Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt

Von der Wasserautobahn zum neuen Lebensraum für Mensch und Tier

David Ramaseder, 13.01.2026 07:43

KEMATEN. Die Krems war jahrzehntelang begradigt, eingezwängt und verbaut – jetzt bekommt sie ihren Raum zurück. Mit einem der größten Renaturierungsprojekte Oberösterreichs wird aus einer technischen „Wasserautobahn“ ein lebendiger Flussraum, der Natur schützt, Hochwasser entschärft und neue Erholungsräume für die Bevölkerung schafft. 19,4 Millionen Euro fließen dafür ins Untere Kremstal.

Das Großprojekt an der Krems für Natur, Schutz und Erholung freut zahlreiche Ehrengäste und startete mit einem feierlichen Spatenstich. (Foto: Land OÖ/Lina Spenlingwimmer)

Uferverbauungen und eine monotone Linienführung prägten über viele Jahre den Flusslauf. Was einst als Fortschritt galt, erwies sich zunehmend als Problem – für die Gewässerökologie ebenso wie für den Hochwasserschutz. Heute sind von den insgesamt rund 65 Kilometern der Krems nur noch etwa fünf Kilometer in einem annähernd natürlichen Zustand. „Die ersten massiven Eingriffe an der Krems reichen bis in die 1920er- und 1930er-Jahre zurück, später folgten weitere Begradigungen“, erinnerte Wasserminister Norbert Totschnig (VP). „Der große Paradigmenwechsel kam mit der EU-Wasserrahmenrichtlinie. Seitdem investieren wir bewusst in die ökologische Aufwertung unserer Gewässer.“ Ein sichtbares Ergebnis dieses Umdenkens ist nun die groß angelegte Renaturierung im Unteren Kremstal.

4,2 Kilometer neuer Flussraum

Das Projektgebiet erstreckt sich über eine Länge von 4,2 Kilometern und umfasst eine Fläche von rund 18 Hektar. Neben der Krems wird auch der Sulzbach auf etwa 600 Metern Länge renaturiert. Beteiligt sind die Gemeinden Kematen, Piberbach und Kremsmünster. Ziel ist es, den beiden Gewässern wieder einen natürlichen Verlauf zu ermöglichen. Mäander, Aufweitungen, unterschiedliche Fließtiefen und strukturreiche Ufer sollen entstehen. Dadurch verbessern sich die Lebensbedingungen für Fische, Insekten, Amphibien und Pflanzen erheblich. Gleichzeitig entstehen neue, naturnahe Erholungsräume für die Bevölkerung.

„Die ehemalige Wasserautobahn Krems wird zum Naherholungsgebiet – für Mensch und Tier“, sagte Markus Stadlbauer, Verbandsobmann des Wasserverbands Unteres Kremstal und Bürgermeister von Kematen. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Mündungsbereich des Sulzbachs in die Krems. Mündungszonen gelten als ökologisch besonders wertvoll, da hier unterschiedliche Lebensräume aufeinandertreffen. In diesem Bereich wird dem Gewässer bewusst viel Raum für eine eigendynamische Entwicklung gegeben.

Hochwasserschutz durch mehr Platz für das Wasser

Neben ökologischen Zielen ist der Hochwasserschutz ein zentrales Motiv des Projekts. Durch die Aufweitung der Flussräume kann Wasser künftig besser zurückgehalten werden. Hochwasserspitzen werden entschärft, die Belastung für Siedlungsgebiete sinkt. „Renaturierung und Hochwasserschutz schließen einander nicht aus – im Gegenteil“, betonte Bundesminister Totschnig. „Das geht Hand in Hand. Man hat einen Mehrwert für die Natur, für die Bevölkerung und für die Sicherheit.“ Auch Landeshauptmann Thomas Stelzer (VP) unterstrich diesen Zusammenhang. Gerade Oberösterreich habe in den vergangenen Jahrzehnten schmerzhaft erfahren, welche Folgen Hochwasserereignisse haben können. „Darum ist es unsere Verantwortung, Natur nicht nur zu genießen, sondern sie auch verantwortungsvoll zu gestalten und uns zu schützen“, so Stelzer.

Gemeinsames Projekt

Mit Gesamtkosten von 19,4 Millionen Euro – inklusive Grundankäufen – ist die Renaturierung eines der größten Projekte dieser Art im Land. Finanziert wird es zu 60 Prozent vom Bund, zu 30 Prozent vom Land Oberösterreich, weitere acht Prozent stammen aus dem Biodiversitätsfonds. Der Wasserverband Unteres Kremstal trägt rund zwei Prozent. Mindestens ebenso wichtig wie die Finanzierung war die Verfügbarkeit der Flächen. Diese wurde durch die kooperative Bereitschaft der Grundeigentümer ermöglicht, die Flächen über Kauf- und Tauschverträge zur Verfügung stellten. „Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Projektentwicklung war die maßgebliche Mitwirkung von Oberösterreichs Agrarbehörde, die von der Grundidee über die intensive Begleitung bis hin zur erfolgreichen Konzeption eine zentrale Rolle übernommen hat“, so Gemeinde-Landesrätin Michaela Langer-Weninger (VP). „Nur durch dieses Zusammenspiel der Grundeigentümer sowie dem Gewässerbezirk Linz, der uns fachlich und fördertechnisch intensiv begleitet hat, konnten wir das Projekt in bemerkenswert kurzer Zeit auf Schiene bringen.“

Flussdialog als Grundlage

Ein zentrales Element der Projektentwicklung war die Einbindung der Bevölkerung. Bereits 2023 wurde ein sogenannter Flussdialog gestartet, bei dem Anrainer informiert, eingebunden und gehört wurden. „Wenn man die Bevölkerung nicht mitnimmt, wird es schwierig. Der Flussdialog schafft Verständnis und Akzeptanz – und am Ende einen echten Mehrwert“, so Totschnig. Auch Umwelt- und Klima-Landesrat Stefan Kaineder (Grüne) hob diesen Aspekt hervor. Das Projekt zeige, „wie demokratische Prozesse funktionieren können, wenn unterschiedliche Interessen offen diskutiert und gemeinsam Lösungen gefunden werden“.

Lebensraum für morgen

Das Bauvorhaben soll bis 2027 dauern. Erst mit der Zeit werde sich der neue Flussraum entwickeln und begrünen. Langfristig jedoch entsteht ein stabiler, vielfältiger Lebensraum – für Tiere, Pflanzen und Menschen. Die Renaturierung der Krems ist damit weit mehr als ein technisches Projekt. Sie ist ein sichtbares Zeichen dafür, wie Umwelt- und Hochwasserschutz, Lebensqualität und regionale Zusammenarbeit gemeinsam gelingen können – zum Nutzen heutiger und kommender Generationen.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden