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„Von Mähren nach Hürm“ − So lautet der Titel einer Publikation zu einem Forschungsprojekt des Zentrums für Migrationsforschung. Niklas Perzi ist Mitautor dieses historischen Buches zu einem aktuellen Thema. Tips traf ihn zum Exklusivinterview.

Foto: Doris Köck
Foto: Doris Köck

Tips: Das Buch ist angenehm zu lesen und trotzdem informativ. War das von Anfang an so geplant?

Perzi: (lacht) Naja, das Buch war von Anfang an nicht als wissenschaftliche Selbstbefriedigung geplant. Sondern von Hürmern für Hürmer. Ich bin ja selbst Hürmer und meine Kollegen Martin Bauer und Michael Resch, der die Interviews gemach hat, kommen auch aus der Region. Außerdem hat Rita Garstenauer mitgeschrieben.

Tips: Also nicht nur trockene Archivarbeit?

Perzi: Nein, einerseits haben wir mit Oral History, also Interviews mit Nachkommen von Tschechen, die zugewandert sind, gemacht. Und andererseits auch klassische Archivstudien. Zum Beispiel Volksschulmatrikeln, Grundbücher oder auch Lokalzeitungen aus dieser Zeit.

Tips: Die Zeit zwischen 1890 und 1930?

Perzi: Ende des 19. Jahrhunderts hat es in Österreich eine Agrarkrise gegeben. Sehr viele Zuckerrübenfabrikanten aus Mähren haben begonnen, selbst Grund und Boden zu erwerben. Anstatt den Bauern Zuckerrüben abzukaufen, haben sie gleich selbst die Höfe gekauft. Mit diesem Geld haben die mährischen Bauern hier Höfe gekauft. In der Monarchie waren die Tschechen auch österreichische Staatsbürger. Für die Tschechen gab es daher keine Probleme, sich hier anzusiedeln. Es gab ja Niederlassungsfreiheit. Wie heute in der EU. Eine rechtliche Hürde war das sogenannte Heimatrecht. Dieses Heimatrecht war Voraussetzung für die Staatbürgerschaft und konnte erst dann erworben werden, wenn man sich zehn Jahre im selben Ort aufgehalten hat.

Tips: Das bringt mich zur Frage der Identität. Das Buch setzt sich sehr ausführlich mit dieser Frage auseinander.

Perzi: Identität bezieht sich nicht nur auf die Staatsbürgerschaft. Das 19. Jahrhundert ist auch Zeitalter des Sprachennationalismus. Identität wurde eigentlich an der Sprache festgemacht. Tschechischsprachige haben sich als Tschechen und deutschsprachige als Deutsche gefühlt. Es hat sich dann aber wieder dadurch verändert, dass die Tschechen relativ rasch nicht nur integriert, sondern auch assimiliert wurden. Nicht zwangsweise, aber der soziale Aufstieg war mit dem deutschen Spracherwerb verbunden.

Tips: Wie lange hat dieser Übergang gedauert?

Perzi: Eigentlich bis in die dritte Generation. Unsere Interviewpartner – die Jahrgänge 1930 bis 1940 – sind dann schon mehr oder weniger deutschsprachig sozialisiert aufgewachsen. Sie haben von ihren Großeltern noch tschechisch gehört, weil die noch kein deutsch gesprochen haben. Ein Indikator ist die Ehe. Erst die zweite und dritte Generation hat außerhalb ihrer Sprachgruppe geheiratet. Interessant ist auch, dass Männer schneller Deutsch gelernt haben als die Frauen. Die Frauen haben zu Hause bleiben müssen und sind über Haus und Hof nicht hinausgekommen. Die Bauern mussten ihre Produkte verkaufen und Preise verhandeln. Deshalb haben sie leichter Deutsch gelernt.

Tips: Diese Migrationsbewegung nahm vor über 100 Jahren ihren Anfang. Gibt es Parallelen zu heute?

Perzi: Naja, Parallelen sind ein bisschen schwierig. Natürlich ist eine Parallele, dass sich Leute irgendwie eine neue Existenz schaffen wollen. Gezwungen oder freiwillig. Sie kommen aus einem anderen Kulturkreis, einer anderen Sprache. Es war aber so, dass in Hürm Bauern zu Bauern und Katholiken zu Katholiken gekommen sind. Neben der Sprachhürde gab es kaum eine andere, die Integration erschwert hätte. Da sehe ich schon einen großen Unterschied zu heute.

Tips: Und in der Integration?

Perzi: Man kann vielleicht sehen, dass die Probleme am Anfang immer die gleichen sind. Wenn irgendwer Fremder wohin kommt, dann gibt es meistens die gleichen Reaktionsmuster auf beiden Seiten. Dass es vielleicht Ablehnung gibt und dann das eigentliche Aufbrechen über gemeinsame Anknüpfungspunkte, wie eben Landwirtschaft, Heirat oder Religion. Das ist heute schwieriger, weil die Anknüpfungspunkte fehlen.

Tips: Wie fallen die Reaktionen zu dem Buch aus?

Perzi: Das Interesse am Buch ist sehr groß. Bei der Präsentation waren über 100 Leute. Darunter sogar der Geschäftsträger der tschechischen Botschaft. Es ist ja eher außergewöhnlich, dass der Vertreter vom Botschafter in so eine kleine Gemeinde kommt. Toll ist, dass so viele Hürmer mitgemacht haben. Die Gemeinde und der Kulturverein haben sich finanziell am Projekt beteiligt. Dass sich eine Gemeinde – wie man so schön sagt – ihrer Geschichte stellt und so ein Projekt mitfinanziert, ist nicht selbstverständlich.

Das Buch „Von Mähren nach Hürm“ kann am Gemeindeamt Hürm um 18 Euro erworben werden.


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