Personalmangel: Elementarpädagogen sind am Limit der Belastbarkeit
BEZIRK KIRCHDORF. Dass in den Kinderbetreuungseinrichtungen Personal fehlt, hat einmal mehr die Corona-Pandemie gezeigt. Laut einer aktuellen Umfrage der Arbeiterkammer (AK) Oberösterreich seien dort Stress und Überforderung Alltag. Tips bat die beiden Kindergartenleiterinnen in Kirchdorf und Molln um ihre Einschätzung.

In der neuen Studie der AK OÖ wurden 1.430 Personen zu ihrem Arbeitsalltag in oberösterreichischen Kinderbetreuungseinrichtungen befragt. Das Ergebnis: Zwar sehen neun von zehn Beschäftigten ihren Beruf grundsätzlich als sinnstiftend an, allerdings fühlt sich auch mehr als ein Drittel emotional erschöpft. Etwa genauso viele können es sich nicht vorstellen, den Beruf überhaupt bis zur Pension auszuüben.
Kritik an Gruppengröße
Das Verhältnis zwischen Personal und Anzahl der Kinder in einer Gruppe nehmen viele der Befragten als Hauptursache der Probleme wahr. Fast 84 Prozent der befragten Kindergarten-Mitarbeiter gaben an, dass es zu viele Kinder pro Gruppe gebe. Nicht einmal zwei von zehn Beschäftigten haben, laut der Umfrage, ausreichend Zeit, um Bildungsaufgaben umzusetzen oder um auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Kinder einzugehen. Beinahe die Hälfte der Beschäftigten gibt an, dass es schwierig sei, die Aufsichtspflicht einzuhalten.
23 Kinder pro Gruppe
In Oberösterreichs Kindergärten werden aktuell 23 Kinder pro Gruppe mit einer elementarpädagogischen Fachkraft und einer Helferin betreut. „In vielen Einrichtungen gibt es aber Überschreitungen von mindestens zwei Kindern, dann sind 25 und mehr Kinder in einer Gruppe“, berichtet Lydia Ballenstorfer, Leiterin des Kindergartens Hellerwiese der Stadtgemeinde Kirchdorf, den aktuell insgesamt 97 Kinder in vier Regelgruppen und 30 Kinder in zwei Gruppenintegrationsgruppen besuchen.
In einer Integrationsgruppe mit Einzelintegration sind 20 Kinder und eine Überschreitung mit einem Kind erlaubt und bei einer Gruppenintegration mit zwei bis vier Integrations-Kindern sind es 15 plus ein Kind. Eine Integrationsgruppe sieht zusätzlich eine Stützkraft vor. In einer Krabbelgruppe sind zehn Kinder mit einer elementarpädagogischen Fachkraft und einer Helferin vorgesehen – auch hier werde in der Regel überschritten.
Corona-Pandemie verstärkt die Belastung
Laut Ballenstorfer verstärke die Corona-Pandemie die Belastung durch den Personalmangel: „Wir hatten Zeiten, da fehlten bis zu fünf Personen gleichzeitig, die Kinder waren aber fast vollzählig anwesend. Wir sind zwar in der guten Position, zwei fixe Springerinnen zu haben, aber diese können nicht fünf Personen ersetzen. Die notwendige Beziehungsgestaltung, die unsere wichtigste pädagogische Aufgabe ist, ist unter diesen Umständen nicht möglich. Dazu kommt, dass es immer mehr Kinder mit besonderen Bedürfnissen gibt und freie Stellen während des Kindergartenjahres mit pädagogischen Fachkräften zu besetzen, gleicht einem Lotto 6er.“
Fehlende Stunden in der Vorbereitung
Auch alle sechs Gruppen im Kindergarten Molln sind maximal belegt. „Durch fehlende Plätze werden die Gruppen immer wieder mit zusätzlichen Aufnahmen überschritten, weil die Eltern berufstätig sind. Das ist bei uns besonders die letzten Jahre Norm“, berichtet Renate Rettenegger, Leiterin des Kindergartens und der Krabbelstube Molln, und gibt zu bedenken: „Die Gruppen sind zu groß. Die fehlenden Stunden in der Vorbereitung verursachen noch dazu Überbelastungen und verhindern sehr häufig eine Vollbeschäftigung, weil Erhalter aufgefordert sind zu sparen. Davon können Menschen nicht unbedingt leben, daher müssten die Gehälter den Erfordernissen angepasst werden. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Kinder nach den Bedürfnissen betreut und gefördert werden können. Aber mit dem dementsprechenden Betreuungsschlüssel und der dementsprechenden Wertschätzung.“
Entlohnung nicht angepasst
Ein weiteres Problem sehen die beiden Kindergartenleiterinnen darin, dass die Absolventen der Bildungsanstalt für Elementarpädagogik (BAfEP) den Beruf oft nicht aufnehmen. Renate Rettenegger sagt: „Die Ausbildungen der Pädagogen in den BAfEPs sind ausgezeichnet. Die Anforderungen der Elementaren Bildungs- und Betreuungseinrichtungen wurden in den letzten Jahren erfreulicherweise an die der Schulen angelehnt. Weder die Entlohnung noch die Rahmenbedingungen wurden aber leider in den mehr als 30 Jahren meiner Tätigkeit als Leiterin auch nur geringfügig geändert oder angepasst. Jüngere Kolleginnen sehen sich deshalb oft um andere Tätigkeiten um, weil es die umfangreiche Ausbildung auch ermöglicht.“
Mehr Personal, kleinere Gruppen und ein besserer Fachkräfte-Kind-Schlüssel gefordert
Lydia Ballenstorfer ergänzt: „Auch für den Bereich der Integration findet man kaum mehr ausgebildetes Personal.“ Deshalb sei es an der Zeit, dass „elementarpädagogische Einrichtungen endlich gesellschaftlich als erste Stufe des gesamten Bildungssystems wahrgenommen werden, pädagogische Fachkräfte in elementaren Bildungseinrichtungen endlich hinsichtlich Ausbildung, Bezahlung und Arbeitsbedingungen den Fachkräften im Primar- und Sekundarbereich I gleichgestellt werden, das Gehalt in Relation zu den erbrachten Leistungen steht, die Vorbereitungszeiten, angehoben werden, da der administrative Aufwand immer mehr geworden ist und es mehr Personal, kleinere Gruppen und einen besseren Fachkräfte-Kind-Schlüssel gibt.“
Petition übergeben
Gefordert werden seitens der AK deshalb unter anderem kleinere Gruppen, mehr Personal und ein funktionierendes Corona-Sicherheitskonzept mit flächendeckenden Maßnahmen, das auch überall durchführbar ist. Personalvertreter und Gewerkschaftsvertreter von younion und GPA übergaben vor einer Woche eine Petition samt einiger Forderungen mit über 6.000 Unterschriften an Landeshauptmann-Stellvertreterin und Bildungs-Landesrätin Christine Haberlander (ÖVP). Diese kündigt einen gemeinsamen Austausch aller Beteiligten in Form eines Runden Tisches an, der noch im ersten Halbjahr stattfinden soll: „Wir wollen gemeinsam intensive Überlegungen anstellen, wie wir alle in unseren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen Akzente für eine Verbesserung der Personalsituation in den Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen setzen können.“


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