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NÖ Bildungsdirektor Heuras: "Schulen haben einen Quantensprung in Sachen Digitalisierung erfahren"

Michaela Aichinger, 02.02.2021 08:04

BEZIRK. Der Lockdown hat in den vergangenen Monaten viele Bereiche sehr hart getroffen. Vor allem Schulen standen und stehen vor großen Herausforderungen. Tips bat NÖ Bildungsdirektor Johann Heuras zum Gespräch.

Bildungsdirektor Johann Heuras im Tips-Interview Foto: Bildungsdirektion NÖ
Bildungsdirektor Johann Heuras im Tips-Interview Foto: Bildungsdirektion NÖ

Tips: Herr Bildungsdirektor, ein – gelinde gesagt – schwieriges Herbst/Winter-Semester ist gerade zu Ende gegangen. Welche Bilanz ziehen Sie?

Johann Heuras: Im Gegensatz zum Frühjahr traf uns das Ganze im Herbst nicht so unvorbereitet und überfallsartig. Man hatte mit Homeschooling und Distance-Learning bereits Erfahrungen, trotzdem verlangte das Alles viel Flexibilität, Feingefühl und digitale Kompetenz von unseren Pädagogen, die diese einmalige Herausforderung sehr gut gemeistert haben. Dafür gebührt ihnen ein Aufrichtiges Danke. Mittlerweile wurde das Distance-Learning perfektioniert und die Schulen haben einen Quantensprung in Sachen Digitalisierung erfahren. Wir haben im vergangenen Jahr aber auch gesehen, dass ein noch so guter Unterricht auf Distanz niemals Präsenzunterricht ersetzen kann. Kinder brauchen Beziehung und reale, soziale Kontakte. Wir wünschen uns daher nichts mehr, als dass der Präsenzunterricht bald wieder die reguläre Unterrichtsform wird.

Tips: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit der Bildungsdirektion mit den jeweiligen NÖ Schulen?

Johann Heuras: Die Zusammenarbeit zwischen den Schulen und der Bildungsdirektion funktioniert sehr gut. Besonders wichtig ist dabei ein rascher und klarer Informationsfluss, um Unsicherheiten weitgehend zu vermeiden. Es finden daher regelmäßig Videokonferenzen mit den Direktoren statt. Ein regelmäßiger Austausch ist gerade in Zeiten wie diesen sehr wichtig. Einen großen Beitrag zu einer guten Zusammenarbeit leisten die Außenstellen in den Bildungsregionen, die Bindeglied zwischen der Bildungsdirektion und den Schulen sind. Die Abteilungsleiter und die Schulqualitätsmanager leisten hier hervorragende Arbeit.

Tips: Coronavirus-bedingt neu ist während der Semesterferien das Angebot eines Ergänzungsunterrichts – ähnlich wie in der Sommerschule. Der Fokus liegt dabei auf Lernbetreuung in Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen. Wie wird/wurde dieses Angebot in den NÖ Schulen angenommen?

Johann Heuras: Es haben sich sehr viele Eltern darauf eingestellt, dass die Semesterferien Ferien sind und sich daher auch Urlaub genommen. Das Angebot wurde daher nicht allzu stark angenommen. Das ist aber auch gut so, denn es ist ja nicht so, dass Schüler im Homeschooling nichts gemacht haben. Sie waren sehr gefordert und haben sich auch sehr bemüht. Sie brauchen daher auch Ferien, um sich zu erholen und durchzuschnaufen.

Tips: Wie können die Schulen Ihrer Ansicht nach nach den Ferien möglichst sicher wieder geöffnet werden?  

Johann Heuras: In den Schulen wurden aus medizinischen Sicherheitsgründen schon sehr viele Maßnahmen gesetzt, damit der Schulbetrieb so sicher wie möglich ist. Das beginnt bei den Hygienekonzepten, geht über das Abstandhalten bis hin zur Maskenpflicht und den Selbsttests, die mittlerweile in allen Schulen angekommen sind. Im Sinne einer hohen Sicherheit wird nach derzeitigem Stand die Schule nach den Semesterferien im Schichtbetrieb starten. Wir treten hier in Niederösterreich für ein möglichst einheitliches System ein, um den Eltern ein Höchstmaß an Planbarkeit zu geben. In den Volksschulen hoffe ich allerdings auch, dass es bald wieder – sobald es die Infektionslage zulässt – zu einem normalen Präsenzunterricht kommt.

Tips: Die Vertretung der AHS-Lehrer forderte zuletzt bei Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts eine verpflichtende Testteilnahme für alle, die am Unterricht in den Klassen teilnehmen wollen. Außerdem soll die Tragepflicht von FFP2-Masken auf alle Personen im Schulgebäude (nicht erst für Personen über 14 Jahren) ausgedehnt werden. Wie stehen Sie dazu?

Johann Heuras: Wir bereits erwähnt, gibt es für die Schüler die freiwilligen Selbsttests und Lehrer müssen entweder eine FFP2-Maske tragen oder sich einmal in der Woche testen lassen. Eine verpflichtende Testteilnahme sehe ich unrealistisch, ich appelliere aber an die Vernunft aller Betroffenen.

Tips: Manche Menschen sprechen sich für eine Wiederholung des Schuljahres aus. Sie sehen dieses Schuljahr als „verlorenes Jahr“, sprechen von einer „verlorenen Generation“. Wie sehen Sie das? Sind Sie nach wie vor für eine temporäre Aufstockung der Schulstunden als Ausgleich? Sollen die Sommerferien unangetastet bleiben?

Johann Heuras: Ich verwehre mich von einer „verlorenen Generation“ zu sprechen. Das diffamiert pauschal eine ganze Gruppe von Menschen in unzulässiger Weise. Viele haben beispielsweise ein hohes Maß an Eigenverantwortung erworben und trotz Corona tolle Leistungen erbracht. Aber Ja, ich bekenne mich dazu, man muss den Schülern bei Defiziten zusätzlich Unterricht und Stunden anbieten, auch durch zusätzliche Förderstunden für all jene, die es brauchen. Auch das Instrument der Sommerschule in den Ferien ist zweifellos ein Mosaikstein in diesem Prozess. Die Sommerschule wird fortgesetzt und erweitert, davon profitieren viele Schüler, aber auch Studenten, die in die pädagogische Praxis eintauchen können. In der jetzigen Situation eine Feriendiskussion zu starten, halte ich nicht für zielführend.

Tips: Wie groß sind Ihrer Erfahrung nach die Corona bedingten Bildungsverluste für Schüler?

Johann Heuras: Hier gibt es verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen. Die Universität in Oxford kommt bei einer Studie, durchgeführt in den Niederlanden, zu einem Bildungsverlust durch die zweimonatige Zwangspause im Frühling von 20 Prozent. Die OECD geht von einem durchschnittlichen Lernverlust von einem Drittel aus. Hier wurde allerdings nur der erste Lockdown im Frühling berücksichtigt. Wir versuchen, diesen Bildungs- und Lernverlust allerdings mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln auszugleichen.

Tips: Welche Schüler sind von Bildungsverlusten besonders betroffen?

Johann Heuras: Grundsätzlich kann gesagt werden: je jünger die Schüler, desto größer die Defizite, weil naturgemäß die digitalen Werkzeuge noch nicht so gut beherrscht werden und die Eigenständigkeit noch nicht so stark ausgeprägt ist. Aber viele Schüler, die von Bildungsverlusten bedroht sind, werden von den Pädagogen aktiv in die Schule geholt. Außerdem unterstützt das Land Niederösterreich viele Familien durch das zur Verfügungstellen von elektronischen Geräten. Aber natürlich sind jene Kinder im Nachteil, deren Eltern oft berufsbedingt für ihre Kinder weniger Zeit für Homeschooling aufbringen können. Deshalb sollten vor allem die Kinder der Volksschule und auch sonst sozial Benachteiligte so bald wie möglich in den Präsenzunterricht zurückkehren können.


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