Breite Ablehnung zur Waldviertel-Autobahn bei Podiumsdiskussion

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Olivia Lentschig Olivia Lentschig, Tips Redaktion, 02.03.2020 08:29 Uhr

WALDVIERTEL.Befürworter und Gegner der geplanten Waldviertelautobahn, der sogenannten „Europaspange“ trafen in einer öffentlich geführten Podiumsdiskussion, initiiert seitens der überparteilichen Plattform „Lebenswertes Waldviertel“ aufeinander. Insgesamt acht Vertreter von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft diskutierten fast drei Stunden lang über dieses emotional hoch aufgeladene Thema und nahmen dabei auch Fragen und Statements aus dem Publikum entgegen.

Fast alle Parteien waren durch einen Diskutanten vertreten, nur die FPÖ fehlte.

Für die ÖVP kam Jürgen Maier, Verkehrssprecher und Leiter des Regionalverbandes Waldviertel, die SPÖ war durch Josef Wiesinger vertreten, die österreichische Wirtschaftskammer von Reinhart Blumberger, die NEOS von Helmut Hofer-Gruber. Für die Grünen kam Martin Litschauer, Harald Frey von der TU Wien steuerte die wissenschaftliche Untermauerung bei, und als Vertreter der Unternehmer saß Johannes Gutmann vom Sonnentor auf dem Podium. Als Vertreter des Transitforums Austria reiste Obmann Fritz Gurgiser aus dem fernen Tirol an, um zur Diskussion beizutragen.

TU-Experte entkräftete Argumente

„Von Anfang an wurde deutlich, dass den Befürwortern der Autobahn, Jürgen Maier von der ÖVP und Reinhart Blumberger von der WKÖ, stichhaltige, überzeugende Argumente fehlten“, so die Mitglieder der Plattform Lebenswertes Waldviertel. Jürgen Maier sprach zwar von einer Vorstudie, aufgrund derer der Regionalverband den Beschluß für die Autobahn gefasst hätte und verwies auch auf positive wirtschaftliche und demographische Entwicklungen entlang der Weinviertelautobahn und an der Nordachse hin zu Stockerau. Letzteres Argument wurde jedoch rasch vom sehr offensiv sprechenden Harald Frey von der TU Wien entkräftet, der darauf hinwies, dass sich dort entweder Wiener Betriebe ansiedelten, die billigeren Baugrund bräuchten, oder eben Pendler nach Wien.

Reinhart Blumberger sprach hingegen von der „einmaligen Chance zur Wertschöpfung in der Region“ und dem „gemeinsamen Ziel einer notwendigen Infrastrukturoffensive im Waldviertel“, wirkte jedoch weder überzeugt, noch sehr überzeugend, zogen die Autobahngegner ihr Fazit.

Applaus für Öffis

Wiesinger sprach von der Notwendigkeit des Ausbaus des öffentlichen Verkehrs (Bus und Bahn), sowie für Ausbau und Förderung der lokalen Wirtschaft. Herr Hofer-Gruber von den NEOS eröffnete mit dem Statement: „Auch wenn es unbequem ist: auf komplexe Fragen gibt es keine einfachen Antworten“.

Applaus kam daher erst auf, als Martin Litschauer von den Grünen das geplante 1-2-3-Ticket der Bundesregierung in den Raum warf. „Wenn man bei Vollausbau der Franz-Josef Bahn in einer Stunde für einen Euro von Göpfritz nach Wien kommt, dann weiß ich wirklich nicht, warum über eine Autobahn geredet wird“.

Negativbeispiel: Brenner - und Inntalautobahn

Ebenso überzeugend legte Harald Frey von der TU Wien dar, dass weltweit keine einzige Studie einen positiven Zusammenhang von Autobahn und Wirtschaftsschöpfung und Bevölkerungsentwicklung zeige, im Gegenteil. Fritz Gurgiser aus Tirol bekräftigte das, indem er darlegte, wie die Brenner- und Inntalautobahn die ländlichen Regionen Tirols ruiniert hatten. „Wir verlieren laufend gutbezahlte Arbeitsplätze und gewinnen dafür schleichend schlecht bezahlte Jobs in irgendwelchen Shops“, wetterte er leidenschaftlich.

Johannes Gutmann vom Sonnentor bestätigte, dass die Waldviertler Betriebe seiner Erfahrung und Beobachtung nach keine Autobahn bräuchten. Das bestehende Straßennetz sei gut genug ausgebaut, um etwa jährlich 30.000 Paletten verschicken zu können.

„Ich glaube, Sie håb'n die globalen Probleme net verstånd'n!“

Bei den Autobahnbefürwortern schien es, als würden sie den Widerstand im Publikum gegen die Europaspange noch zusätzlich anfachen. Gerald Blaich, Förster im Stift Zwettl etwa sagte in Richtung Maier und Plumberger: „Bei allem persönlichen Respekt, Ich glaube, Sie håb'n die globalen Probleme net verstånd'n. Bitte rechnen Sie mir vor, ob durch eine Autobahn weniger CO2 emittiert wird.“, damit auf die kurze Einleitung von Dietrich Waldmann zum Klimanotstand anknüpfend, der zeigte, wie eng das Zeitfenster für eine Reduktion der Treibhausgasemissionen mittlerweile geworden ist.

Eine Frage aus dem Publikum führte Harald Frey zur öffentlichen Infragestellung der Objektivität der SPV zur Europaspange, da der Auftraggeber zugleich der massivste Befürworter des Projektes ist, eine Tatsache, die Jürgen Maier als Verkehrssprecher der ÖVP bis zum Schluss nicht entkräften konnte, ja zum Teil sogar eingestehen musste.

Ära Kreisky: die Idee mit dem AKW Zwentendorf

Auch Peter Kastner, Kaufmann aus Zwettl, lieferte aus dem Publikum heraus ein leidenschaftliches Plädoyer wider das Autobahnprojekt: „Wie wir gegen Zwentendorf war'n, da hat uns der Kreisky als Lausbub'n beschimpft. Die Politik hat gewarnt, dass wir ohne Atomkråft irgendwann im Dunkl'n sitz'n wer'n. Heute san alle froh, dass ma keine Atomkraft hab'n, und Strom hamma a g'nua.“

Entsprechend fielen auch die Schlußstatements der Diskutanten aus: die Autobahngegner appellierten leidenschaftlich an die Bevölkerung, an die Zukunft und an ihre Kinder zu denken, die Befürworter versuchten, auf diesen Zug aufzuspringen, erreichten das Publikum jedoch nicht im selben Maße.

Trotzdem muss hervorgehoben werden, dass bei aller Emotionalität die Diskussion nie „entgleiste“, Sowohl Diskutanten als auch Publikum verhielten sich in allen ihren Stellungnahmen und Fragen fair und gesittet, jeder bekam genug Raum und Gelegenheit, seine Meinung und Stimme hören zu lassen. Moderator Ernst Wurz behielt zu jeder Zeit souverän den Überblick.

Die gesamte Veranstaltung wurde per youtube live übertragen und ist unter https://www.youtube.com/watch?v=Otn0-EtoCW0 in voller Länge zu sehen.

Und hier geht's zur Bildergalerie: https://www.tips.at/bildergalerien/gmuend/500504-podiumsdiskussion-pro-contra-europaspange

 

 

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