"Unabhängig unserer Herkunft sind wir alle Menschen mit den gleichen Träumen, Sehnsüchten und Bedürfnissen"
SCHLIERBACH. Hanna Huemer aus Schlierbach war zweimal auf der Insel Lesbos in Griechenland, um in einem Flüchtlingslager freiwillig zu helfen. Im Tips-Interview erzählt die 21-Jährige von ihren Begegnungen mit Geflüchteten, die trotz ihres schweren Schicksals das Beste aus ihrer Situation machen.

Tips: Warum hast du dich entschieden, im Flüchtlingslager Mavrovouni in Griechenland zu helfen?
Hanna Huemer: Als ich das erste Mal in Griechenland war, wurde die Reise als Gruppeneinsatz von einer österreichischen Hilfsorganisation organisiert. Durch eine gute Freundin, die ebenfalls mitgefahren ist, bin ich dazu gekommen. Nachdem ich ursprünglich nach der Matura immer schon ins Ausland gehen wollte, um Menschen in Not zu helfen, hat sich das optimal ergeben.
Tips: Wann warst du dort?
Huemer: Das erste Mal war ich im Sommer 2021 für einen Monat auf Lesbos und das zweite Mal heuer zwei Monate im Februar und März.
Tips: Was waren deine Eindrücke, als du dort ankamst? Wie sieht es dort aus?
Huemer: Diese Frage ist schwierig zu beantworten, weil sich im Camp immer sehr viel tut und sich ständig etwas ändert. Als ich das erste Mal durchs Camp gegangen bin, war ich auf jeden Fall sehr überrascht, wie organisiert es ist und dass ungefähr 80 Organisationen (Nichtregierungsorganisationen, kurz NGOs) tätig sind. Aber trotzdem war ich sehr geschockt, wie die Lebensumstände im Camp waren. Die Menschen mussten auf engsten Raum gemeinsam wohnen. Eine Familie mit fünf Personen hatte teilweise nur fünf bis acht Quadratmeter zu Verfügung. In manchen Bereichen hat es extrem gestunken, es gab nur Dixi-Klos, die sich alle teilen mussten. Man kann es sich gar nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat. Im Sommer 2021 ist viel im Camp gebaut worden. Im Frühjahr 2022 war dann vieles anders. Alle Flüchtlinge sind in Container oder Plastikhäusern untergebracht. Jeder hat etwas mehr privaten Raum zur Verfügung. Große Unterschiede sieht man auch in der Infrastruktur. Es wurden viel Zäune und Brücken, ein ganzes Abwasserkanalsystem und endlich Sanitäranlagen gebaut. Eine griechische Organisation geht täglich durchs Camp und sammelt den Müll ein. Rein optisch hat sich vieles gebessert, aber es gibt nach wie vor Probleme. Die meisten Menschen sind schon seit vielen Jahren dort und können nur warten. Sie müssen auf engsten Raum gemeinsam wohnen. Sie bekommen seit Jahren das gleiche Essen und sind dem Wetter ausgesetzt.
Tips: Wie viele Menschen leben im Flüchtlingslager?
Huemer: Aktuell sind im Camp ungefähr 1.500 Menschen. Aber diese Zahl ändert sich auch ständig. Im Sommer 2020 waren es noch 20.000, im Sommer 2021 5.000 und im Jänner 2022 2.000 Menschen.
Tips: Welche Menschen sind das?
Huemer: Sehr bunt gemischt, viele Familien, aber auch alleinstehende Männer, Frauen und Mütter aus Afghanistan, Somalia, Eritrea, Nigeria, Kongo, Kamerun, Pakistan, Iran und viele weitere Nationalitäten.
Tips: Wie geht es ihnen?
Huemer: Jeder, der dort lebt, hat irgendwelche körperlichen oder psychischen Beschwerden und ist natürlich traumatisiert. Also gut geht es definitiv keinem, daher finde ich es umso bewundernswerter, wie diese Menschen mit der Situation umgehen, dass sie trotzdem so gastfreundlich und hilfsbereit sind. Immer wenn ich durchs Camp gegangen bin, wurde mir freundlich zugewunken. Meistens wurde man auch zu Tee oder zum Essen eingeladen.
Tips: Wie viele Helfer sind vor Ort und woher kommen Sie?
Huemer: Es sind sehr viele NGOs auf Lesbos, daher kann ich nicht sagen, wie viele Helfer es genau sind. Aber allein bei meiner Organisation waren wir täglich rund 70 Freiwillige, die im Camp gearbeitet haben. Die Helfer kommen von überall her. Also von quer durch Europa bis USA, Kanada ist alles vertreten.
Tips: Was waren deine Aufgaben als freiwillige Helferin?
Huemer: Bei meiner Organisation war es so, dass ich mir jeden Tag aussuchen konnte, in welchem Aufgabenbereich ich mitarbeiten wollte. Da habe ich entweder den ganzen Tag Stockbetten gebaut und Container geputzt und kontrolliert, irgendwelche gespendeten Waren ausgeteilt, im Warenlager Kleidung sortiert, sogenannte Tickets für Termine ausgeteilt, beim Infopoint Fragen beantwortet und noch ganz viel mehr. Es war jeder Tag anders und nachdem ich zu den Kurzzeitarbeitern gehört habe, musste ich jeden Tag die Arbeit machen, die anstand.
Tips: Was war das prägendste Erlebnis?
Huemer: Ich hatte so viele unglaublich prägende Momente, da ich jeden Tag so viele Begegnungen hatte. Im Sommer musste ich für ein großes Umsiedlungsprojekt mit einem sehr jungen Familienvater aus Afghanistan reden. Dieses Gespräch war sehr schwierig, weil er sehr aufgewühlt war und so zog sich dieses fast über den ganzen Tag. Während dem Gespräch hat er mir von seiner Vergangenheit in Afghanistan erzählt, wo er unter anderem über Jahre von den Taliban gefoltert wurde. Dieses Gespräch und den Schmerz dabei in seinen Augen zu sehen, hat mich sehr mitgenommen und auch sehr zum Nachdenken gebracht.
Tips: Was nimmst du für dich selbst aus dieser Zeit mit?
Huemer: Einerseits wie privilegiert ich bin, in einem sicheren Land zu leben und mir keine Sorgen über meine Zukunft mach zu müssen und andererseits, dass egal von wo man herkommt, wir alle Menschen mit den gleichen Träumen, Sehnsüchten und Bedürfnissen sind.
Tips: Hast du vor wieder hinzufahren?
Huemer: Ja, ich habe mich dazu entschieden, erneut für eine längere Zeit hinzugehen. Ich werde wieder bei derselben Organisation arbeiten, aber diesmal auf der Insel Samos, wo ebenfalls ein Flüchtlingslager ist.


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