Ihre „Lebensstadt“ Steyr gedenkt der großen Literatin Haushofer
STEYR. Eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des deutschen Sprachraums verbrachte viele Jahre ihres Lebens in Steyr. Vor 50 Jahren starb sie, heuer wäre sie 100 Jahre alt geworden. Die Stadt erinnert ihrer mit einer großen Veranstaltungsreihe beginnend am 14. März.

Die Erstausgabe von Marlen Haushofers wohl berühmtesten Werk „Die Wand“ zählte gerade einmal 2.000 Exemplare und ist heute längst vergriffen. Geschrieben hat die geborene Frauensteinerin all ihre literarischen Erzählungen in Steyr, wohin sie 1947 mit ihrem Mann und den Söhnen aus Graz übersiedelte. Haushofer lebte und schrieb in der Stadt an sechs Wohnorten. Bekannt ist vor allem die Adresse Berggasse 81, wo sich ab 1951 auch die Zahnarzt-Ordination ihres Mannes befand.
Wohlfühlort Taborweg
Am wohlsten fühlte sich Haushofer allerdings von 1960 bis 1969 am Taborweg 19, wo neben vielen weiteren Romanen auch „Die Wand“ entstand. Steyrerin Marlene Krisper kannte Marlen Haushofer noch persönlich: „Am Taborweg war sie am glücklichsten, weil sie dort einen Garten hatte und ihrem Kater eine Leiter vom ersten Stock hinunter bauen konnte.“ Nachdem sie wie Haushofer selbst aus Graz nach Steyr übersiedelte, suchte Lehrerin Krisper den Kontakt zur Autorin. Sie lernte sie kennen als „liebenswürdige Frau, die nur schwer zu jemandem nein sagen konnte“.
Haushofer-Renaissance
Mehr als ein Jahrzehnt nach Haushofers Tod kam es 1982 im Steyrer Gymnasium Werndlpark zu einem Manifest mit Hans Weigel, das den Claassenverlag in die Pflicht zur Neuauflage der Werke Haushofers nahm. Es leitete eine ungeahnte Haushofer-Renaissance ein, die bis heute anhält – mit Buchauflagen in einer Höhe, von der Haushofer selbst nie zu träumen gewagt hätte.
Auf Haushofers Spuren
Anlässlich des 20. Todestages und 70. Geburtstages von Marlen Haushofer startete der Steyrer Autor Till Mairhofer Haushofer-Wanderungen ins Effertsbachtal auf den Spuren ihrer Romane „Himmel der nirgendwo endet“ und „Die Wand“. 2000 folgte die Gründung des Marlen-Haushofer-Literaturforums, das sich seither um die Vermittlung des Werks der Schriftstellerin bemüht. So entstand etwa die Ausstellung „M.H. – Versuch einer Visualisierung“ in der Galerie Steyrdorf, an der sich Künstler verschiedenster Sparten beteiligen. 2010 erschien Marlene Krispers Essay „Das ordentliche Leben der Marlen Haushofer“ bei Ennsthaler.
Veranstaltungsreihe
Der 50. Todestag und 100. Geburtstag der Schriftstellerin führt nun zu einer ganzjährigen Veranstaltungsreihe des Literaturforums zusammen mit der Marlen-Haushofer-Bücherei, dem Kultur- sowie Frauen- und Gleichbehandlungsausschuss, dem Kulturzentrum Akku, der Galerie Steyrdorf, Steyrer Schulen und dem Citykino.
Programm
(erste Termine)
Sa., 14. März, 19.30 Uhr, Altes Theater: „Vor und hinter der Wand – eine Hommage an Marlen Haushofer“. Mit Till Mairhofer, Marlene Krisper, Haushofer-Biographin Daniela Striegl aus Wien und Schriftstellerin Brita Steinwendtner, Moderation: Michaela Frech, Musik: Streichquartett, Karten: 12 Euro, Tourismusverband Steyr (Rathaus)
Sa., 21. März, 15 Uhr, Gedenktafel-Enthüllung, Berggasse 81
Mo., 23., Do., 26., Fr., 27. März, 20 Uhr, Erzähltheater im Akku-Kulturzentrum: „Wie ich getötet wurde. Das Stella Tagebuch“
Do., 16. April, 20 Uhr, Vortrag & Lesung im Akku: „Marlen Haushofer und die Märchen“
So., 26. April, 9–12 Uhr, Marlen-Haushofer-Bücherei: „Mein Sonntag in der Bücherei – Die Kinderbücher Marlen Haushofers“
27.–29. Mai, 15 Uhr, Stadtplatz, „Literarischer Spaziergang“ zu Wohn-/Schreiborten Haushofers
Fr., 3. Juli, 14 Uhr, Akku-Schreibwerkstatt: „Katzengeschichten“, „Meine Kindheit“, Preisverleihung mit Lesung der prämierten Texte
Sa., 12. Sept., 12.30 Uhr, ab Steyr „Auf den Spuren der Wand – Fahrt durchs Steyrtal und literarische Wanderung im Effertsbachtal“
Weitere Termine hier: Haushofer-Gedenkjahr
Kontakt: michaelafrech@yahoo.de, Tel. 0660/4608680
Zur Person
Marie Helen Haushofer wird 1920 in Frauenstein als Tochter eines Revierförsters geboren. Der ländlich-idyllische Ort ihrer Kindheit wird unverwechselbare Vorlage ihrer literarischen Landschaften. Der Besuch eines privaten Mädchengymnasiums in Linz bedeutet für sie einen schwer verkraftbaren Wechsel vom freien, naturverbundenen Leben in die Strenge klösterlicher Erziehung. Sie wird wiederholt krank, verbringt fast ein Jahr in einer Lungenheilanstalt. Nach der Reifeprüfung wird sie 1939 als „Arbeitsmaid“ nach Ostpreußen verpflichtet.
Ab 1940 studiert Haushofer Germanistik und Kunstgeschichte in Wien. Sie erwartet ein Kind, bricht das Studium ab. Eine Verbindung mit dem Kindesvater ist ihr nicht möglich. Der Sohn wird die ersten fünf Jahre von der Mutter einer Freundin großgezogen. Unmittelbar nach der Geburt heiratet Marlen den angehenden Zahnarzt Manfred Haushofer. 1943 kommt ein gemeinsamer Sohn zur Welt.
Ab 1947 lebt Familie Haushofer in Steyr. Marlen veröffentlicht erste Kurzgeschichten, versucht das Schreiben mit ihren hausfraulichen Pflichten unter einen Hut zu bringen. Sie findet Anerkennung bei ihrem Kritiker und Förderer Hans Weigel in Wien. 1952 erhielt sie den Staatlichen Förderungspreis. Wien wird zum Fluchtpunkt aus der bürgerlichen Enge der Kleinstadt. 1968 wird Haushofer mit dem Staatspreis für Literatur ausgezeichnet. Sie stirbt am 21. März 1970 in einer Privatklinik in Wien an Knochenkrebs. Marlene Krisper


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