Wissenschaftler diskutierten in Gmunden über den zunehmenden „digitalen Stress“
GMUNDEN. Fast zwei Milliarden Menschen weltweit verwenden regelmäßig „soziale Medien“ wie Facebook, Twitter sowie WhatsApp. 40 Forscher aus elf Nationen diskutierten in Gmunden drei Tage lang die neuesten Erkenntnisse über die Auswirkungen moderner Informationstechnologie auf Gehirn und Gesellschaft.

Das hochkarätige Treffen organisierte bereits zum achten Mal der Neurowissenschaftler René Riedl, der einst in Studienzeiten für den SV Gmunden kickte. „Soziale Medien“ haben die Welt in einem dramatischen Ausmaß verändert und werden dies weiter tun. Daher widmen sich auch immer mehr Top-Wissenschaftler aus diversen Disziplinen diesem Phänomen, um auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse die negativen Wirkungen des Einsatzes „sozialer Medien“ niedrig zu halten.
Produktivität leidet unter zunehmendem Mail-Verkehr
Der stetig steigende Einsatz von Internet und die Verwendung von Smartphones lösen „ditalen Stress“ aus. Allgegenwärtigkeit, 24-stündige Erreichbar- und Abrufbarkeit von Informationen, ständige Unterbrechungen durch Mail-Verkehr und Systemabstürze führen auch zu biologisch negativen Folgen. Bei der „Retreat on NeuroIS“-Fachtagung berichteten unter anderem Koryphäen wie Fred D. Davis (Texas Tech University), Hauke Heekeren (Freie Uni Berlin) und René Riedl (Uni Linz) über wesentliche Erkenntnisse. „Der Ausstoß von Stresshormonen wie Cortisol undAdrenalin steigt bei „digitalem Stress“ ebenso an wie der Pulsschlag, der sogar bis zu 60 Prozent des Ruhepulses erreichen kann. Auch Muskelverspannungen sind zu beobachten. Die Produktivität leidet darunter, vermehrtes Auftreten von „burnout“ und Krankenständen ist die Folge“, so Riedl. Fred Davis konstatiert sogar einen Zusammenbruch der Grenze zwischen Arbeits- und Privatleben. Bei den meisten Unternehmen herrsche allerdings kaum Bewusstsein über die Problematik.
Ständiges Unterbrechen als Problemfeld
Um die negativen Auswirkungen zu reduzieren, empfiehlt Riedl zum Beispiel eine Pausengestaltung mit gewissen, regelmäßigen Rhythmen. 100 Minuten Computerarbeit sollen zehn bis 15 Minuten Pause folgen. Eine Studie der Uni Bonn untersuchte das Verhalten von 60.000 Smartphone-Benützern. Das Ergebnis: Täglich wurde das Gerät durchschnittlich 88 Mal benutzt. Das Problem: Der „flow“ – ein Glücksgefühl bei Arbeiten und Tätigkeiten in hohem Konzentrationszustand – wird dadurch alle zehn bis 15 Minuten unterbrochen und empfindlich gestört, der „flow“ ist dann erst nach zehn bis 15 Minuten wieder auf dem Stand, als zum Zeitpunkt des Störungsbeginns. „Man muss Vorsicht walten lassen. Wissenschaftlich muss das noch genauer untersucht werden. Es gibt aber auch positive Effekte. So wird zum Beispiel die „Multitaskingfähigkeit“ deutlich gestärkt“, so Hauke Heekeren.
„Vernünftiger Umgang mit IT ist noch zu erlernen“
Als eines der größten Problemfelder erweist sich „nicht adäquates IT-Verhalten“. Da das Versenden von Mails kaum Kosten verursacht und einfach ist, sind unnötige Mails und generell viel mehr Kommunikation die Folge. „Die Fähigkeit, vernünftig über den Umgang mit Informationsweitergabe zu entscheiden, muss erst erlernt werden“, so Riedl. Dazu seien Kommunikations- und Mail-Regeln nötig. Riedl erwähnt als Beispiel den VW-Konzern. Dort gebe es für Mitarbeiter Mail-freie Tage. Die Lösung hat einen Schwachpunkt, denn der Nachteil liegt auf der Hand: Die Mitarbeiter sind am nächsten Arbeitstag mit einer Flut an Mails konfrontiert, die ebenfalls abgearbeitet werden muss.
Maßnahmen gegen Hetze und Beleidigung im „Netz“
Auch im Fokus der Wissenschaftler: Die zunehmend offene Hetze gegen und das Beleidigen von Personen und Gruppen in Chatforen. „Wir müssen erst untersuchen ob und wie sich das Online-Verhalten auf die persönliche „offline-Welt“ genau auswirkt“, so Riedl. Die Hemmschwelle sei aber sicher gesunken. Für Riedl besteht daher Handlungsbedarf: „Es besteht die Gefahr, Tendenzen zu übersehen und zu lange zu warten. Im Bereich „Mobbing“ hat der Gesetzgeber bereits nachgezogen. Man muss nicht gleich auf jede Kleinigkeit reagieren, aber hinsichtlich Online- und IT-Thematik wäre mehr Reglementierung ebenso wünschenswert wie ein verantwortungsvoller Umgang mit persönlichen Daten.“ Denn viele Unternehmen ersparen sich bei Einstellungsgesprächen mittlerweile die Persönlichkeitstests. „Sie bekommen über das facebook-Profil oft verlässlichere Daten und Hinweise auf die Persönlichkeitsstruktur“, so Heekeren.


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