Bewegtes Jahr für Brigitte und Heinz Söllinger in Nepal
MEGGENHOFEN. Brigitte und Heinz Söllinger aus Meggenhofen reisten nach zwei Jahren der Corona-Pandemie im heurigen Jahr wieder nach Nepal, um ihre Projekte vor Ort zu besuchen. Vieles habe sich auch in diesem Land durch Corona und den Ukrainekrieg verändert, wie die beiden erzählen. „Die Leute haben noch weniger und das Leid ist noch größer geworden“, erzählt das Ehepaar.

„Viele furchtbare Nachrichten erreichten uns während der Pandemie. Mädchen sind verschwunden, wurden mit zwölf Jahren verheiratet. Mütter haben sich umgebracht und teilweise ihre Kinder in den Freitod mitgenommen. Corona-Infizierte wurden auf den Straßen abgelegt und ihrem Schicksal überlassen“, erzählen Brigitte und Heinz Söllinger von tragischen Zuständen in Nepal während der Pandemie. „Die Eltern unserer Kinder haben aufgrund des strengen Lockdowns ihre Tagesarbeiten verloren und es gab oft tagelang nichts mehr zu essen. Die großen Gewinner in der Pandemie waren die Menschenhändler, die ihre „Ware“, nämlich Kinder ab drei Jahren und junge Frauen, am Markt anbieten konnten. Diese Kinder und Frauen landen bis zum heutigen Tag in Bordellen (oftmals bis zu 40 Kunden pro Tag), in illegalen indischen Krankenhäusern als Organspender und als Arbeitssklaven“, berichtet das Söllinger-Ehepaar.
Viele verschwundene Kinder und Frauen
So liegt die inoffizielle Zahl an verschwundenen Kindern und Frauen bei 25 000 bis 28 000 Menschen pro Jahr. Das große Problem stelle dabei laut den Söllingers der Exodus von Vätern in die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Saudi-Arabien dar. „Jeden Tag verlassen zirka 2.000 Menschen das Land, um als Arbeitssklaven Geld zu verdienen. Diese Menschen müssen 2.000 Euro Vermittlungsgebühr bezahlen, um eine Arbeitsstelle für 220 bis 450 Dollar pro Monat zu bekommen. Sie nehmen Kredite auf, zahlen 36 Prozent Zinsen und arbeiten somit oft sechs bis acht Monate gratis.
Hohe Frauenselbstmordrate
Die Familien daheim sind auf die monatlichen Überweisungen angewiesen. Wenn diese ausfallen, beginnen Frauen und Mädchen zu hungern“, erklärt Brigitte Söllinger und betonen, dass diese die ersten Opfer seien. „Viele Mütter sehen dann als einzigen Ausweg den Suizid und nehmen oftmals ihre Töchter mit in den Freitod“, geben die beiden einen Einblick. Wichtig sei laut ihnen auch, dass wir uns in Europa von der Vorstellung verabschieden, dass die Menschen in Entwicklungsländern viel glücklicher seien. Nepal hat eine enorm hohe Frauenselbstmordrate.
„Situation erinnert an Erzählungen aus dem Mittelalter“
„Die heurige Reise nach Nepal hat uns sehr viel an Resilienz abverlangt. Die Situation in unseren Dörfern erinnert an Erzählungen aus dem Mittelalter“, erzählen Brigitte und Heinz Söllinger. Doch trotz vieler Hürden ist es den beiden gelungen, ihre 276 Kinder an ihren drei Schulen mit Bildung und Essen zu versorgen. „Die größte Hürde für uns stellt die patriarchalische Denkweise dar. Mädchen und Frauen aus der Gruppe der Dalits sind wertlos. Nach wie vor werden neugeborene Mädchen nach der Geburt auf den Feldern liegengelassen, weil die Frauen nicht mit unnötigen Essern heimkehren wollen“, spricht Heinz Söllinger Klartext und ergänzt: „Dalitfrauen müssen außerhalb gebären, weil Blut die Götter erzürnt und somit Unglück über alle Familienmitglieder kommt.“ Immer wieder hätten die beiden bei den Vätern darum kämpfen müssen, ihre Töchter in Schulen zu schicken. Denn: Gebildete Frauen stellen eine Gefahr für das Patriarchat dar.
Brigitte und Heinz Söllinger haben es unter anderem geschafft, dass sie Badimädchen in die Bildung holen. Die Ethnie der Badis lebt seit 70 Jahren von der Prostitution. „Alle weiblichen Familienmitglieder gehen ab dem zehnten Lebensjahr in ihren Hütten der Prostitution nach – Großmütter – Mütter - Töchter – alle unter einem Dach. Das Geld bekommen die Männer der Familie“, berichtet das Söllinger-Ehepaar von ihren Erkenntnissen.
Bei ihrem letzten Besuch konnten die beiden ihre Schule in einem Lepradorf eröffnen. Viele Leprakranke sind während der Pandemie verhungert, weil das Betteln verboten war. Die 82 Kinder sind überglücklich, bei ihnen lernen zu dürfen und mit einem täglich warmen Essen versorgt zu werden.
276 Kinder in Schulen untergebracht
„Innerhalb der letzten sechs Jahre in Nepal haben wir es mit sehr viel Mühe und Aufwand geschafft, 276 Kinder in unseren drei Schulen (in einem Gefängnis, in einem Slum, in einem Lepradorf) unterbringen zu können. Wir haben tote Kinderaugen wieder zum Leuchten gebracht und diese jungen Menschen glauben wieder an ihre Zukunft“, sagt Brigitte Söllinger stolz. Sie genießen den Schutz vor Gewalt und Mädchenhändlern und sie haben ihre Würde, Mädchen zu sein, zurückbekommen. Alles, was sie brauchen, stellen ihnen die beiden zur Verfügung: Bildung, Bücher, Uniformen, warme Kleidung und Medikamente.
„15 unserer Mädchen sind in der Coronazeit zu Waisen bzw. Halbwaisen geworden. Diese können wir seit November 2022 in einem Hostel unterbringen und sind somit keine schutzlosen Straßenkinder mehr und entgehen der Gefahr, in Bordellen zu landen“, erklärt Brigitte Söllinger.
In den letzten vier Jahren haben insgesamt zwölf Volontärinnen bei den den Söllingers gearbeitet. Alle würden mit einem anderen Denken und mit neuer Lebensweise nach Österreich zurück - glücklich, diese Erfahrung gemacht zu haben. „Hier tickt die Welt ganz anders…raus aus der Komfortzone - ein Sprung, der sich lohnt! Danke für diese einmalige Erfahrung – es bleibt unvergesslich“, erzählen Kerstin und Elisabeth aus Oberösterreich von ihrer Erfahrung.


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