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KIRCHDORF/MICHELDORF/STEYR. Aufgewachsen ist er in Kirchdorf und Micheldorf, über „Umwege“, wie er es nennt, verschlug es ihn vor einigen Jahren nach Steyr. Dort leitet Stephan Rosinger seit November des Vorjahres die künstlerischen Agenden des Museums Arbeitswelt. Im Interview spricht er über die Geschichte des Hauses und die aktuelle Ausstellung, die aufgrund der Ballsaison zur Zeit pausiert und im März wiedereröffnet.

Stephan Rosinger ist neuer künstlerischer Leiter des Museums Arbeitswelt. Foto: Winkler-Ebner
Stephan Rosinger ist neuer künstlerischer Leiter des Museums Arbeitswelt. Foto: Winkler-Ebner

Tips:Herr Rosinger, wo befinden wir uns gerade?

Stephan Rosinger: Wir sind hier in einem alten Fabriksgebäude. Dieses war Teil der Österreichischen Waffenfabriks-Gesellschaft. Genauer gesagt, befinden wir uns im Objekt elf dieser Fabrik, hier wurden Griffbügel hergestellt. Später ging das Gebäude in den Besitz der Firma Hack über, die hier bis Ende der 1970er-Jahre Besteck produziert hat. Anfang der 1980er-Jahre entstand dann die Idee, ein Museum Arbeitswelt zu gründen. Hierzu enstand 1982 ein Verein der 1987 im Zuge der Oberösterreichischen Landesausstellung das Museum hier an diesem Ort eröffnet hat.

Tips:Zur Zeit wird die zukünftige Entwicklung der Arbeit nicht zuletzt in Zusammenhang mit der Digitalisierung öffentlich viel diskutiert. Welche Rolle spielt ein Museum wie das Museum Arbeitswelt in diesem Diskurs?

Rosinger: Wir machen das über mehrere Wege. Einerseits läuft das über unser Ausstellungsprogramm, wie in der aktuellen Ausstellung „Arbeit ist unsichtbar“, in der wir den Weg zur Digitalisierung hin nachzeichnen. Andererseits bieten wir immer auch ein Rahmenprogramm, wo wir Vortragende einladen, um genau diese Diskurse zu führen: Wo geht es für die arbeitenden Menschen im Zeitalter der digitalen Transformation hin? Dabei versuchen wir stets, die Perspektive der Menschen, nicht die der Technik in den Fokus zu rücken.

Tips: Bietet das Museum auch konkrete Prognosen, etwa: Wir schreiben das Jahr 2050, auf diese oder jene Weise gestaltet sich die Arbeitswelt für den einzelnen?

Rosinger: Nein. Wir diskutieren gerne über unterschiedliche Zukunftsvisionen, etwa über die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens oder die Möglichkeit, dass die Technik den Menschen von der Arbeit „befreit“ und wie sich die Gesellschaft auf diese möglichen Wege vorbereiten kann. Aber zu entscheiden, ob dies oder jenes eintrifft oder auch nicht, das würde ich mich aus heutiger Sicht nicht zu sagen getrauen.

Tips:Wie schon erwähnt trägt die aktuelle Ausstellung den Titel, „Arbeit ist unsichtbar“. Welche Aspekte der Arbeit sind damit gemeint, was ist sichtbar, was unsichtbar?

Rosinger: Am Beginn der Ausstellung steht der Satz „Der wesentliche Teil der Arbeit ist unsichtbar“. Dieser wesentliche Teil ist der, der den Menschen betrifft. Damit gemeint ist auch die Gefühlswelt des einzelnen, die mit der Arbeit verbunden ist, die Frage, inwiefern Arbeit die menschliche Identität formt. Zum anderen wollen wir darauf aufmerksam machen, dass wir heute in einer Welt leben, in der wir oftmals nur mehr die fertigen Produkte mit ihrer glatten Oberfläche wahrnehmen. Wir wissen nicht: Was verbirgt sich hinter dieser Hülle und wir kennen auch die Arbeitsschritte, die sich hinter dem Produkt verbergen, nicht. Die Ausstellung will daher zeigen, wie Produktionsprozesse, wie Lieferketten funktionieren, wobei die Rolle der Arbeiterinnen und Arbeiter im Fokus steht.

Tips:Wir haben bisher über „Arbeit“ ganz allgemein gesprochen, nicht aber darüber, welche Formen von Arbeit damit gemeint sind. Werden im Museum auch andere Tätigkeitsformen abseits der Erwerbsarbeit thematisiert?

Rosinger: Das ist offen gesagt ein Manko der Ausstellung. Der Titel lässt sicher auch an unsichtbare Arbeiten, also Formen von Arbeit, die die Gesellschaft nicht als Arbeit anerkennt, etwa Hausarbeit, denken. Es gibt mehrere Gründe, warum wir diese Aspekte ausgeklammert haben und uns in der Ausstellung vor allem auf die Industrie konzentriert haben, das hängt auch mit der Geschichte des Museums zusammen. In Zukunft wollen wir diese Dinge aber stärker berücksichtigen.

Tips:Wenn du von „Arbeitern“ sprichst - meinst du damit eine bestimmte soziale Schicht oder alle Menschen, die Erwerbsarbeit leisten?

Rosinger: Der Gebrauch des Begriffs hat sich sicher gewandelt. Früher waren damit die Industriearbeiter gemeint. Heute würde ich den Begriff weiterfassen: Die arbeitende Bevölkerung ist die, die auf ihren Lohn angewiesen ist, um zum Monatsende ihre Rechnungen zu begleichen.

Tips:So verstanden umfasst der Begriff eine sehr breite Masse. Gibt es verbindende Elemente zwischen all diesen Menschen?

Rosinger: Meiner Meinung nach sind es gesellschaftliche Werte wie Solidarität, die eine Working Class zusammenhalten.

Tips:Wie ist es heute um diese Werte bestellt?

Rosinger: Ich denke, wir wären gut beraten, diese Begriffe öffentlich zu diskutieren, zu fragen, was sie im 21. Jahrhundert bedeutet. Ein Fortkommen der Demokratie ist für mich eng mit Solidarität und Zusammenhalt verknüpft. Da haben wir derzeit sicher Aufholbedarf.


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