Mobbing: Wenn das Leben zur Hölle wird
GRIESKIRCHEN. Ausgegrenzt werden, nicht dazugehören, am Rande stehen, Tritte und Schläge hinnehmen auf Körper und auf die Seele - wo sie für immer Spuren hinterlassen. Mobbing. Ein kräftiges Wort, das so viel beinhalten kann aber vor allem eines garantiert: Es zerstört den betroffenen Menschen, vor allem innerlich. Im Gespräch mit Tips erzählt eine Mutter aus Grieskirchen, wie ihr betroffenes Kind unter den verbalen und körperlichen Attacken ihrer Mitschüler leidet.

Schulterprellungen, blaue Flecken - das waren die sichtbaren Wunden, mit denen die heute 14-Jährige in den vergangenen zwei Jahren oft nach Hause kam. Die seelischen Schmerzen fraß das Mädchen lange Zeit in sich hinein, bis sie eines Tages weinend vor der Tür stand. „Man ist im ersten Moment geschockt, man glaubt nicht, dass es einen selbst betrifft“, schildert die betroffene Mutter, die aus Schutz für ihr Kind anonym bleiben möchte.
Immer mehr Außenseiter
Begonnen hatten die Vorfälle vor zwei Jahren in der ehemaligen Klasse des Mädchens in einer Schule in Wels. Sie wurde immer mehr zum Außenseiter und zog sich aus der Klassengemeinschaft zurück. „Dadurch wurde sie noch mehr zum Angriffspunkt“, so die Mutter. Neben körperlichen Verletzungen hagelte es verbale Beschimpfungen von den Mitschülern wie: „Wir brauchen dich hier nicht! Schleich dich!“. So wurde dem Mädchen symbolisiert, dass es in der Klassengemeinschaft nicht erwünscht ist. „Mein Kind veränderte sich immer mehr, zog sich zurück und war zum Teil sehr aggressiv. Sie hat sich eine Scheinwelt aufgebaut, auch im Internet. Ihre schulischen Leistungen haben nachgelassen und das Interesse an den Hobbys war nicht mehr da“, erzählt die Grieskirchnerin.
Fotos via Internet verschickt
Und es wurde noch schlimmer: Das Mädchen war nicht nur den direkten Attacken ihrer Mitschüler ausgesetzt, auch wurden Bilder ohne ihr Einverständnis im Internet verschickt und sich darüber lustig gemacht. Für die Eltern und das Mädchen war klar, die Schule musste gewechselt werden. In der neuen Klasse waren die Schüler anfangs sehr bemüht, aber dennoch bestand dort die Klassengemeinschaft schon drei Jahre – es wurde wiederum schwierig für das Mädchen, Anschluss zu finden. „Sie ist einfach keine Tussi. Wir haben ihr gelernt, dass sie eine eigene Meinung haben darf und dass sie Respekt und Anstand vor den Lehrern hat“, erklärt die Mutter, denn auch mit manchen Lehrern wollte es nicht so gut lauffen. Oft machten sich die Eltern Vorwürfe, was sie wohl falsch gemacht hätten. „Man hat das Kind wohl zu brav erzogen, hat es nicht mit Hörnern ausgestattet“, meint die Mutter. Lehrer hätten oft gesagt, dass die Schülerin sehr ruhig sei.
Keine Freunde
Gespräche mit Lehrern fruchteten laut der Mutter nicht, zwar hätten sie sich betroffen gezeigt aber unternommen wurde nichts, außerdem wolle man von den Vorfällen nichts mitbekommen haben. Mit den Semesterferien wechselte das Kind erneut die Schule, mit der großen Hoffnung, dass nun alles besser wird. „Meine Tochter weiß seit 1,5 Jahren nicht mehr wie es ist, Freundinnen zu haben oder dass man sie sein lässt, wie sie ist und sie akzeptiert“, so die Mutter. Das Selbstwertgefühl ihres Kindes wurde im Laufe der Zeit zunichte gemacht. „Mein Kind hatte Suizidgedanken“, schildert die Mutter. Oft habe sich das Mädchen gefragt, was ihr Leben noch für einen Sinn hätte und hätte gedroht, beim Fenster hinauszuspringen. Die Grieskirchnerin wünscht sich eine Anlaufstelle, wo sich betroffene Eltern und Kinder hinwenden können, vielleicht auch eine Selbsthilfegruppe zu diesem Thema und „qualifizierte Lehrer, an die man sich wenden kann, die auf dieses Thema sensibilisiert sind und nicht nur den Lehrplan durchziehen. Wir legen den Grundstein in der Kindheit, was soll aus dem Kind werden, wenn sie nie in diesem System überleben können?“, fragt die Mutter.
Aufgabe: Werte vermitteln
Laut Stefanie Dernoschegg von der Abteilung Schulpsychologie-Bildungsberatung des Landeschulrates Oberösterreich passiere Mobbing vor allem dort, wo ein gutes Schul- bzw. Klassenklima fehlt. Hier seien laut Dernoschegg von schulischer Seite vor allem präventive Maßnahmen zu setzen, um Mobbing zu verhindern. „Mobbingprävention kann gar nicht früh genug beginnen. Im Rahmen von Prävention ist es die Aufgabe der Schule Werte zu vermitteln und eine gute Umgangskultur aufzubauen“, erklärt Dernoschegg. „Diese zeichnet sich durch Vertrauen, Wertschätzung, Gewaltlosigkeit, eine gute Streitkultur und Kompromissfähigkeit aus. Schüler sollten schon früh lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, sie sollten fähig sein, für oder gegen etwas eintreten zu können“, erklärt die Schulpsychologin.
Wenn ein Mobbingfall bekannt wird, so wird „in aller Regel der Lehrer Gespräche mit den Akteuren (Täter) und Betroffenen (Opfer) führen, um den Mobbingprozess unverzüglich zu stoppen“. Betroffenen Kindern und Eltern rät Dernoschegg, mit dem betreffenden Lehrer ein klärendes Gespräch zu führen und sollte dieses nicht fruchten, auch den Schulleiter beizuziehen. Auch in diesen Fällen sei es sinnvoll, sich an Experten der Schulpsychologischen Beratungsstellen zu wenden. Die Beratungen sind vertraulich und kostenlos.


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