Ein Vertriebener ist heimgegangen
AMSTETTEN/LOS ANGELES. Erst jetzt wurde bekannt, dass das letzte männliche Mitglied der ehemaligen Israelitischen Kultusgemeinde Amstetten, Ludwig Surkin, am 3. November 2022 in Los Angeles verstorben ist. Ludwig Surkin hätte am 29. Jänner 2023 sein 103. Lebensjahr vollendet.

Ludwig Surkin besuchte in Amstetten die Volks- und Hauptschule sowie im Anschluss daran die Eisenfachschule in Waidhofen/Ybbs. Bereits drei Monate nach Schulschluss musste er vor den Nationalsozialisten flüchten. „Es war hart, der einzige Jude an der Schule zu sein. Ich hatte auch keine besondere Freude mit dem Lernen und war ein Lausbub. In meiner Freizeit habe ich lieber Kajaks gebaut und an der Ybbs gespielt. Doch insgesamt war das Leben in Amstetten aber gut“, erinnerte er sich noch 2018 in seinem letzten Interview (E-Paper https://www.tips.at/zeitung-epaper/?ausgabe=tips-amstetten&id=32517#/2 oder Langversion https://www.tips.at/nachrichten/amstetten/land-leute/439766-gespraech-mit-zeitzeugen-ludwig-surkin) schmunzelnd an seine Kindheit zurück.
Judenfeindlicher Nationalsozialismus
Nach dem Anschluss an das Deutsche Reich war ihm klar, dass es für ihn als Jude keine Zukunft in Österreich geben würde. Erst wollte sich Ludwig Surkin in Südamerika eine neue Heimat aufbauen, bekam aber keine Einreiseerlaubnis. Daraufhin fuhr er, obwohl seine Eltern noch in der Linzerstrasse 5 ein Kleidergeschäft führten, mit einem Bahntransport ans Meer und schlug sich mit einem illegalen Schiffstransport nach Palästina durch, wo er die letzten Kilometer schwimmend das Land erreichen musste.
Von Israel nach Amerika
Er arbeitete als Hilfsarbeiter und Mechaniker in einer Orangenplantage, wobei ihm seine Ausbildung in der Eisenfachschule sehr zugute kam. Daneben verdiente er sich in einem Hotel seinen Lebensunterhalt, wurde Diamantenschleifer und gründete, da er Akkordeon spielte, auch eine kleine Band. 1948 nahm er als Untergrundkämpfer am Krieg an die Araber teil. Im Jahre 1962 wanderte er nun in die USA aus. Mit Zähigkeit, Fleiß und Schweiß kämpfte er sich nach oben. Ludwig Surkin arbeitete in Hollywood in der Filmindustrie als Schweißer und machte sich schließlich selbstständig. Unermüdlich schuf er für sich und seine Familie, gründete zwei Fabriken und war auch an einer dritten beteiligt. Sie erzeugten vor allem Metallprodukte, wie zum Beispiel Leitern, Fahrzeuggepäcksträger und vieles mehr. Nachdem seine erste Ehefrau, mit der er zwei Söhne hatte, verstorben war, heiratete er 1986 ein zweites Mal, eine Lehrerin aus Los Angeles. Noch als 99-Jähriger stand er in der Firma seines Enkels und half mit.
Regelmäßige Besuche in Europa
Obwohl Ludwig Surkin als 18-Jähriger vertrieben wurde, hatte die Liebe zu seiner Heimat nie verloren. Er besuchte seit den 70er-Jahren in etwa Zehn-Jahres-Abständen – meist in Begleitung seiner Söhne – Europa und vor allem Amstetten. Hier pflegte er die Kontakte aus seiner Schulzeit. Insbesondere seine Freunde aus der Familie des einstigen Vizebürgermeisters Heinrich Gollonitsch, des ehemaligen Bürgermeisters Josef Freihammer (mit dem er sogar fallweise samstags nachts telefonierte!) oder die vormalige Hoteliersfamilie Rudolf und Christine Hödl, wo er bei seinen Besuchen stets seinen Aufenthalt nahm.
Wunsch nach Erinnerungssteinen
Mit seinem Tod wurde nun die letzte Seite der Israelitischen Kultusgemeinde Amstetten aufgeschlagen. Man könnte beinahe das Buch schließen, wäre da nicht ein kleiner allgemeiner Wunsch – auch ein Gedankengut des Verstorbenen – Erinnerungssteine für die vertriebenen und ermordeten Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde zu errichten.


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