Vortrag über Landnahme und Kapitalismus in Ottensheim
OTTENSHEIM. Der Soziologe Klaus Dörre spricht am Dienstag, 28. April, um 19.30 Uhr im Gemeindesaal Ottensheim über die Dynamiken kapitalistischer Gesellschaften und das Konzept der „Landnahme“. Veranstalter sind IGWelt Ottensheim und das Institut für Angewandte Entwicklungspolitik.

Landnahme ist für Klaus Dörre eine Metapher für die expansive Dynamik des Kapitalismus. Der Soziologe verdeutlicht damit in sozialwissenschaftlicher Weise, dass kapitalistische Gesellschaften sich nicht aus sich selbst heraus reproduzieren können, weshalb sie auf die fortwährende Okkupation eines nichtkapitalistischen Anderen angewiesen sind.
Ohne die Inbesitznahme und gegebenenfalls die aktive Herstellung eines nichtkapitalistischen Anderen ist die Dynamisierung und Selbststabilisierung des Kapitalismus letztendlich nicht möglich, so Dörre.
Globales Agrobusiness
Im Sprachgebrauch von Historikern bezeichnet Landnahme die Inbesitznahme oder Besiedlung eines Territoriums durch Völker oder soziale Gruppen. In engeren, aktuell genutzten Fassungen wie Land-Grabbing oder Landraub beschreibt der Begriff Praktiken des globalen Agrobusiness.
Unternehmen und Staaten kaufen, teilweise gemeinsam mit privaten Investmentfonds, in großem Stil landwirtschaftliche Flächen auf, um Nahrungsmittel oder Biotreibstoff herzustellen. Eine Folge ist die Verdrängung kleinbäuerlicher Nutzungsformen zugunsten agroindustrieller Monokulturen.
Expansion nicht nur territorial
Landnahme – so Dörre – beinhaltet diese Ausprägungen, ist jedoch umfassender und wird von ihm als Begriff generell für die Analyse kapitalistischer Entwicklungsweisen genutzt. In diesem Sinn können Subsistenzarbeit und Care-Arbeit auch als „Kolonie“ verstanden werden. Damit wird ausgedrückt, dass die Expansion nicht nur territorial, sondern auch in vormals nicht oder nur teilweise marktförmig organisierte Räume erfolgt.
Entlang von Karl Marx, Rosa Luxemburg, Karl Polanyi und David Harvey entwickelt Klaus Dörre seinen Begriff der Landnahme. Damit lässt sich ein Verständnis für die Ausprägung des sozioökonomischen Systems entwickeln und eine Einordnung verschiedenster Phänomene der Gegenwart vornehmen.
Zur Person
Klaus Dörre ist emeritierter Soziologe an der Universität Jena. Er hat das Jenaer Zentrum für interdisziplinäre Gesellschaftsforschung initiiert und mitgegründet. Zudem ist er Gründungsmitglied des Instituts Solidarische Moderne.


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