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BEZIRK ZWETTL. „Es waren riesige Kastl mit Bildschirmen, die uns damals faszinierten. Von Festplatten keine Rede, ein Diskettenlaufwerk von 5 1/4 Zoll, welches nur mittels mühsamer Steuerungsbefehle wegstartete. Selbst das Unterstreichen von Worten im Textprogramm dauerte eine halbe Ewigkeit, wollte man Tabellen, musste man jedes einzelne Kästchen mit einem eigenen Befehl anlegen. Mein Lehrerkollege gab dieser benutzerunfreundlichen Technik damals keine Chance, man sei händisch ja viel schneller. Und dann ging alles rapide“, erinnert sich Bildungsmanager Alfred Grünstäudl an seine ersten Computer-Gehversuche 1984/85.

  1 / 3   V. l.: Corinna, Annalena, Kathrin und Nadine beim Testen ihres Experiments mit Lehrer und eLSA-Koordinator Martin Stadler. Mit einem Druck auf die Pfeile am Papier können sie das digitale Spiel steuern.

Heute, über 30 Jahre später, erscheinen solche Erzählungen nahezu nostalgisch, wenn man sich beispielsweise in der privaten Neuen Mittelschule Zwettl, einer zertifizierten eLSA-Schule (“e-Learning im Schulalltag“) mit Informatikschwerpunkt, umsieht. Das Notebook zählt zum selbstverständlichen Arbeitsgerät der Schüler, in jedem Fach kommen digitale Medien zur Anwendung. So zeichnet Lena gerade mittels eines virtuell hergeholten Zirkels einen perfekten Kreis auf das hochtechnisierte Smartboard, dass die klassische, allseits bekannte grüne Tafel ersetzt. Kreide sucht man vergeblich, statt dessen bedient man sich der eigenen Finger. Fast wie von Zauberhand erscheint ein Geodreieck – nur mit Druck auf das gewünschte Symbol. Was für die Schüler eine Selbstverständlichkeit darstellt, mag für den außenstehenden Betrachter auf den ersten Blick gar utopisch erscheinen. Fasziniert von den technischen Gegebenheiten wird man abgelenkt, aus dem Nebenraum erklingt ein Klavier – im Informatikunterricht? „Psst, meint Lehrer Martin Stadler, hier wird gerade ein Video gedreht!“ „Achtung, gleich geht“s los, wir müssen nur noch die letzte Taste anhängen“, informiert Stefan. Sein Schülerkollege Manuel hält schon das Smartphone griffbereit, schließlich soll das Projekt auf YouTube für die Nachwelt festgehalten werden. Auf einer Pappschachtel wurden Klaviertasten aufgezeichnet, jede davon mit einem Knopf aus Knetmasse versehen. Davon führen Leitungen zu einer Platine, welche wiederum an ein Notebook angeschlossen ist „Inzwischen haben wir alles aufgebaut für Sie und sind spielbereit. Dazu braucht man noch ein virtuelles Piano, das könnt ihr euch im Internet downloaden“, erklärt Stefan den potentiellen Zusehern. Und schon erklingt mit Druck auf die jeweilige Knetmasse mittels der Soundanlage des Smartboards „Alle meine Entchen“ (siehe Foto unten). Beeindruckend.

Gesellschaft steht Kopf

Kein anderes Medium zuvor – wahrscheinlich nicht mal Gutenbergs Druckerpresse – hat unsere Gesellschaft so umgekrempelt wie das Internet. Noch nie zuvor war es so bequem, mal eben schnell etwas „einzukaufen“, seinen Urlaub zu organi-sieren oder ein Kochrezept nachzuschauen. Digitale Medien und Internet haben die Gesellschaft auf den Kopf gestellt. Für heranwachsende Jugendliche sind diese nicht mehr wegzudenken: Google ist das allwissende Lexikon; via Whatsapp, Facebook und Co werden soziale Bindungen gepflegt; mittels YouTube oder Instagram ermöglicht man Einblicke in sein privates Leben. Und auch das Leben und Lernen der Schüler hat sich dadurch verändert. „Es ist Bildungsauftrag der Schulen das Potential der Informations- und Kommunikationstechnologien für das Lernen zu nutzen. Die Vermittlung von digitalen Kompetenzen und das Anwenden von digitalen Werkzeugen erfolgt daher in der Regel fächerübergreifend“, erläutert Bildungsmanager Alfred Grünstäudl im Tips-Interview. Und die Arbeit mit e-learning-Plattformen, um zum Beispiel seine Übungsbeispiele von zuhause abzurufen, sei mittlerweile Gang und Gebe im Pflichtschulbereich. Die angesprochene Zwettler e-learning Schule setzt sich – auch aufgrund des eigenen Informatikschwerpunktes – noch intensiver mit der Thematik Digitale Medien auseinander. Für den Direktor Gerhard Uitz bergen diese mit den vielfältigen Programmen und Softwares tolle Chancen und großes Potential. So zum Beispiel im Zuge von Nachhilfe, wo Übungen stetig wiederholt und angeschaut werden können. „Aber: Der bewusste und sinnvolle Einsatz mit klaren Regeln – Smartphones und Notebooks werden bei Nichtgebrauch weggesperrt – ist unerlässlich“, betont Uitz.

Kehrseite Internet

Doch wie überall gibt es auch eine Kehrseite, neben all den technologischen Vorteilen, die Neue Medien mit sich bringen, häufen sich die Vorfälle von Cybermobbing (Bedrohungen über das Internet), privat geglaubte Bilder tauchen plötzlich auf, persönliche Daten sind auf einmal nicht mehr persönlich, sondern werden für Werbezwecke verwendet. Ist es angesichts dessen nicht dringend notwendig, auch Medienkompetenz, sprich den verantwortungsbewussten Umgang, im Unterricht zu lehren? Welche Fotos darf ich wo veröffentlichen, wie vollzieht sich Meinungsbildung in den Sozialen Medien, wie kann man seriöse Quellen von falschen unterscheiden, ab wann spricht man vom Datenmissbrauch? „Ja womöglich müsste man das in der Schule noch mehr hervorheben, aber hier muss bereits im Elternhaus angesetzt werden“, mahnt Alfred Grünstäudl. „Natürlich haben wir als Schule einen Erziehungsauftrag, aber immer nur in Ergänzung zum Elternhaus. Und es ist letztlich immer eine Frage, wie das zuhause vorgelebt und gehandhabt wird – das kann man schon ein bisschen steuern“, meint Grünstäudl auch im Hinblick auf seine eigene Vaterrolle. Elternabende oder Workshops wären Möglichkeiten, um alle Beteiligten mit ins Boot zu holen. Direktor Uitz plädiert im Tips-Gespräch für ein Fach rund um Digitale Kompetenzen, dem etwa die gleiche Bedeutung beigemessen wird wie Lesen, Schreiben oder Rechnen. „Ich glaube, man darf vor diesen Entwicklungen nicht die Augen verschließen. Es heißt doch immer, wir sollen die Kinder von ihrer Lebenswelt abholen. Faktum ist, dass sie mit digitalen Medien aufwachsen. Wenn wir also in der Schule so tun würden, als ob es das nicht gäbe, dann wären wir in einer Parallelwelt, die das komplett negieren würde.“

Weiterhin Stifte und Hefte

Dennoch: Das Schreiben und Zeichnen von Hand, klassische Hefte, Bücher oder Stifte sollen weiterhin fester und wichtiger Bestandteil des Unterrichts bleiben, ist man in der Neuen Mittelschule überzeugt, „das eine darf das andere nicht ausschließen.“ „Digitale Medien sind neben Lesen, Schreiben und Rechnen ohne Fragezur vierten Kulturtechnik geworden. Wichtig ist es meiner Ansicht nach, dass man unsere Kinder mit dieser tollen Technologie nicht alleine lässt und hier die Verantwortung wahrnimmt. Und bei aller Faszination, die diese Geräte ausüben, manches wird es auch weiterhin brauchen, so wie die eigenen Kinder zu drücken oder zu herzen, denn menschliche Nähe können selbst modernste Medien nicht bieten“, schließt Grünstäudl.


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