Kreislaufwirtschaft, Agrar Photovoltaik und Insekten: Alternativen in der Landwirtschaft
BEZIRK KIRCHDORF. Teuerung, Konsumverhalten und strenge Auflagen – Tips sprach mit Bezirksbäuerin Sabine Sieberer aus Steyrling und Bezirksbauernkammer-Obmann Andreas Ehrenhuber aus Oberschlierbach über aktuelle Herausforderungen in der Landwirtschaft und welche Alternativen sich daraus ergeben.

Die Teuerung macht auch der Landwirtschaft zu schaffen. „Leider greifen die Konsumenten derzeit wieder vermehrt auf Billigprodukte aus dem Ausland zurück, wo die Produktionsstandards egal sind. Bei uns verschlingen die Auflagen das Geld, dafür liefern wir viel hochwertigere Produkte, die wir nicht unter ihrem Wert verkaufen können“, berichtet BBK-Obmann Andreas Ehrenhuber. Bezirksbäuerin Sabine Sieberer ergänzt: „Die Nachfrage nach höherpreisigen Produkten nimmt ab, beispielsweise wird schon weniger Ziegenfleisch produziert. Auch im Bio-Bereich merkt man einen Rückgang und der Puten-Markt in Österreich ist zusammengebrochen, weil der Druck vom Ausland so groß ist, dass man nicht mehr mithalten kann.“
Tierwohl nicht nur fordern, sondern auch zahlen
Es werde seitens der Konsumenten zwar immer mehr Tierwohl gefordert, aber es müsse auch einen Absatz dafür geben, sind sich die beiden BBK-Funktionäre einig. „Derzeit produzieren wir die Tierwohl-Produkte, die auch nachgefragt werden. Landwirte werden nicht in einen besseren Standard investieren, wenn sie ihn nicht bezahlt bekommen. Die Konsumenten müssen diese Produkte auch kaufen“, erklärt Sabine Sieberer.
Regionale Produkte in der Gastronomie bieten Mehrwert für Wirte
Genauso sei es auch in der Gastronomie. AMA-Genusswirte, wie das Gasthaus Schröcker in Schlierbach, verwenden als Rohstoffe für die Küche hauptsächlich Produkte aus der Region. „Wir haben einige Wirte, die auf Regionalität setzen und und wir haben auch welche, denen das egal ist. Natürlich müssen auch sie aufs Geld schauen“, sagt Andreas Ehrenhuber. „Ich glaube allerdings, dass viele Leute gewillt sind, für ein Menü, das mit österreichischen Produkten zubereitet wurde, ein paar Euro mehr zu bezahlen. Das muss man den Wirten schmackhaft machen“, betont Sabine Sieberer.
Verpflichtende Herkunftskennzeichnung
Unter den Landwirten wird immer stärker eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung gefordert, damit die Konsumenten auf den ersten Blick erkennen, wo ein Produkt herkommt. „Dafür setzen uns auch wir ein. Dann steht zwar drauf, wo das Produkt herkommt, aber das heißt nicht, dass die Konsumenten anschließend nur noch österreichische Produkte kaufen“, gibt der BBK-Obmann zu bedenken.
Insekten als Alternative für den Eiweiß-Ersatz in der Tierfütterung
Seit Jänner 2023 ist Insektenmehl als Zusatz in Lebensmitteln erlaubt. Wie stehen die beiden Landwirtschaftsvertreter im Bezirk dazu? Laut Andreas Ehrenhuber gelte es hier zu differenzieren: „Insekten sind eine gute Eiweiß-Quelle, deshalb halte ich den Einsatz in der Tierfütterung für sinnvoll. Aber das einem Menschen – vielleicht auch noch ungekennzeichnet – unterzujubeln halte ich für bedenklich.“ Das meint auch Sabine Sieberer: „Insekten können eine Nische sein. Indem sich ein Betrieb sein Eiweiß selbst herstellt, ist er nicht mehr so stark von anderen Lieferanten abhängig. Aber ich glaube nicht, dass sich Insekten am Markt durchsetzen werden. Da muss die Landwirtschaft eher auf vegane Produkte setzen. Wir können genauso Amaranth und Kichererbsen anbauen. Es kommt hier viel auf die Sichtweise an. Man darf sich gegen solche Sachen nicht wehren. Es sei jedem freigestellt, was er isst – egal ob vegan, Fleisch oder Insekten.“
Kreislaufwirtschaft in der Produktion
Generell müsse man, laut der Bezirksbäuerin, in der Landwirtschaft wieder mehr an die Kreislaufwirtschaft denken, um wirtschaftlich arbeiten zu können: „Da gehört beispielsweise die Energie dazu. Hier lässt sich viel sparen.“ Andreas Ehrenhuber verweist in diesem Zusammenhang auf einen „Vordenker im Bezirk“: Konrad Gebeshuber, Ortsbauernobmann in Wartberg. „Er setzt auf eine Doppelnutzung seiner Fläche und errichtet eine Agrar Photovoltaik Anlage, wobei er darunter seine Felder ganz normal bewirtschaftet. Eine Versiegelung der Flächen sollten wir jedenfalls verhindern, denn das gefährdet die Lebensmittelversorgung“, betont der Oberschlierbacher.
Böden bedarfsgerecht versorgen
Eine weitere Kreislaufwirtschaft mit Potential sei die Düngung. „Der Düngemittel-Preis ist sehr hoch. Hier müssen wir darauf achten, mit dem selbstproduzierten Dünger so hauszuhalten, dass die Nährstoffe bestmöglich in den Boden gelangen und zwar dort, wo diese gebraucht werden. Damit müssen sich die Bauern in Zukunft beschäftigen“, weiß Sabine Sieberer.
Landwirte stehen unter großem Druck
Hohe Auflagen, strenge Kontrollen, die finanzielle Situation und dann auch noch die Hofnachfolge – der psychische Druck auf die Landwirte wird mehr. Das zeigt auch das Sorgentelefon „Lebensqualität Bauernhof“ in Linz, das immer mehr Landwirte nutzen, um mit Psychologen über ihre Sorgen zu sprechen. Bei all den Herausforderungen werde aber auch von den Landwirten selbst viel schlecht geredet, so Andreas Ehrenhuber: „Das Jammern bringt uns aber nicht weiter. Das zieht die Jugend mit runter. Bauer ist so ein schöner Beruf, man kann sich die Zeit selbst einteilen, ist in der Natur draußen, das schätze ich sehr.“ Sabine Sieberer ergänzt: „Natürlich darf man die Arbeit nicht scheuen, aber man kann sich viel selbst einteilen. Man kann den Kindern das nur selbst vorleben. Dazu zählt zum Beispiel die Wertschätzung des eigenen Grund und Boden. Man muss sich immer wieder bewusst machen, dass die Landwirte die Lebensmittelversorgung sicherstellen.“
Verständnis für die Landwirtschaft
Das Verständnis für die Landwirtschaft fehle oft und die Landwirte sind deshalb, laut Sieberer und Ehrenhuber, oft mit Kritik an ihrer Arbeit konfrontiert. „Es steckt viel Unwissenheit dahinter und dafür ist Aufklärungsarbeit nötig, wofür meist wenig Zeit bleibt. Immerhin haben wir eine Sieben-Tage-Woche“, betont Sabine Sieberer. Laut der Steyrlingerin, müsse man die Leute wieder auf die Höfe bringen und ihnen zeigen, wie Landwirtschaft funktioniert. Die Bäuerinnen im Bezirk informieren immer wieder in den Schulen, verlosen jetzt unter anderem auch einen Workshop unter allen Mittelschulen und veranstalten einen Lebensmittelabend im Herbst. Weiters können die Konsumenten bei den Mostkosten und Hofroasen die Landwirtschaft im Bezirk kennenlernen.
Spielregeln für die Naturraumnutzung
Zum Abschluss bitten die beiden BBK-Funktionäre die Naturraum-Nutzer um Verständnis für die Landwirtschaft. „Wenn man mit seinen Fahrzeugen nicht mehr zu seinen Flächen kommt, weil alles zugeparkt ist, wird man natürlich grantig“, sagt Sabine Sieberer. Andreas Ehrenhuber berichtet : „Es werden Getreidefelder und Wiesen niedergetreten, über Schutzwaldgebiete mit den Schi drüber gefahren und Mountainbiker stellen Strecken mit Fahrverbot online, wo dann alle fahren. Wir wollen keinem verbieten, dass er sich in der Natur bewegt, aber es braucht Verhaltensregeln. Auf fremden Grund dürfen keine Schäden für die Grundeigentümer entstehen.“ Die Bezirksbäuerin ergänzt: „Es muss eine Lenkung her, aber da braucht es eine klare Rechtslage und ein System.“


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