ABA, referierte über die Digitalisierungsagentur DIA. In der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden traf die St. Pöltner Delegation am Nachmittag den Kultusminister des Landes Hessen Alexander Lorz. Im Anschluss folgte eine Stadtführung. Am dritten und letzten Tag der Wirtschaftsreise bekam die Delegation Einblick in das Siemens Schaltanlagenwerk in Frankfurt am Main. Danach stattete man dem Regionalverband FrankfurtRheinMain, Abteilung Metropolregion, Regionalentwicklung und Europa einen Besuch ab.
Deutschland bei Bildung voraus
„Es ist beeindruckend, was sich im Raum Frankfurt, Mainz und Wiesbaden abspielt. Es konnten gute Kontakte geknüpft und viele Erkenntnisse gewonnen werden“, sagte Bürgermeister Matthias Stadler. Die Präsentation des Mainzer Mobilitätskonzepts habe aber gezeigt, dass das autonome Fahren (Elektrobus EMMA) noch nicht für den öffentlichen Verkehr genutzt werden kann. Sehr interessant fand das Stadtoberhaupt auch die Bildungsdebatte im hessischen Kultusministerium. In etlichen Bereichen (Ganztagsschulen, Nachmittagsbetreuung, zusätzliches Lehrpersonal an Schulen mit hohem Migrationsanteil) sei man in Hessen schon viel weiter. „Das zeigt, dass viele unserer Forderungen im Bildungswesen richtig sind und im CDU-regierten Deutschland umgesetzt werden“, so Stadler.
Starker Föderalismus ist hinderlich
Friedrich Schmidl zog als Direktor Deutschland Nord der ABA einen Vergleich zwischen dem Wirtschaftsstandort Österreich und Deutschland. Österreich habe wesentlich flexiblere rechtliche Rahmenbedingungen und vor allem mit den Handelsakademien (HAK) und Höheren Technischen Lehranstalten (HTL) ein ausgezeichnetes Bildungssystem. „Diese Schulsysteme kennt man in Deutschland nicht, sind aber für uns essentiell für die Qualität der Produktion“, so Schmidl. Aufgrund eines von den Alliierten nach dem Krieg verankerten Grundgesetzes, das auf eine Schwächung der zentralen Führung abzielt, sei der Föderalismus in Deutschland weit stärker als in Österreich. Das habe zur Folge, dass jedes Bundesland verschiedene, untereinander nicht kompatible Systeme hat, was es für Unternehmen nicht einfach mache. Im Bereich der Deregulierungen, die vonseiten des Wirtschafts- und Justizministeriums vorangetrieben werden, sei Österreich auf einem guten Weg. „Die Deutschen beneiden uns für die Flexibilität, die wir jetzt haben“, sagte Schmidl. Mit Stand Jänner 2018 gebe es über 9.200 deutsche Firmen in Österreich (vor 18 Jahren waren es 2.500). Der Zuwachs an deutschen Firmen liege daran, dass von Österreich aus die mittel- und südosteuropäischen Länder sehr gut bearbeitet werden können.


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