Neue Shakespeare-Inszenierung in Linz: In "Romeo und Julia" fließen echte Liebesbriefe ein
LINZ. Mit William Shakespeares „Romeo und Julia“ kommt eine der schönsten und zugleich tragischsten Liebesgeschichten ins Schauspielhaus. Regisseur David Bösch verbindet die berühmte Tragödie mit echten Liebesbriefen. Premiere ist am Samstag, 17. Oktober.

Vielleicht heißt das größte Liebespaar der Geschichte gar nicht Romeo und Julia. Vielleicht heißt es Rudi und Elisabeth. Schauspieldirektor David Bösch jedenfalls ist sich nach der Lektüre ihrer Briefe nicht mehr so sicher. Rund 280 Seiten hat Rudi dem Theater zur Verfügung gestellt: Zeugnisse einer Liebe zwischen Innsbruck und Linz, von Nähe und Entfernung, Krise und Wiederannäherung.
Die Briefe gehören zu den Einsendungen, die das Theater im Vorfeld seiner „Romeo und Julia“-Inszenierung gesammelt hat. Der Aufruf brachte berührende, heitere und mitunter schmerzliche Liebeserklärungen ans Licht: an Partner, an Verstorbene, aber auch an Katzen. Jugendliche schrieben über erste Gefühle, lang verheiratete Paare öffneten ihre Erinnerungen. Ein Mann erzählte von einem vier Meter langen Brief, mit dem er um seine spätere Frau geworben hatte.
Für Bösch wurde daraus weit mehr als ein Begleitprogramm. Ausschnitte der eingesandten Texte fließen in die Aufführung ein. Immer wieder sprechen die Figuren einige Sätze, manchmal längere Passagen aus diesen persönlichen Dokumenten. Shakespeares Sprache trifft auf die Worte heutiger Liebender. Dahinter steht eine einfache Frage: Warum sollte eine gelebte Liebesgeschichte weniger bedeutend sein als jene des berühmten Paars aus Verona?
Ein Haus voller Liebesgeschichten
Auch abseits der Bühne sollen die Briefe sichtbar werden. Geplant ist eine Ausstellung mit einer großen Briefwand, Präsentationen in den Treppenhäusern und Vitrinen. Schreibstationen laden das Publikum ein, selbst etwas beizutragen. Perfekte Formulierungen sind dabei ausdrücklich nicht gefragt: „Sie müssen keine schönen Worte finden, Ihre eigenen reichen.“
Besonders eindrücklich waren für Bösch die persönlichen Begegnungen mit den Menschen hinter den Einsendungen. Eine Frau berichtete, sie habe sich ihrem verstorbenen Mann beim Schreiben wieder ganz nah gefühlt. Solche Erfahrungen erweitern den Blick auf das Stück: Liebe erscheint nicht nur als jugendlicher Ausnahmezustand, sondern als etwas, das Menschen durch ein ganzes Leben begleitet.
Entsprechend interessiert sich Bösch auch auf der Bühne für die Beziehungen jenseits des Titelpaars. Seine Inszenierung entdeckt eine verbotene Liebe zwischen Tybalt und Lady Capulet, betrachtet die erloschene Nähe im Ehepaar Capulet und bringt Amme und Pater Lorenzo als ungewöhnliches älteres Paar zusammen. Auch Benvolio erhält im zweiten Teil eine eigene Geschichte: Nach dem Verlust des einen Freundes hofft er, den anderen noch retten zu können.
Julias Weg ins Erwachsensein
„Romeo und Julia“ hat Bösch bereits mit Mitte zwanzig inszeniert. Heute sieht er manches anders. Die Erfahrung von Abschieden und die eigene Elternschaft hätten seinen Blick auf Tod und Tragik verändert, erzählt er. Der Tod schwebe von Anfang an über dieser Geschichte – auch wenn Figuren und Publikum lange hoffen, diesmal könnte doch noch alles gut gehen.
Besonders deutlich rückt nun Julias Entwicklung ins Zentrum. Während Romeo verbannt ist, muss sie handeln, Entscheidungen treffen und sich gegen die Erwartungen ihrer Familie behaupten. Bösch versteht diesen Weg auch als eine Reise ins Erwachsensein: Aus der verliebten Jugendlichen wird eine junge Frau, die selbst über ihr Leben bestimmen will.
Bei aller Tragik soll der Abend jedoch ebenso Humor, Musik und große Bilder bieten. Auf Fechtkämpfe und den berühmten Balkon will Bösch nicht verzichten. Die Inszenierung legt sich dabei nicht auf eine bestimmte Epoche fest: Ein Handy darf auftauchen, ohne dass Gifttrank und entscheidender Brief aus der Geschichte verschwinden.
Das tödliche Ende bleibt. Für Bösch widerspricht es nicht der Feier der Liebe, die dieser Theaterabend zugleich sein soll. Die eingesandten Briefe erzählen schließlich davon, dass sie weiterlebt – außerhalb der Bühne, mitten in Linz.








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