Langer Tag der Flucht: Berührend, informativ, verbindend
ZWETTL. Im ersten Halbjahr 2015 sind 28.311 Asylwerber nach Österreich gekommen, 40 Prozent von ihnen werden vermutlich Asyl bekommen. Mehr als 2000 Menschen sind alleine heuer im Mittelmeer ertrunken, die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch viel höher. Mit diesen Worten eröffnet Buchautorin Livia Klingl „Den Langen Tag der Flucht“ gestern Abend, den 24. September 2015 in Zwettl.

Zu diesem hörenswerten Vortrag von Livia Klingl sowie einem anschließenden Konzert lud der Kultverein Syrnau sowie die Flüchtlingsinitiative „Willkommen Mensch in Zwettl“ und viele Menschen folgten der Einladung, der Sparkassensaal war brechend voll. Laut den Meldungen in den Medien müsse man ja meinen, dass jede Woche Hunderttausende von Menschen zu uns kommen, die Zahlen sprechen aber eine andere Sprache, ergänzt Klingl, die über zwei Jahrzehnte in Kriegsregionen als Berichterstatterin tätig war und nun ein Buch zur großen Flüchtlingsdebatte (“Wir können doch nicht alle nehmen“) geschrieben hat. Neben bildhaften Einblicken in das Thema Flucht und Asylverfahren, regte sie mit so manch kritischen Anmerkungen zum Nachdenken an.“Ich war schon in vielen Teilen der Welt sowie in etlichen Kriegsgebieten, aber ich habe nirgendwo solche Missstände wie im Flüchtlingslager Traiskirchen gesehen“, meint die Buchautorin, für die Asyl ein Recht und kein Gnadenakt ist. „Und von 30 Menschen, die ein Boot besteigen schaffen 29 die Überfahrt, einer überlebt sie nicht“, teilt Livia Klingl dem Publikum mit. Und einer diese 29, der Syrer Issa Al Aiash, erzählte an diesem Abend hautnah von seiner Flucht.
Portrait einer Flucht (Issa Al Aiash)„Es war ein gutes Leben in Syrien, ein Paradies, bis zum Krieg, wo meine Frau 2014 von einer Bombe getroffen wurde, bis heute hat sie mehrere Splitter, so auch im Trommelfell. Wir flohen zu Fuß nach Jordanien, weiter in ein türkisches Camp, wo wir längere Zeit untergebracht waren. Dann mussten wir raus, unseren Schleppern bezahlten wir 1500 Dollar pro Kopf, es ging über das Meer mit einem Schlauchboot. 55 Leute auf diesem kleinen Ding, wo nicht genug Luft drinnen war, es kenterte, unser Hab und Gut, die Papiere waren verloren, im Meer. Die griechische Polizei fischte uns nach zwei Stunden raus, nach ein paar Tagen ging es im Zuge eines 25 stündigen Fußmarsches weiter nach Mazedonien, die Polizei schnappte uns und brachte uns wieder zurück, das letzte Geld und die Wertschätze wurden uns genommen. Wir gaben nicht auf und marschierten weiter Richtung Serbien, dann nach Ungarn. Wir sammelten Geld für ein Taxi, das uns nach Österreich bringen sollte, es war ein langer Weg von Syrien bis hier her. Ich danke der Österreichischen Regierung, dem Verein Willkommen Mensch für die Aufnahme und natürlich auch der Familie, wo wir jetzt untergebracht sind, von ganzem Herzen.“
Betreuer gesuchtEin wichtiger Programmpunkt des Abends war die Vorstellung des Vereins Willkommen Mensch in Zwettl und jener Flüchtlingsfamilien, die in Zwettl eine Bleibe gefunden hatten. Bis dato sind neun Familien hier in der Region untergekommen, weitere Quartiere wären bereits in Aussicht, jedoch sind dringend Betreuer gesucht! Das ist Voraussetzung für die weitere Aufnahme von Asylwerbern in Zwettl, informieren Obmann Andreas Cermak und Vorstandsmitglied Regina Mayer-Uitz. Bei Interesse bitte dringend an den Verein wenden: http://www.willkommenmensch.zwettl.at/page.asp/-/2.htm Ein großes Dankeschön wurde auch an Tamer Henedy ausgesprochen, der einerseits für Dolmetscherdienste von der ersten Stunde an ehrenamtlich zur Verfügung stand und sich andererseits mit viel Herzblut und Engagement die Familien selbst einsetzte.Konzert im AnschlussGenauso viel Interesse wie bereits dem Vortrag wurde auch dem Konzert im Anschluss gewidmet, wo das Duo Peter Gabis und Salah Ammo den Sparkasse.event.raum mit orientalischen Klängen erfüllten.


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