Greiner Künstlerin gestaltet Projekt im Wiener Kindermuseum „Zoom“
GREIN/WIEN. Aus den Themen Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie ist das kritisch-künstlerische Projekt „Eine Tonne“ entstanden. Über räumliche Installationen wollen die Künstlerin Sarah Kamleitner und ihr Vater Johann, seines Zeichens Landwirt, einen wertschätzenden Dialog zwischen Erzeugern und Verbrauchern anregen.

Am Samstag, 29. September wurde ihre Installation vor dem ZOOM Kindermuseum, Museumsquartier Wien 7 eröffnet. Sie beinhaltet einen Querschnitt durch das Weizenfeld inklusive spannender Facts rund zum Thema - sehenswert auch bei Nacht. Sehen, Hören, Fühlen - im Forum des Kindermuseum laden spezielle Workshops zu einer Sinnesreise durch das Weizenfeld ein.
Rohstoffpreise und der Wert umweltfreundlicher Landwirtschaft
Die Festrede zur Eröffnung hielt Werner Gamerith, Kulturtechniker, Autor und Fotograf aus Waldhausen. Er wies darin unter anderem auf die Bedeutung der Kunst hin. Ein Auszug aus seiner Rede lautet: „Die Aufgabe der Kunst ist es, unsere Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit zu schärfen, indem sie diese verfremdet, aus neuartigen Blickwinkeln betrachtet und darstellt. Dieses künstlerisch-pädagogische Projekt macht verständlich, wie eine umweltfreundliche Landwirtschaft funktioniert: als eine sanfte, sensible Zusammenarbeit des Landwirts mit seinem lebendigen Land und Boden. Die künstlerisch ansprechende und technisch geniale Installation mit dem kleinen Weizenfeld gewährt Einblicke in die dunkle Welt der Wurzeln, auf die sich der Sonne entgegenbreitenden Blätter und die blühenden Ähren. Auch die anderen Objekte und die Workshops laden Kinder und Erwachsene zur sinnlichen Erfahrung der sogenannten Urproduktion ein. Denn nur was man kennt, wird man auch schätzen und entsprechend entlohnen.“
EINE TONNE - Installation von Sarah und Johann Kamleitner, Grein
Wieviel bekommt der Landwirt für eine Tonne Getreide?
Ein sanftes Händereichen zwischen Samen und Brot, zwischen Bauer und Brotliebhaber.
Die Ausstellung ist geöffnet bis 7. Oktober - Freitag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr
ZOOM Kindermuseum, MQ Wien 7
Festrede Werner Gamerith, Samstag, 29. September
Alltägliche Dinge schauen wir manchmal kaum mehr an. Gewohntes wird scheinbar selbstverständlich. Es gehört zu den Aufgaben der Kunst, unsere Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit zu schärfen, indem sie diese verfremdet, aus neuartigen Blickwinkeln betrachtet und darstellt. Wenn dabei unser Schönheitsempfinden ebenso geweckt wird wie unsere Neugier, öffnet die Kunst Blicke auf unsere komplexe und vieldeutige Welt – in ihrer Größe und Verletzlichkeit, mit ihren Geheimnissen und ihrer immer neuen Schönheit.
Getreide und Brot sind uralte Symbole für Nahrung von Leib und Seele. Wir verdanken diese Gaben fleißigen Händen ebenso wie der gütigen, göttlichen Natur. Aber unsere kommerzialisierte Gesellschaft zerschneidet gleichsam diese großartige Ganzheit. Menschliche Arbeit wie der lebendige Boden werden zu Produktionsfaktoren, Lebewesen und Lebensmittel zu Waren, deren Preise von Angebot, Nachfrage und Spekulation bestimmt werden.
So kommt es, dass auch in Ländern, wo viele Menschen hungern, chemiegestützte Landwirtschaftsindustrien für den Export produzieren, und immer mehr Getreide als Viehfutter für den viel zu hohen Fleischkonsum in den reichen Ländern vergeudet wird – oder gar zur Destillation von sogenanntem Biotreibstoff. Der Erzeugung von solchen möglichst billigen Rohstoffen fallen nicht nur tropische Regenwälder zum Opfer. Auch bei uns sind immer einseitigere und größere Monokulturen eine Hauptursache für den Verlust von Lebensvielfalt, während Kleinbauern laufend ihre Betriebe aufgeben müssen.
Eine ökologisch und wirtschaftlich tragfähige Nahrungsversorgung beginnt mit einem Verständnis für die Zusammenhänge, mit der Wertschätzung jedes der vielen Schritte bei der Entstehung unserer Nahrung. Der Weg zum Brot beginnt bei der Arbeit des Bauern, der den Boden öffnet und pflegt, damit darin das Saatkorn keimen und wurzeln, blühen und reifen kann. Das Pflanzenwachstum ist ein Wunder der Natur, ebenso der Boden, jene dünne, aber von mikroskopisch kleinen Lebewesen dicht besiedelte Haut unseres Planeten. Dieses kaum sichtbare Leben im Boden schließt Nährstoffkreisläufe, indem es Verwelktes zerlegt und in Humus und Pflanzennahrung verwandelt. Es verbindet Organisches mit Mineralischem zu Krümeln - mit einem schwammartigen Porengefüge, in dem Wasser versickern, gleichzeitig für die Pflanzen gespeichert und kapillar aus tieferen Schichten geholt werden kann.
Die künstlerisch ansprechende und technisch geniale Installation mit dem kleinen Weizenfeld gewährt Einblicke in die dunkle Welt der Wurzeln, auf die sich der Sonne entgegenbreitenden Blätter und die blühenden Ähren. Auch die anderen Objekte und die Workshops laden Kinder und Erwachsene zur sinnlichen Erfahrung der sogenannten Urproduktion ein. Denn nur was man kennt, wird man auch schätzen und entsprechend entlohnen.
Dieses künstlerisch-pädagogische Projekt macht verständlich, wie eine umweltfreundliche Landwirtschaft funktioniert: als eine sanfte, sensible Zusammenarbeit des Landwirts mit seinem lebendigen Land und Boden. Dass der mit beträchtlichen Kosten verbundenen Ausstellung keinerlei finanzielle Unterstützung von Landwirtschaftsbehörden oder -vertretungen gewährt wurde, wirft ein bezeichnendes Licht auf das Verständnis und Selbstverständnis dieser Stellen.
Dabei gäbe es in unserer immer künstlicheren Umwelt kaum Notwendigeres zu tun, als unsere Verbundenheit mit der Biosphäre in die Herzen zu pflanzen, erlebbar und bewusst zu machen. Und wo ließe sich diese Verbundenheit einfacher und spielerischer erfahren als bei der Beobachtung des Wachstums unserer Nahrungspflanzen, das sich still, geheimnisvoll und grundsätzlich anders vollzieht als jede industrielle Produktion.


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