Muttertag im Kinderdorf: "Die Kinder beschenken beide Mamas"
ALTMÜNSTER. Selbstgebastelte Geschenke, Lieder und Frühstück ans Bett: Am Wochenende werden die Mütter wieder ausgiebig verwöhnt. Auch in der Familie von Simone Winkler wird gefeiert. Das Besondere: Die 37-Jährige ist fünffache Kinderdorfmutter.

Tips: Wie sind Sie Kinderdorfmutter geworden?
Simone Winkler: Ich bin gelernte Malerin, musste aber wegen Allergien aufhören. Weil mich die Arbeit mit Kindern immer schon interessiert hat, habe ich mich dann informiert und gesehen, dass es für Kinderdorfmütter eine berufsbegleitende Ausbildung gibt. Ich hab mich beworben – und wurde genommen. In den ersten drei Jahren habe ich dann das Kolleg für Familienpädagogik in Wels besucht und schon währenddessen als Familienhelferin eine Kinderdorfmutter unterstützt – quasi als „Lehrling“. Danach, das war vor acht Jahren, wollte ich eigentlich in einer Kinderwohngruppe arbeiten, aber dann kam ein Anruf: „Wir brauchen rasch einen Platz für vier Geschwister.“ Da konnte ich einfach nicht Nein sagen, vor allem, als ich die Kinder das erste Mal gesehen habe. Es hat einfach gepasst. Einen Monat später kam dann das fünfte von meinen Kindern dazu.
Tips: Wie läuft Ihr Alltag im Kinderdorf ab?
Winkler: Wie in einer „normalen“ Familie (lacht): Ich stehe mit der ersten um 5.30 Uhr auf, der letzte geht um 7.30 Uhr aus dem Haus. Am Vormittag haben wir dann Supervision oder Besprechungen in den Familienteams, dann wird gekocht – und dann trudeln langsam die Kinder ein. Die Kinder haben ihre Aktivitäten, von der Feuerwehr bis zum Sport, müssen lernen, ihre Aufgabe machen und so weiter.
Weil die Kinder mittags mittlerweile schon zu sehr unterschiedlichen Zeiten nach Hause kommen, ist mir das gemeinsame Abendessen besonders wichtig. Da bleiben wir oft lange sitzen, jeder erzählt, was ihm wichtig ist, was ihn beschäftigt.
Tips: Sie betreuen fünf Kinder zwischen neun und 14 Jahren, die schwierige Zeiten hinter sich haben. Wie findet man da genügend Zeit für jeden?
Winkler: Ich habe drei Familienpädagogen, davon zwei Teilzeit und in Ausbildung. Sie unterstützten mich mit den Kindern – zum Beispiel, wenn jemand zu einem Verein gebracht werden muss und ich die anderen gerade nicht allein lassen kann. Sie sind ebenfalls für die Kinder da, basteln und spielen mit ihnen und vertreten mich, wenn ich nicht da bin – ich nehme meine freien Tage meistens geblockt auf zweimal im Monat.
Tips: Was ist – nach acht Jahren – für Sie das Schöne an Ihrem Beruf?
Winkler: Wenn man sieht, wie sich die Kinder entwickeln, da ist die Freude groß. Oder wenn alle entspannt sind, etwa wenn bei einem Ausflug einmal alles „abfällt“. Ich mag vieles an meinem Beruf – auch, dass man manchmal auf den Tisch schlagen muss, weil die Kinder natürlich auch ihre Grenzen suchen. Ich mag auch die Arbeit im Team, und mich freut besonders, dass ich auch meine Familie und meinen Freundeskreis miteinbeziehen kann: Weihnachten verbringen die Kinder und ich zum Beispiel immer bei meiner Familie.
Tips: Wie feiern Sie in dieser besonderen Konstellation den Muttertag?
Winkler: Die vier Geschwister haben seit ein paar Jahren keine Mama mehr. Wir fahren daher zu ihrem Grab – das machen wir auch sonst regelmäßig – und bringen Blumen. Ich ziehe mich dann zurück, setze mich auf eine Bank, und die Kinder kümmern sich auf ihre Weise um das Grab, pflegen es oder bringen neue Bilder hin. Mein fünftes Kind telefoniert mit seiner Mutter. Es gibt geregelte Besuchszeiten, aber es war noch nicht Thema, die Mutter an diesem Tag zu sehen. Und bei uns zuhause verläuft der Muttertag wie in vielen anderen Familien auch – die Kinder beschenken mich, ich darf länger schlafen, sie richten mir ein Frühstück her und wünschen mir einen „schönen Muttertag“. Ich fühle mich dadurch sehr geehrt, weil ich ja nicht die leibliche Mutter bin. Sie müssten das nicht tun – aber sie beschenken beide „Mamas“.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden