Im Sengsengebirge werben die Gamsböcke um ihre Zukünftigen
ROSSLEITHEN. Von November bis Anfang Dezember herrscht bei den Gämsen reges Treiben: Die Gamsböcke präsentieren mit Stolz ihre kräftigen Körper, schlagen Rivalen in die Flucht und werben tagelang um ihre Auserwählten.

Stille beherrscht die herbstlichen Morgenstunden in der Natur. Wo sonst buntes Vogelgezwitscher den neuen Tag ankündigt, ist angesichts des herannahenden Winters Ruhe eingekehrt. Erst mit der aufgehenden Sonne kommt langsam Leben in die felsdurchsetzten Wälder des Nationalpark Kalkalpen – und das Schauspiel der Gamsbrunft beginnt.
Faszination Gamsbrunft
„Gämsen haben von November bis Anfang Dezember Paarungszeit“, erzählt Rudolf Grall leise, während er mit Stirnlampe und Alpenstange den Budergrabensteig in Richtung Hoher Nock voraus geht. Der 36-jährige Nationalpark Ranger und Mitarbeiter vom ÖBF Nationalparkbetrieb Kalkalpen führt regelmäßig Besucher in alpine Lagen, um ihnen die „Faszination Gamsbrunft“ näher zu bringen. Sein geschultes Auge stellt er auch wenig später unter Beweis: Ruhig und mit Bedacht stellt er sein Spektiv auf und zeigt in Richtung Hagler. Eine etwa zehn Jahre alte Gamsgeiß und ein rund sechs Monate altes Bockkitz äsen dort im Schein der ersten Sonnenstrahlen. Ihr schwarz-braunes Winterfell lässt sie beinah eins werden mit ihrer Umgebung.
Überzeugende Breitseite
Während der Brunft suchen die Gamsböcke, die sonst getrennt vom Rudel leben, die Geißen auf. Tagelang versuchen sie dann, die Geißen für sich zu gewinnen. Die Böcke zeigen ihre Breitseite und stellen dabei den Gamsbart, die Rückenhaare, auf, um größer zu wirken. „Damit wollen sie zeigen, wie stark und kräftig sie sind“, erklärt Rudolf Grall. Auch der gelbe Fleck am Kehlkopf wird mit Stolz präsentiert. Kommen andere Böcke daher und meinen, die Auserwählte für sich beanspruchen zu können, wird auch vor rasanten Verfolgungsjagden nicht zurückgeschreckt.
Gamspopulation rückläufig
Die Gamspopulation im Alpenbogen ist insgesamt rückläufig. Vor allem die Klimakrise macht den Hornträgern zu schaffen. Immerhin ist ihr Fell für bis zu minus 30 Grad ausgelegt und ein Fortbewegen bei warmen Temperaturen ein großer Kraftakt. „Auch die Nahrungsqualität wird schlechter. Die Bockkitze haben bei der Geburt weniger Gewicht und kommen schlechter durch den Winter“, erklärt Bernhard Sulzbacher, Nationalpark Förster und Ranger. In Gebieten, wo es einen hohen Waldanteil gibt, geht es den Gämsen jedoch nachweislich besser. Mit einem Waldanteil von 87 Prozent sei darum im Nationalpark Kalkalpen kein merklicher Rückgang der Gamspopulation zu beobachten. Reguliert wird das Gamswild im Nationalpark zudem nur so viel wie nötig und ausschließlich durch berufliches Personal.
Hufe wie Kletterschuhe
Zu einem der drei Berufsjäger im Nationalpark gehört eben auch Rudolf Grall, der während der Erklärungen seines Kollegen wieder zwei Gamsböcke entdeckt hat. Die jungen Böcke jagen sich in einer rasanten Jagd über Felsen, Schotterwiesen und in den Wald hinein. Die Hufe der Gämsen haben scharfe Kanten und das Gewebe dazwischen bietet den Gämsen einen so guten Halt wie ein moderner Kletterschuh.
Beobachtung mit Abstand
„Wahnsinn“, flüstert Bernhard Sulzbacher, als die wilde Verfolgungsjagd endet. „Wir haben wirklich ein Universum direkt vor der Haustüre.“ Damit dieses Universum auch so erhalten bleibt, ist besonders jetzt während der Brunft ein respektvoller Umgang gefragt. Das Werben um ihre Zukünftigen ist für die Gamsböcke schon stressig genug. „Wanderer, die sich an den Steig halten, sind kein Problem. Schwierig wird es aber, wenn die Leute den Wanderweg verlassen, um näher ranzukommen“, sagt Bernhard Sulzbacher. Sein Vorschlag? Die Natur lieber bewusst und mit Ruhe genießen – und die geschickten Bewohner der Felsregion respektvoll und mit Abstand vom Wanderweg aus beobachten.


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