Suche


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt

ZWETTL. In Japan hat vergangenes Jahr das erste Roboter-Hotel eröffnet, diese übernehmen nahezu den kompletten Betrieb und ersetzen so menschliche Arbeitskraft. Klingt utopisch. Hat die sogenannte Arbeitswelt 4.0 auch im Bezirk schon Einzug gehalten? Tips hat dazu den Bezirksstellenleiter der Arbeiterkammer (AK) Zwettl, Jürgen Binder, befragt.

„Zweimal Kaffee?“, „Ja, bitte“, „Ok – kommt gleich!“, ist auf dem Bildschirm von Zwettls AK-Chef Jürgen Binder zu lesen – der Firmen-Chat machts möglich. Foto: KaVo

Die Arbeitswelt hat und wird sich noch dramatisch ändern, das könne man auch hier im Waldviertel nicht negieren. „Während es früher persönlicher, regionaler war und alles langsamer vonstatten gegangen ist, ist es heute unpersönlicher geworden, man muss schneller, flexibler und globaler agieren, oft mit mehr Kompetenzen und Verantwortung im Gepäck“, fasst AK-Bezirksstellenleiter Jürgen Binder zusammen. Seinen Dienstgeber bekomme man vielfach gar nicht zu Gesicht, da alles über elektronische Kommunikation abgewickelt wird. Auch die Tendenz von der physischen hin zur psychischen Arbeit ist bei uns im Bezirk spürbar. Das „neue Arbeiten“ sei in unserer Region definitiv auf dem Vormarsch, auch wenn der Vergleich mit dem eingangs zitierten japanischen Roboterhotel für unsere Region noch zu hochgegriffen sei. Dennoch: „Es ist in den letzten zehn Jahren auf diesem Sektor Bahnbrechendes passiert, hätte mir vor zwei Jahrzehnten jemand erklärt, dass jeglicher Schriftverkehr elektronisch abgehalten wird sowie Videokonferenzen vom Schreibtisch aus erfolgen, ich hätte ihn für verrückt erklärt“, lacht Binder.

Die Automatisierung von Berufen bringt es mit sich, dass menschliche Arbeitskraft in manchen Bereichen eingespart wird. „Das sehe ich allerdings mehr in der Großindustrie, nicht so sehr im Waldviertel.“ Aber man werde sich Gedanken machen müssen, wie man mit dieser neuen Herausforderung umgeht. „Die Idee mit der Maschinensteuer ist zwar schon eine alte, wird aber zwangsläufig kommen müssen, in welcher Form auch immer. Denn wenn Maschinen unsere Arbeit machen und somit auch den Gewinn eines Unternehmens, dann wird man eine Wertschöpfungsabgabe brauchen.“

Weiterbildung unerlässlich

Trotz der vielen Maschinen und der fortschreitenden Technologisierung werde es ganz ohne Mensch nicht funktionieren, ist Binder überzeugt. Denn mit zwischenmenschlichen Beziehungen sowie dem sozialen Aspekt im Allgemeinen, können Maschinen nicht dienen. Entscheidend für uns alle ist eine dementsprechende Bereitschaft zur Aus- und Weiterbildung, um in dieser neuen Arbeitswelt bestehen zu können. „All jene, die das nicht haben, werden nur mit dem Pflichtschulabschluss ein großes Problem haben, gerade was den EDV-Bereich anbelangt, ist es dringendst notwendig, fit zu sein.“ Und selbst in der Pension führt kein Weg an den technischen Hilfsmitteln vorbei, die klassischen Formulare in dem Sinne haben über kurz oder lang ausgedient, so Zwettls AK-Leiter.

Das vielzitierte Burnout

Fit zu sein für die neue Arbeitswelt ist die eine Sache, in dieser auch zu bestehen, die andere. Rund um die Uhr erreichbar zu sein, das Verschwinden der Arbeitszeitgrenzen oder die vielfach umgebende Hektik, bringt so manch negative Begleiterscheinungen mit: Burnout ist in aller Munde. „Der Hauptgrund der Erkrankungen ist meines Erachtens nicht mehr der grippale Infekt, sondern das vielzitierte Burnout“, erläutert Binder, das seiner Meinung nach auch im Waldviertel Einzug gehalten hat. „Gegeben hat es das ja schon immer, nur wurde es bei uns lange Jahre todgeschwiegen.“ Definitiv sei man aber sensibler geworden, was das Thema betrifft.

Man nehme das Beispiel Homeoffice: Das Arbeiten von zuhause sei grundsätzlich eine tolle Geschichte, aber wo fängt es an, wo hört es auf? „Wir haben Fälle, wo die Betroffenen 16 Stunden am Tag rein vor dem PC verbracht haben, für die Firma hat es nach außen toll funktioniert, nur derjenige hat sich sprichwörtlich aufgeopfert.“ Jürgen Binder fordert in diesem Bereich ganz klare Spielregeln, klare Arbeitszeitenregelungen, klare Ruhezeiten, etwa nach dem Vorbild der deutschen Nachbarn. Dort wird in größeren Betrieben von Freitagnachmittag bis Montagmorgen kein Mail versendet, auch die jeweiligen Programme verweigern den Zugriff ab einem gewissen Zeitpunkt. „Ich halte es für ein Spiel mit dem Feuer, zu sagen, lassen wir ihn arbeiten wann und wie er will, Hauptsache die Arbeitsleistung ist erfüllt.“ Dass viele das Phänomen Burnout anzweifeln ist für Binder nachvollziehbar: „Es ist nach außen hin schwer zu erkennen, im Gegensatz zu offensichtlichen Wunden am Körper. Meines Erachtens ist die Feststellung des Krankheitsbildes über die Sachverständigen zu 80 Prozent berechtigt.“

Auch der Zwettler Bezirksstellenleiter muss sich oft selbst bei der Nase nehmen, mittlerweile wird das Handy im Urlaub und am Wochenende abgeschaltet. „Ich habe mir neulich mal einen Auszug machen lassen, über die Zeit, die ich telefoniert beziehungsweise im Netz verbracht habe – erschreckend!“

Einen abschließenden Gedanken gibt Jürgen Binder noch mit auf den Weg: „Wenn ich ständig am Arbeiten bin, ohne irgendwelche Spielregeln, dann würde auch das soziale Gefüge bei uns im Waldviertel zusammenbrechen, alle Hilfs- und Blaulichtorganisationen sowie Vereine sind auf Ehrenamtliche angewiesen. Wer fährt dann noch auf einen Brandeinsatz, wenn ihm die Arbeit über den Kopf wächst?


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden