332 Jahre – doch jetzt ein bisschen leise
WAIDHOFEN/YBBS. Gäbe es nicht die Pandemie, wäre es sicher mehr Menschen aufgefallen, dass drei der fünf Glocken im Turm der Stadtpfarrkirche schweigen. Seit am 11. und 12. November zwei der barocken Glocken abgenommen wurden und die dritte ihres Klöppels beraubt ist, läuten nur mehr die beiden kleinen Schwestern aus dem Jahr 1953 vom Turm.

Die kleinere der drei Barockglocken (“Bauer“) wurde unläutbar, weil ein Band der originalen barocken Aufhängung gebrochen ist. Da es sich dabei um die Gebetsglocke handelt, ist eine Reparatur umgehend erforderlich. Im Zuge dieser Arbeiten soll sie auch auf eine elektronische Steuerung umgestellt werden, die Glocke einen Rundballenklöppel erhalten und die Barockzierate renoviert werden. Die zweite der Barockglocken (“Magdalena“) hängt leicht schief und ihre Lager sind sehr abgenützt. Um hier wieder eine langfristige Sanierung zu erreichen, müssen die Lager erneuert werden. Dazu musste auch diese Glocke abgehängt werden. Außerdem wurde früher einmal ihre Aufhängung gänzlich erneuert und „modernisiert“ und die barocken Beschläge entfernt. Da diese noch vorhanden sind, sollen sie nach der Renovierung wieder auf das Joch montiert werden.
Stimmungsvollstes Geläute der Diözese
Vom Geläute der Stadtpfarrkirche Waidhofen/Ybbs sagte man einst, es sei das stimmungsvollste in der ganzen Diözese. Es hat sich zwar im Laufe der Zeit einiges daran geändert, aber das Geläute ist noch immer sehr wertvoll und entspricht vom musikalischen Standpunkt gehobenen Ansprüchen. Was bislang nicht so geschätzt wurde, ist die Wertigkeit der geschmiedeten Beschläge, die einer „Eisenstadt“ durchaus würdig sind. Wie die Besichtigung durch das BDA feststellte, haben namhafte Kirchen (etwa Maria Taferl) nur wesentlich schlichtere Beschläge an ihren Glockenstühlen aufzuweisen, als es die Waidhofner sind.
Renovierungsarbeiten in Ybbsitzer Schmiede
Die Glockenjoche wurden nun in die Schmiede Tannhäuser nach Ybbsitz verbracht, wo sich Thomas Hochstädt der barocken Teile annimmt. In meisterlicher und kunstvoller Handarbeit wird ihre Aufhängung erneuert und beide Glockenjoche werden mit den renovierten Teilen aus dem Jahr 1689 wieder eingebaut werden. Durch eine moderne elektronische Steuerung soll der Läutevorgang präzisiert und dadurch die Glocken geschont werden. Neue Rundballenklöppel werden bewirken, dass der Anschlag des Klöppels auf nur zwei Punkte beschränkt bleibt und nicht wie bei Flachklöppeln eine breitere Fläche dauernd beim Läuten auf die Glocke trifft. Aus Ersparnisgründen hat man die, aus einer dicken Platte (heute mit Laser) ausgeschnittenen Flachklöppel oft den geschmiedeten teureren Rundballenklöppeln vorgezogen.
Finanzielle Mithilfe erforderlich
Waidhofen darf sich glücklich schätzen, dass 332 Jahren alte Glocken noch immer vom Turm läuten und so ein Zeugnis unserer christlich geprägten Kultur geben. Die Stimme der Glocken weht herüber im Jubel über das Leben, im herben Ton der Klage über das Leid und im Vollton der Geborgenheit in Gott. Wer Glocken zu hören versteht, hält sie auf keinen Fall für einen “nutzlosen Lärm“. Durch die Mithilfe vieler Bürger kann das große Werk gelingen, dass die Glocken mit der Zeit nicht gänzlich verstummen.
Kosten von etwa 28.000 Euro
Rund 28.000 Euro muss die Stadtpfarre Waidhofen/Ybbs in die Hand nehmen, um diesen drei Glocken wieder eine Stimme zu geben. Das Land NÖ hat durch Landeshauptfrau Mikl-Leitner bereits 4.000 Euro zugesagt. Die Pfarre hofft sehr auf Spenden der Kirchenbesucher, aber auch aller anderen Waidhofner Kulturinteressierten. Wenn man bedenkt, dass es sich um Renovierung von Objekten handelt, die 332 Jahre auf dem Buckel haben, kann man wahrscheinlich von einem „Jahrhundertwerk“ reden, an dem man sich mit einer Spende beteiligen kann.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden