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STEYR. Am 8. März ist Weltfrauentag; anno 1918 – vor 100 Jahren – wurde Frauen in Österreich das Wahlrecht zuerkannt. Tips sprach mit Hilde Schmölzer, die sich in den siebziger Jahren als eine der ersten Journalistinnen bzw. Autorinnen den Themen der Frauenemanzipation widmete. 1997 war sie Mitinitiatorin des ersten Frauenvolksbegehrens.

Hilde Schmölzer verbrachte ihre Kindheit und Jugendjahre in Steyr. Sie lebt in Wien. Foto: Gregor Kallina

Tips: Frau Professor Schmölzer, was hat Sie in Ihrem Leben für die Emanzipation entbrennen lassen?

Hilde Schmölzer: In meiner Jugend war es das Schicksal meiner Mutter, zu der ich eine sehr innige Beziehung hatte. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war für sie die Ehe mit meinem Vater, er war Soldat, zur Hölle geworden. Der Scheidung standen jedoch die damaligen Gesetze und Mutters finanzielle Abhängigkeit im Weg. Mein Vater willigte nach fast neun Jahren Ehestreit ein, aber Mutter gelang trotz mehrerer Versuche die finanzielle Unabhängigkeit nicht. Sie landete neuerlich im Hafen der Ehe – für mich eine sehr große Enttäuschung. Ein weiterer Grund: Ich war in den sechziger und siebziger Jahren eine der ersten Journalistinnen – mit sämtlichen Diskriminierungen. Und schließlich erfuhr ich die Härten des Alleinerziehens in einer Zeit, als es für eine freiberufliche Journalistin kein Kinder-, kein Karenzgeld gab. Mein geschiedener Mann zahlte nur ein bis zwei Jahre Alimente, weil er zahlungsunfähig war.

Wo stand die Frau zur Zeit des eingeführten Frauenwahlrechtes?

Damals war eine Frau kein selbstbestimmter Mensch. Ihr Ehemann konnte ihr die Ausübung eines Berufes verbieten, sie durfte ohne seine Einwilligung kein Bankkonto eröffnen, keine Kauf-, Miet- und Arbeitsverträge abschließen. Der Mann bestimmte auch über Erziehung und Ausbildung der Kinder, die ihm zu Gehorsam verpflichtet waren. Eine Aufhebung dieser Bestimmungen brachte erst die Familienrechtsreform der siebziger Jahre. 1978 wurde u. a. etwa auch die Rechtsvermutung eliminiert, dass das in einer Ehe erworbene Vermögen vom Mann stammt, was sich entsprechend bei einer Scheidung auswirkte.

Bis zu der Zeit des Wahlrechts war die Frau von jeder politischen Macht ausgeschlossen. Das erste Mädchengymnasium in Wien erhielt erst 1910 das Öffentlichkeitsrecht. Das sind nur einige Schlaglichter auf die Situation der Frau, die als unselbständiges Mängelwesen betrachtet wurde. Was vor allem die Erste Frauenbewegung mutig bekämpfte.

Was sind heute die großen Themen?

Natürlich die Einkommensschere. Es ist absolut inakzeptabel, dass Frauen schlechter bezahlt werden als Männer. Armut ist weiblich. Weiteres wichtiges Thema ist die Gewalt gegen Frauen: Zwangsprostitution, Abtreibung weiblicher Föten, Mitgiftmorde, Ehrenmorde, Zwangsheirat, weibliche Genitalverstümmelung, Vergewaltigung als Kriegswaffe etc. Und wenn schätzungsweise jede fünfte Frau in Österreich körperlicher Gewalt ausgesetzt und jede siebte Frau ab dem 15. Lebensjahr von Stalking betroffen ist, ist auch das ein absoluter Skandal. Drittens: Es gibt nach wie vor viel zu wenig Frauen an den Hebeln der Macht, die wirklich Einfluss auf die so lange männlich geprägte Gesellschaft ausüben. Frauen müssen sich in gehobene Positionen drängen und sich den patriarchalen Strukturen anpassen – ob sie das wollen oder nicht.

Was sagt die MeToo-Debatte über unsere Gesellschaft aus?

Ich sehe die Debatte grundsätzlich sehr positiv, weil sie ein jahrhundertelanges Macht- und Gewaltverhältnis des Mannes über die Frau aufgezeigt hat. Sie hilft auch den Betroffenen, die Demütigungen etwas besser zu verkraften und macht Mut, aus der Anonymität herauszutreten. Frauen werden jetzt in ihren Vorwürfen ernst genommen, das war bislang nicht unbedingt der Fall. Allerdings müssen wir aufpassen, dass es nicht zu einem „Missbrauch des Missbrauchs“ kommt, wie es Psychiater Reinhard Haller formuliert hat. Ein sorgfältiges Abwägen der Anschuldigungen, die einem Menschen die Existenz kosten können, ist notwendig.

Was denken Sie über das Frauenvolksbegehren 2.0?

Es ist absolut notwendig. Ich war Mitinitiatorin des ersten Volksbegehrens vor 20 Jahren, habe Aufklärungsarbeit geleistet, u. a. mit Johanna Dohnal (Anm.: erste Frauenministerin) Informationsabende gestaltet. Ich nehme am 2. Frauenvolksbegehren lebhaft Anteil, bin aber nicht mehr aktiv. Jetzt sind jüngere Frauen gefordert. Als Skandal empfinde ich, dass Ministerinnen – vor allem die Frauenministerin, der ich den Rücktritt empfehle – nicht unterschrieben haben. Das wirft ein sehr bezeichnendes Licht auf die gegenwärtige Situation und die Regierung. Dass die Forderungen „zu weit“ gehen, kann ich nicht teilen. Es müssen Visionen erlaubt sein – auch Staatsmänner haben Utopien in ihrem Programm, worüber sich niemand sonderlich aufregt.

Glauben Sie denn an vollkommene Gleichberechtigung?

Solange Frauen vor allem über ihre Mutterschaft und den häuslichen Bereich definiert werden und Männer über Beruf, Einfluss und Geld, sehe ich keine wirkliche Gleichberechtigung. Das Problem liegt darin, dass sogenannte weibliche Aufgaben meist unbezahlte Arbeit sind. Es müssten also Gesetze geschaffen werden, die einen Einkommensverlust ausgleichen oder Frauen müssten in gleicher Weise wie Männer Hauptverdienerinnen werden. Die Entwicklung geht in diese Richtung. Frau soll die Hoffnung nie aufgeben, betrachten wir die vergangenen 100 Jahre, haben wir schon vieles erreicht.

ZUR PERSON

Hilde Schmölzer (81) wuchs in Steyr auf. Nach der Matura besuchte sie die Bayerische Staatslehranstalt für Fotografie in München und nahm Schauspielunterricht bei Ruth von Zerboni. 1966 promovierte sie in Wien in Publizistik und Kunstgeschichte. 25 Jahre lang arbeitete Schmölzer als Journalistin, ab 1990 ausschließlich als Buchautorin (u.a. Bestseller „Die verlorene Geschichte der Frau. 100.000 Jahre unterschlagene Vergangenheit“). 2008 bekam Schmölzer den Berufstitel Professorin verliehen. Sie hat einen Sohn.


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