Zeitzeuge über Film Schindlers Liste: „Schön wär's, wenn's so gewesen wäre“

Thomas Lettner Thomas Lettner, Tips Redaktion, 12.03.2019 09:02 Uhr

AMSTETTEN. Der Verein „Lila Winkel“ beschäftigt sich mit der Dokumentation und Aufarbeitung des Schicksals von NS-Opfern. Um die Schrecken der damaligen Zeit zu vermitteln, veranstaltet der Verein Zeitzeugengespräche an Schulen.

Judith Ribic (geb. Reiter) ist Zeitzeugin in zweiter Generation und in Graz aufgewachsen. In der NMS und in der BRG Amstetten erzählte sie vergangene Woche über das Schicksal ihres Vaters Ernst Reiter, der viereinhalb Jahre im KZ Flossenbürg (Bayern) verbrachte. Reiter wurde am 11. April 1915 geboren. 1926 begingen seine Eltern Selbstmord, worauf sich ein Ziehvater um den Buben annahm. Dieser verkaufte jedoch den gesamten Besitz der verstorbenen Eltern und wanderte nach Amerika aus. Ernst Reiter wurde daraufhin von seiner Tante Cäcilia Reiter adoptiert.

Verweigerung der Einberufung

Die Zeugin Jehovas (damals Bibelforscher genannt) ermöglichte ihm den Besuch einer Bürgerschule. Da Reiter nun selbst zu den Bibelforschern übergetreten war, kam er nach dem Anschluss mit dem NS-Regime in Konflikt. Wie viele andere Mitglieder seiner Glaubensgemeinschaft verweigerte er den Einberufungsbefehl, da dieser mit den Geboten „Du sollst nicht töten“ oder der Nächstenliebe nicht vereinbar war.

Verhaftung und Zuchthaus

Am 6. September 1938 wurde Reiter direkt von seiner Arbeitsstelle aus verhaftet und musste sechs Monate lang Einzel- und Dunkelhaft in Graz absitzen. Dann kam Reiter zum Truppenübungsplatz in Grafenwöhr in Bayern. Wieder einmal vor einem Kriegsgericht stehend, wurde er von einem Hauptfeldwebel namens Pongratz angeschrien, dass Reiter hier nicht mehr lebend rauskommen würde. Reiter entgegnete ihm, das bestimme nicht er, sondern der, der über uns steht.

Nummern ersetzen Namen

Nach 18 Monaten Zuchthaus wurde Reiter im November 1940 ins KZ Flossenbürg eingeliefert. Die Häftlinge dort sollten nicht durch Gas, sondern durch Schwerstarbeit im Granitsteinbruch vernichtet werden. Der Granit wurde beispielsweise für das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg verwendet. Um den Häftlingen jede Menschenwürde und Identität abzusprechen, wurden ihnen Nummern gegeben. Ernst Reiter bekam die Häftlingsnummer 1935 und den Lila Winkel, die KZ-Kennzeichnung der Bibelforscher (vergleichbar dem Davidstern für die Juden).

Strikter Tagesablauf

Der Tagesablauf im KZ sah so aus: Um 4 Uhr früh war Tagwache. Danach mussten die Häftlinge die primitiven Toilettenanlagen aufsuchen. Um 5.15 Uhr war der Morgenappell. Danach ging es an die Arbeit. Steinmetze sprengten im Steinbruch Blöcke aus dem Feld, die von den Häftlingen händisch bearbeitet werden mussten. Die Steine wurden auf dem Rücken oder in einem kleinen Wagen transportiert. Gearbeitet wurde bei jedem Wetter. Um 12 Uhr war Mittagsappell, danach ging es wieder bis 18.30 Uhr in den Steinbruch. Darauf folgte der Abendappell. Um 20.45 Uhr mussten die Häftlinge in die Baracken, um 21 Uhr hieß es „Licht aus!“.

Harte Strafen der SS

Bei Vergehen gab es harte Strafen. Die SS hetzte Hunde auf die Häftlinge, gab ihnen 25 Stockhiebe am Bock, drückte sie bis zur Bewusstlosigkeit in einen Waschtrog oder ließ sie mit den Armen hinter dem Rücken am Galgen hängen. Seinen Glaubensbrüdern ist es zu verdanken, dass Ernst Reiter die Torturen des KZ überstand. Einmal bekam er so hohes Fieber, dass er Gefahr lief, ins Krankenrevier überstellt zu werden. Dort wurden die Häftlinge aber nicht gesund gepflegt, sondern es wurden Versuche an ihnen unternommen. Irgendwann bekam er die Aufforderung, sich in der Schreibstube zu melden. Normalerweise war das die inoffizielle Bezeichnung für die Überstellung ins Vernichtungslager. Reiter jedoch wurde tatsächlich als Schreiber eingesetzt und musste nicht mehr im Steinbruch arbeiten.

Tante und Oma tot

1942 stieg die Todesrate so rapid an, dass im Lager ein eigenes Krematorium errichtet wurde. Da es zu viele Leichen gab, wurden viele aufgestapelt, mit Benzin übergossen und angezündet. Von insgesamt 100.000 Häftlingen starben 30.000 in Flossenbürg. Bei Kriegsende wurde die SS nervös und schickte die noch lebenden auf einen Todesmarsch. Ernst Reiter überlebte auch diesen. Nachdem er nach der Befreiung von der US-Kommandantur ein Fahrrad erhalten hatte, fuhr er damit 800 Kilometer zurück in die Heimat. Am 6. September 1945 erreichte er Graz. Seine Großmutter und seine Tante Cäcilia waren mittlerweile verstorben. Letztere wurde, da sie den Hitlergruß verweigert hatte, ins KZ Ravensbrück gebracht, wo sie Munitionstaschen nähen sollte. Da sie auch das verweigerte, kam sie nach Auschwitz, wo sie an Fleckfieber starb.

Kein Hass gegen Täter

1947 heiratete Ernst Reiter und bekam drei Töchter. Drei Mal besuchte er nach dem Krieg das KZ Flossenbürg, das erste Mal 1958 gemeinsam mit seiner Familie. Ein besonderes Anliegen war ihm, dem Hauptfeldwebel Pongratz auszurichten, dass er den Krieg doch überlebt hatte. Dessen Sekretär richtete ihm aus, dass Pongratz mittlerweile in Landshut einen höheren Posten bekleide. Hass und Rache wollte Reiter jedoch nicht. Trotz der traumatischen Erlebnisse hat er ehemalige Täter manchmal sogar selbst als Opfer bezeichnet. In den 90ern besuchte er Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“, der damals in den Kinos lief. Nach dem Film sagte er: „Schön wär“s, wenn„s so gewesen wär“. 

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