„Politiker setzen sich gerne Denkmäler“
STEYR. 307 erzielte Stimmen bei der Gemeinderatswahl bedeuten für die 56-jährige Bürgerforum-Chefin Michaela Frech das Ende ihrer 24-jährigen Politlaufbahn. Wie es der abgewählten Rathaus-“Kontrollinstanz“ damit geht und was sie plant, verriet sie im Gespräch mit Tips.

Tips: Frau Frech, sind Sie eine gute Verliererin?
Michaela Frech: Ich fühle mich nicht wirklich als Verliererin. Viele Menschen aus allen Richtungen haben mir dieser Tage ihr Bedauern bekundet, dass ich nicht mehr im Steyrer Gemeinderat bin. Abschied schmerzt, aber es heißt: „Loslassen ist der Schlüssel zum Glück“. Ich bleibe weiterhin ein politischer Mensch. Schon als Schülerin stand ich auf, wenn ich das Gefühl hatte, etwas läuft falsch. Gute städtische Busverbindungen, ein attraktiver Bahnhof, Vereine wie Drehscheibe Kind, das Fazat, das Haushofer-Forum und die Schwimmschule – dafür werde ich mich außerhalb des Gemeinderates weiter engagieren.
Tips: Haben Sie diesen Wahlausgang kommen sehen?
Frech: Überhaupt nicht, die Menschen hatten uns zuletzt wieder sehr in unserem Tun bestärkt.
Tips: Spielte die Liste MFG im Ergebnis eine gewisse Rolle?
Frech: Sicher auch. Den Erfolg dieser Gruppe habe ich tatsächlich kommen sehen – die Coronamüdigkeit in der Bevölkerung nimmt zu. Dass MFG in Steyr aber gleich zwei Mandate holt, war eine Überraschung. Aus Rückmeldungen schließe ich, dass ich offenbar schon als Inventar im Gemeinderat wahrgenommen wurde. Jetzt können es viele kaum glauben, dass ich nicht mehr im Stadtparlament bin.
Tips: Ist es das endgültige Ende des Bürgerforum?
Frech: Ja, von außerparlamentarischer Opposition halte ich nichts. Aber: Sollte ich in den nächsten sechs Jahren das dringende Gefühl haben, mich einklinken zu müssen, schließe ich ein neuerliches Antreten nicht völlig aus. Angefangen hat meine politische Laufbahn ja, als ich in den neunziger Jahren Geschäftsführerin des Integrationszentrums Paraplü war. Ich saß damals als Zuhörerin in einer Gemeinderatssitzung, als es um die Förderung ging. Als dort Unwahrheiten behauptet wurden, war ich wütend, durfte aber nicht sprechen und das berichtigen. Das war meine Motivation, in die Politik zu gehen.
Tips: Wie hat sich die Kommunalpolitik im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelt?
Frech: Frauen sind heute verstärkt präsent. Im Bauausschuss war ich in meinen Anfängen die einzige Frau. Die Themen sind heute aber weiterhin klassisch verteilt: Im Rechts- und Wirtschaftsausschuss sitzen eher die Männer, im Sozialausschuss die Frauen. Als ich 1997 in den Gemeinderat kam, war ich zudem die Erste, die hinterfragt hat, warum man als Gemeinderat am Magistrat keine Einsicht in Akten haben soll. Nicht geändert hat sich der demokratische Zugang: Leider darf derzeit nicht jeder gewählte Steyrer Gemeinderat auch einen Antrag stellen. Ausbaufähig ist außerdem die Bürgerbeteiligung in Steyr. So wird etwa die Bürgerfragestunde kaum genutzt. Es gibt aber auch Gemeinderatskollegen, die überzeugt sind, dass der Bürger nach der Wahl nicht mehr mit politischen Fragen behelligt werden will.
Tips: Muss man sich für die Politik bestimmte Strategien zurechtlegen?
Frech: Ich war immer eine atypische Politikerin, aber man muss Kompromisse schließen und Verbündete finden. Ich hatte es nie auf bestimmte Ämter abgesehen, wollte einfach etwas weiterbringen. Dafür brauchte es manchmal das Druckmittel der Öffentlichkeit. Wichtig war mir, nicht nur Kritik, sondern auch Lösungen anzubieten. So konnte ich zum Beispiel abwenden, dass in Steyr ein völlig neues Altstoffsammelzentrum gebaut wurde, das praktisch schon auf Schiene war. Ich habe hinterfragt, ob man nicht das bestehende ASZ sinnvoll adaptieren kann. Das ersparte dem Steuerzahler letztendlich viel Geld. Politiker setzen sich gerne Denkmäler. Mit Blick auf die Wahlen macht ein Neubau einfach mehr her als eine Sanierung.
Tips: Was schmerzt Sie besonders, nicht mehr weiterverfolgen zu können?
Frech: Dass ich nicht mehr im Aufsichtsrat der Stadtbetriebe bin, bedaure ich sehr. Im von mir initiierten Arbeitskreis Öffentlicher Verkehr mit Vertretern aller Fraktionen ist viel weitergegangen, etwa die Nightline, die 365er-Karte. Aufsichtsräte fahren ja leider kaum Bus. Was mich außerdem beschäftigt, ist das Thema Trinkwasser. Wir haben in Steyr keine getrennten Leitungssysteme. Aus meiner Sicht wäre das dringend zu prüfen.
Tips: Wie nützen Sie das letzte Monat als Gemeinderätin?
Frech: Ich will es bestmöglich nützen und freue mich gerade noch über einen Teilerfolg am Bahnhof. Die Müllhalde vor dem Postgebäude dort wurde auf mein vehementes Nachfragen hin von den ÖBB endlich bereinigt. Auch das Busbahnhof-WC kommt im Oktober.
Tips: Was folgt für Sie danach?
Frech: Diese ständige Getriebenheit durch Termine ist jetzt einmal vorbei. Ich hatte ja immer eine volle Lehrverpflichtung und habe mich in der Schule und Politik über das übliche Maß hinaus eingebracht. Fürs Vorkochen und den Haushalt musste die Nacht herhalten. Meine zahllosen Erlebnisse in der Politik möchte ich auf jeden Fall aufschreiben, vielleicht entsteht daraus ein Buch. Und mein Mann (Anmerkung: Schriftsteller und Pädagoge Till Mairhofer) und ich planen auch ein Kabarett und ein Buch über die Welt aus Sicht von Mann und Frau.


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