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Jeder Fall ist anders: Blick hinter die Kulissen der neuen Gewaltambulanz in Linz

Barbara Gröstlinger, 12.05.2026 11:28

570 Gewaltopfer wurden im Jahr 2025 am Kepler Uniklinikum (KUK) dokumentiert. Seit Jänner gibt es dort eine neue zentrale Gewaltambulanz. Tips hat sich vor Ort ein Bild gemacht und mit speziell ausgebildeten Forensic Nurses über Abläufe und Herausforderungen gesprochen.

  1 / 2   Die Forensic Nurses Monika Kern (l.) und Eva-Kathrine Wiredu mit den speziellen Untersuchungsboxen für die Spurensicherung (Foto: Tips/bg)

Blaue Flecken, angebliche Treppenstürze oder Vergewaltigungen: Betroffene von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt können seit Jänner in die neue Gewaltambulanz am Linzer KUK kommen. Neben Wien, Graz und Innsbruck ist sie die vierte Einrichtung dieser Art in Österreich.

Auch lesen: Gewaltambulanz am Kepler Uniklinikum Linz gestartet

570 dokumentierte Fälle

Im Vorjahr wurden am KUK insgesamt 570 Gewaltopfer dokumentiert. „Dieses Jahr waren es bis März etwa 150 Personen. 24 davon kamen direkt über die Gewaltambulanz“, erklärt Monika Kern, Leiterin der Klinischen Sozialarbeit und eine von drei speziell ausgebildeten Forensic Nurses.

Zu den Betroffenen zählen Frauen, Männer und Kinder – rund 70 waren im Vorjahr minderjährig. Am häufigsten suchen Menschen Hilfe aufgrund von häuslicher und körperlicher Gewalt.

Ablauf der Behandlung

„Jeder Fall ist individuell“, erklärt Forensic Nurse Eva-Kathrine Wiredu. Im Idealfall werden Betroffene direkt in die Gewaltambulanz – diese befindet sich auf der Unfallambulanz am Med Campus III – oder aufgrund ihrer Verletzungen in die zuständige Fachambulanz weitergeleitet. Die Versorgung erfolgt in enger Abstimmung im Team und parallel auf zwei Ebenen: medizinisch und forensisch. Neben der Behandlung werden Spuren gesichert und Verletzungen dokumentiert.

„Für viele ist der erste schwere Schritt der ins Krankenhaus“, erklärt Wiredu. Für die Spurensicherung ist es aber hilfreich, wenn Betroffene so schnell wie möglich ungeduscht und mit der getragenen Kleidung kommen.

Um eine Betreuung rund um die Uhr zu gewährleisten, stehen außerhalb der Öffnungszeiten der Gewaltambulanz zwei spezielle Untersuchungsboxen für sexuelle Gewalt und Trauma zur Verfügung. Diese enthalten Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur Beweissicherung – etwa ein Mundhöhlenabstrich oder Spurensicherung am Körper – und können so auch von ärztlichem Personal ohne forensische Spezialausbildung verwendet werden.

Sensibler Umgang

Besonders sensibel gehen Forensic Nurses mit Personen um, die ihre Situation nicht offen kommunizieren und Ausreden erfinden. Wichtig für das Personal sind hierbei Sensibilisierung und transparente Kommunikation: Betroffene sollen alle Schritte nachvollziehen und selbst über Maßnahmen entscheiden können.

Zusätzlich haben Forensic Nurses eine Lotsenfunktion: Sie sind innerhalb des Klinikums sowie mit Gewaltschutz- oder Kinderschutzzentren vernetzt und können so die Opfer auch nach der akuten Behandlung unterstützen.

Kürzere Wege

Mit der Einführung der Gewaltambulanz wurde auch ein zentrales Dokumentationssystem für alle Beteiligten eingeführt. So können alle relevanten Informationen gebündelt eingesehen werden. „Dann ist alles beieinander und das Opfer muss das nicht 15-mal erzählen“, erklärt Monika Kern.

Neu in der Struktur ist auch ein eigener Gerichtsmediziner, der die Gewaltambulanz am KUK in Linz leitet und seine Expertise weitergibt. Das mache wiederum die Abläufe klarer und die Wege vor Gericht kürzer.

Hilfe rund um die Uhr

Die Arbeit mit Gewaltopfern ist emotional fordernd und benötigt viel Feingefühl. Entscheidend seien ein eingespieltes Team, klare Abläufe und regelmäßiger Austausch. „Jeder Fall ist anders. Aber wenn alle gut zusammenarbeiten und lösungsorientiert handeln, profitieren am Ende die Patienten“, ist sich Monika Kern sicher.

Kritik an den Öffnungszeiten oder den Arbeitsweisen der Gewaltambulanz weist das Team zurück: „Es gab schon davor eine gute Betreuung von Gewaltopfern und jetzt ist die Professionalisierung auf eine andere Stufe gesetzt worden.“

Die Betreuung von Gewaltopfern ist übrigens nicht an die Ambulanz geknüpft, sondern passiert auch im Rahmen des Akutklinikums oder telefonisch durch Auskunft. Außerdem ist die Gewaltambulanz „noch relativ frisch“ und im Aufbau, die Mitarbeiter sind stets im Austausch und es werden laufend Forensic Nurses ausgebildet, sagt das Team.

Die Gewaltambulanz (Med Campus III - Unfallambulanz) ist Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 7 bis 15 Uhr besetzt und unter 05768083-57800 erreichbar. 
Ausgenommen sind Feiertage.

Außerhalb dieser Zeiten übernehmen Mitarbeiter von Fachambulanzen die Versorgung nach akuten Gewaltereignissen. 


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