Sportvereine als Partner gegen Gewalt an Kindern
STEYR. „Als Ende 2016 sexueller Missbrauch in englischen Fußballvereinen mit unglaublich vielen Betroffenen zutage kam, rückte dies das Thema erst so richtig ins Bewusstsein“, sagt Sonja Farkas von Wigwam in Steyr. Seit gut einem Jahr klärt das Kinderschutzzentrum gezielt über Kinderschutz im Sport auf.

„Anstatt uns wegen der Berichte über Missbrauch auch im österreichischen Skiverband nur zu empören, sollten wir darüber nachdenken, was wir vorbeugend dagegen tun können“, sagt Farkas. Die von ihr geleitete Einrichtung berät u.a. Vereine und Verbände, wie sie sich für Sport als sicheren Freizeitort einsetzen können.
Keine Überraschung
Im Grunde seien sexuelle Übergriffe in diesem Bereich keine allzu große Überraschung: „Wo es Hierarchien gibt, Abhängigkeiten von Vertrauenspersonen – und das ist im Sport fast immer der Fall –, dort ist die Gefahr von Missbrauch belegt“, so Farkas. Laut der deutschen Studie Safe Sport habe jeder dritte Athlet sexistische Sprüche, Grapschen bis zu körperlicher Gewalt schon erlebt. „Das reicht von Kommentaren über Körperlichkeiten bis hin zu Vergewaltigung.“
Offene Ohren
Dagegen könne man etwas tun: Regeln aufstellen, klare Grenzen setzen und Verantwortliche in den Vereinen als Partner für den Kinderschutz gewinnen. Bürgermeister und Sportreferent Gerald Hackl unterstützt die dahingehende Aufklärung in Steyr. Sonja Farkas war mit Wigwam-Kollegin Britta Aicher bereits in den Stadtsportausschuss eingeladen, wo das Thema bei allen Dachverbänden – Askö, Asvö, Union – offene Ohren fand.
Funktionäre nicht kriminalisieren
An der Zusammenarbeit mit Wigwam schätzt Hackl den sensiblen Zugang zum Thema: „Es geht nicht darum, Sportfunktionäre zu kriminalisieren, sondern vielmehr um die Botschaft: seid aufmerksam, horcht hin, wie miteinander umgegangen wird, hinterfragt es, wenn sich ein Kind in seinem Verhalten auffällig verändert.“
Hilferufe ernst nehmen
So könnten Betreuer, Funktionäre und erwachsene Sportler mithelfen, etwa auch häusliche Gewalt bei einem Kind zu erkennen: „Trainer sind oft echte Vertrauens- und Bezugspersonen. Uns ist wichtig, dass ein Kind, das sich überwindet, von erlittener Gewalt zu erzählen, auch ernstgenommen wird. Ein Kind muss sich im Durchschnitt bis zu sieben Mal einem Erwachsenen anvertrauen, bis ihm geholfen wird. Diese Zahl macht betroffen“, so Farkas.
Täter abschrecken
Dass jedes Vereinsmitglied Kinderschutzexperte wird, sei keineswegs notwendig. Die Wahrnehmung zu schärfen hingegen schon. Wigwam hat für Vereine hilfreiche Anregungen parat. Dazu gehört der sogenannte „Strafregisterauszug Kinder- und Jugendfürsorge“: Seit 2014 können ihn Vereine von allen Betreuern und Funktionären (auch ehrenamtlichen) anfordern. Er gibt Auskunft, ob einschlägige Verurteilungen vorliegen. „Jemand mit pädophiler Neigung sucht gezielt nach Schwachstellen in Vereinen, um an potenzielle Opfer heranzukommen“, sagt Sozialarbeiterin Britta Aicher. Ein solcher Strafregisterauszug schrecke bereits auffällig gewordene Personen ab.
Ehrenkodex
Ein Ehrenkodex für das Verhalten im Verein sei laut Wigwam-Team ein wertvoller Beitrag für den Sportalltag. „Es gibt viele Gelegenheiten im Sport, die von einer Seite missverständlich gedeutet werden können“, so Sonja Farkas. Zum Beispiel enger Körperkontakt im Training, die gemeinsame Nutzung von Duschräumen oder wenn sich Betreuer und junge Sportler bei Turnieren einen Schlafsaal teilen müssen. Ein Leitfaden, der Kinderschutz ausdrücklich anspricht, schaffe klare Verhältnisse. Offenes Sprechen über das Thema würde zudem bei Berührungen, wie dem Stützen bei einer Übung oder beim Sichern des Kindes, einem Unbehagen vorbeugen.
Rat suchen
In jedem Fall möchte Wigwam dazu ermutigen, sich der Signale von Kindern anzunehmen. „Leider sind viele Erwachsene überfordert, wenn Kinder sich ihnen anvertrauen. Sie haben Angst, jemanden zu Unrecht zu verdächtigen“, so Farkas. Wigwam ist professioneller Ansprechpartner für alle, die sich um ihre Schützlinge sorgen bzw. Verdacht schöpfen.
INFO WIGWAM
Das Kinderschutzzentrum in Steyr/Kirchdorf mit acht Mitarbeitern hilft Kindern und Jugendlichen, die Opfer von körperlicher, seelischer oder sexualisierter Gewalt oder Vernachlässigung sind. Dazu gehört auch, wenn Kinder Gewalt zwischen den Elternteilen beobachten. Wigwam bietet Beratung, Prozessbegleitung, Psychotherapie und Präventionsarbeit. Das Team berät im Jahr rund 200 Familien. www.wigwam.at


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