Thomas-Bernhard-Stipendium geht an das Autorinnen-Duo Matter*Verse
LINZ. Das Thomas-Bernhard-Stipendium des Landestheaters Linz geht heuer an Marie Lucienne Verse und Selma Matter. Das Autorinnen-Duo setzte sich mit ihrem Theatertext gegen 40 weitere Einsendungen durch.

Seit 2004 vergibt das Landestheater Linz regelmäßig das Thomas-Bernhard-Stipendium an junge Dramatiker. Nach u. a. Johanna Kaptein (2007), Thomas Arzt (2012) und Martin Plattner (2018), erhält in diesem Jahr das in Berlin und Leipzig lebende Autorinnen-Duo Matter*Verse, bestehend aus Marie Lucienne Verse und Selma Matter, das Stipendium der Saison 2021/22. Ihre Bewerbung mit einem Entwurf und einer Leseprobe zu dem Theatertext „Alice, wie weit musst du gehen, bis deine Beine vertreten sind“ setzte sich gegen 40 andere, qualitativ hochstehende Einsendungen durch. Ein Auszug des in Entstehung befindlichen Stücks erscheint im November im DRAMA Magazin für szenische Literatur, Berlin. Das Thomas-Bernhard-Stipendium enthält unter anderem eine Arbeitsresidenz in Linz und arbeitet auf eine Uraufführung des eingereichten Stückentwurfes oder eines in der Residenzzeit entstehenden Textes hin.
In „Alice, wie weit musst du gehen, bis deine Beine vertreten sind“ von Selma Matter und Marie Lucienne Verse wird das Verschwinden der Mutter aus einer Betreuungseinrichtung zum Ausgangspunkt einer chorischen Rede ihrer Töchter. In einem stream of consciousness wird die verborgene, verschwiegene Biografie der Mutter rekonstruiert und auf mehreren Ebenen das Verwoben-Sein von (weiblichen) Lebensentwürfen und Erinnerung angesprochen.
Die vorgelegten Szenen überzeugten durch die sorgfältig-fragile Spracharbeit bis ins Detail. Eine assoziative „Fädel-/Fadentechnik“ nimmt etwa das Bild der Arbeit der Mutter als Schneiderin auf und webt es in einem subtilen Spiel in einen gleichsam überzeitlichen Kontext ein. Die Aufhebung zeitlicher und räumlicher Zuordnungen spiegelt das Phänomen von „Gleichzeitigkeit“ innerhalb der Kommunikationsstrategien unserer Zeit. So wird nicht zuletzt die stete und stets variierte Herstellung von Erinnerung(en) vorgeführt.


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