Handel öffnet am 4. Adventsonntag: zwei Leserbriefe aus dem Mostviertel
BEZIRK. Zwei Tips-Leser haben auf den Leserbrief von Kaplan Franz Sieder „Am 4. Adventsonntag sollen Geschäfte geschlossen bleiben!“ reagiert.

Stellungnahme Josef Schlöglhofer: „Zur Öffnung der Geschäfte am 4. Adventsonntag“
Selbstverständlich stimme ich als praktizierender Katholik mit Herrn Kaplan Sieder überein, dass Geschäfte an Sonn- und Feiertagen grundsätzlich geschlossen sein sollen. Auch mir ist der Sonntag heilig und ich kann mit gutem Gewissen behaupten, an einem Sonn- oder Feiertag (z. B. 8. Dezember) noch nie in einem Geschäft gewesen zu sein und das wird auch so bleiben.
Damit bin ich aber beim springenden Punkt: Jede(r) Einzelne hat es in der Hand eine Sonntagsöffnung in Zukunft zu verhindern, indem er oder sie nämlich am kommenden Sonntag, auch wenn die Geschäfte offen sind, eben nicht einkaufen geht – so einfach ist das, geschätzter hochwürdiger Herr Kaplan! Es sind nämlich nicht die „bösen kapitalistischen Geschäftsleute, Unternehmer und Gewerbetreibenden“, die aus reiner Profitgier unbedingt öffnen wollen, und auch nicht eine neoliberale Politik, sondern es ist die Masse unserer von christlichen Werten kaum mehr berührten Konsumgesellschaft, die das haben möchte – und Wirtschaft und Politik, die einen weil sie verdienen, die anderen weil sie gewählt werden wollen, geben dieser gesellschaftlichen Forderung nach – no na!
Und eine Behauptung des Herrn Kaplans in seinem Leserbrief ist historisch schlichtweg falsch, dass nämlich 2.000 Jahre lang am Sonntag keine Geschäfte gemacht worden wären. Das Gegenteil ist der Fall: Jahrhundertelang war es üblich, dass die Menschen nach dem Kirchgang am Sonntag nicht nur ins Wirtshaus sondern auch einkaufen gegangen sind, Vieh, Getreide oder andere Produkte gehandelt und am Kirchenplatz oder am Friedhof Geschäfte abgeschlossen haben. Gesetzlich geregelte Ladenschlusszeiten gibt es überhaupt erst seit dem 20. Jahrhundert, in vielen Ländern erst nach dem 2. Weltkrieg.
Stellungnahme Alois Reisenbichler: „Sonntagsshoppen als Einstiegsdroge!“
Die Wirtschaft, vor allem die großen Unternehmen, wollen am Sonntag vor Weihnachten aufsperren. Wegen dem Lockdown. Dieselben wollten aus dem 8. Dezember einen Shoppingfeiertag machen (und haben es durchgesetzt, fällt halt heuer in den Lockdown). Und sie wollen jeden Sonntag öffnen, damit wir jeden Sonntag shoppen können. Aber eigentlich wollen sie, dass wir jeden Sonn- und Feiertag der Wirtschaft zum Lohnarbeiten zur Verfügung stehen. Nicht nur in den Bereichen, wo es notwendig ist wie z. B. in Krankenhäusern, sondern überhaupt und eigentlich überall und jederzeit.
So wie es jetzt schon bei den freien DienstnehmerInnen und WerkvertragsnehmerInnen ist. Ich war selbst über 10 Jahre freier Dienstnehmer. Rund um die Uhr lohnarbeiten oder zumindest bereit sein, zu arbeiten, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche! Und natürlich dann alle Zuschläge für die Sonntagsarbeit in Bereichen, wo es sachlich notwendig ist, weg, weil ja alle arbeiten müssen oder eben zum Lohnarbeitseinsatz bereit sein müssen.
Beim freien Sonntag, der Christinnen und Christen sehr wichtig ist, geht es nicht nur um den Kirchgang, sondern geht es um GEMEINSAME FREIE ZEIT, damit ein Familienausflug möglich bleibt, ein gemeinsames Fest mit FreundInnen, ein Seminar einer Partei, Gewerkschaft oder Friedensgruppe usw. .... ganz einfach: damit gesellschaftliches Leben, Engagement, Begegnung möglich bleibt und nicht eine logistische Herausforderung für alle, um die unterschiedlichen Arbeits- und Freizeiten zu koordinieren.
Wir wollen nicht rund um die Uhr arbeiten oder rund um die Uhr zur Lohnarbeit bereitstehen. Wir wollen den freien Sonntag, zumindest diesen einen Tag als gemeinsame freie Zeit, um miteinander zu leben.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden