Sein genügt: Männer-Krafttankstelle
ZWETTL. Lukas Schlosser ist Trainer und Coach für Achtsamkeit, Resilienz und Stresskompetenz. Er hat sich intensiv mit der wissenschaftlichen Forschung zum Thema Achtsamkeit auseinandergesetzt und untersucht, warum sich speziell Männer schwertun, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.

In Workshops und Einzeltrainings gibt es daher auch spezielle Angebote für Männer. Diese können dort üben, wie man mit belastenden Situationen konstruktiver umgeht. Tips hat Lukas Schlosser zum Thema „Männer“ und „Achtsamkeit“ befragt.
Tips: Warum beschäftigen sich Männer nicht so gerne mit dem Thema der mentalen und oft auch physischen Gesundheit?
Schlosser: Das dürfte am vorherrschenden Männlichkeitsbild liegen. Daher versuchen Männer gezielt Situationen zu vermeiden, in denen sie ermutigt werden könnten, über Probleme, Gedanken und Emotionen zu sprechen. Manchmal führt das auch zu einer Flucht in suchtartiges Verhalten. Das kann Alkohol sein, aber auch ungesundes Auspowern in der Arbeit oder beim Sport. Die österreichische Suizidstatistik brachte erschreckende Zahlen hervor: 79 Prozent aller Selbstmorde werden von Männern begangen – eben auch, weil sie, anders als Frauen, nicht so gerne über ihre Gefühle sprechen.
Tips: Wie erklärst du dir den derzeitigen Aufschwung des Themas Achtsamkeit?
Schlosser: Es gibt eine ´gefühlte` Zunahme von Stress und Tempo in unserem Alltag. Psychische Erkrankungen, Überlastungssymptome und Burnout gibt es immer mehr. Die Reizüberflutung durch elektronische Medien verschärft die Situation zusätzlich. Andererseits spüren immer mehr Menschen, dass rein materieller Wachstum weder auf Dauer funktionieren kann, noch langfristig glücklich macht. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Achtsamkeitstraining zum Beispiel im Umgang mit Stress Lebenszufriedenheit fördern und der Alterung des Gehirns entgegenwirken kann.
Tips: Wie genau definierst du Achtsamkeit?
Schlosser: Das ist eine Form der Aufmerksamkeit, die auf den gegenwärtigen Moment gerichtet ist. Achtsamkeit unterstützt dabei, klarer zu erkennen, was gerade tatsächlich in uns und rund um uns passiert. Es geht auch um die Fähigkeit, unangenehme Empfindungen und Emotionen wahrzunehmen, ohne sich zu sehr darin zu verstricken. Je achtsamer ich die Vorgänge in mir selbst wahrzunehmen lerne, umso bewusster lebe ich und umso freier und handlungsfähiger bin ich.
Tips: Was löst Achtsamkeit aus?
Schlosser: Regelmäßiges Achtsamkeitstraining kann Hirnfunktionen und Hirnstruktur verändern. Unser Gehirn kann, genauso wie jeder Muskel, durch stetes Training gewisse Fähigkeiten entwickeln. Die Wissenschaft sagt, dass 90 bis 98 Prozent der Hirnaktivität unbewusst ablaufen. Es ist erwiesen, dass regelmäßiges Training positive Auswirkungen auf die körperliche und geistige Gesundheit hat. Eine interessante Studie zeigt, dass das Glücksempfinden positiver ist, wenn die Aufmerksamkeit bewusst auf die Aktivität gerichtet ist, die gerade erledigt wird. Dabei hat sich sogar herausgestellt, dass die Art der Tätigkeit, egal ob angenehm oder unangenehm, weniger darauf Einfluss hat, ob sich die Menschen dabei glücklich fühlen, als die Tatsache, wie bewusst sie diese Tätigkeit ausgeführt haben.
Tips: Wie bist du auf die Idee gekommen, für Männer eine ´Krafttankstelle“ anzubieten?
Schlosser: Durch eigene massive körperliche Probleme und persönliche Umbrüche habe ich die Kraft des regelmäßigen Achtsamkeits- und Meditationstrainings kennengelernt. Ich weiß also, wie sich jemand fühlt, der Probleme hat. In meinen Workshops zeige ich anhand aktueller wissenschaftlicher Studien und meinen eigenen Erfahrungen, wie die Achtsamkeitspraxis im Umgang mit herausfordernden Situationen unterstützt und Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität präventiv verbessert werden können.
Tips: Was möchtest du Männern, die das lesen, mitgeben?
Schlosser: Die Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit und Emotionen sind wichtige Bausteine für körperliche und geistige Gesundheit. Männer verwechseln oft Verletzlichkeit und die Inanspruchnahme von Hilfe mit Schwäche und Scheitern. Das Trainieren eines persönlichen Raumes, wo „sein genügt“, wo ich nichts erreichen oder verstecken muss, unterstützt dabei, eingefahrene Muster zu erkennen und neue Perspektiven zu entdecken. Das Potenzial dazu steckt in jedem von uns.


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