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Herausforderung Homeoffice: "Mehr digital heißt nicht weniger menschlich"

Karin Seyringer, 23.02.2021 14:55

OÖ. „Mehr“ online wird uns vermutlich noch länger begleiten. Trotz aller Vorteile des Homeoffice: Für Mitarbeiter wie Führungskräfte und Unternehmen ergeben sich dadurch ganz neue Herausforderungen. „Soft Skills“ sind gefragter denn je, denn „mehr digital heißt nicht weniger menschlich“, weiß Vesta Popova von east2west.at. Tips hat mit der erfahrenden Unternehmensberaterin und Coachin gesprochen und Tipps eingeholt.

Unternehmensberaterin Vesta Popova (Mi.) weiß über die Tücken des Homeoffice Bescheid und gibt Tipps - Archivfoto. (Foto: Julia Moll)
photo_library Unternehmensberaterin Vesta Popova (Mi.) weiß über die Tücken des Homeoffice Bescheid und gibt Tipps - Archivfoto. (Foto: Julia Moll)

„Die aktuelle Pandemie hat uns gezeigt, dass es immer wichtiger wird, mit äußerlichen Herausforderungen und Veränderungen flexibel umzugehen. Durch die Pandemie wurden sowohl Mitarbeiter als auch Unternehmer auf eine sehr, sehr harte Probe gestellt“, so die Expertin, die im oberösterreichischen Attergau und in Wien lebt und international arbeitet. Manche Unternehmen hätten wesentlich besser und schneller auf die aktuelle Situation reagiert, „das sind aber meist auch jene, die schon vor der Krise wesentlich flexibler, resilient waren.“

Stark demotivierend würden „Hygienefaktoren“ wie zum Beispiel schlechte Hardware-Ausstattung im Homeoffice wirken. Wesentlich für Popova: Was zuvor Face to Face schon nicht optimal gelaufen sei, spitze sich beim Online arbeiten weiter zu. „Wir kennen diese Beispiele: Jemand kommt zu spät, die Kamera ist aus, permanente Störungen finden statt – das sind so diese plakativen Störungen, die klingen vielleicht banal, aber das sind diese Hygienefaktoren, die durchaus sehr demotivierend sind.“

„Soziale Führungskompetenzen und Soft Skills sind gefragter denn je“

Dazu komme, dass jeder Mensch verschiedene Rollen im Leben hat, „egal ob wir Eltern sind, Angestellte, Führungskräfte, Hobbysportler: Durch diese Lockdowns und Homeoffice kam es sehr stark zur Vermischung dieser Rollen.“ Diese sehr unsicheren Zeiten bedürften mehr Orientierung, die Mitarbeiter müssten sich noch mehr auf ihre Führungskräfte verlassen können als sonst. „Da ist es wichtig, nah zu sein und präsent.“

Denn hinter jedem Mitarbeiter, jeder Führungskraft „stecken Menschen. Die haben ihre eigenen Emotionen, ihre eigenen Agenden. Wenn diese Nähe fehlt, bzw. der Teil der Nähe der Zusammenarbeit, dann tut sich ein Unternehmen oder eine Führungskraft natürlich sehr schwer, eventuelle Schwächen im System zu erkennen oder an Stärken zu arbeiten und diese weiterzuentwickeln. Diese sozialen Führungskompetenzen und Soft Skills sind noch gefragter denn je, das heißt mehr digital heißt nicht weniger menschlich, sondern umgekehrt.“

„Konflikte eigentlich etwas Positives“

Auch das Thema Konflikte zwischen Kollegen wird durch die Online-Kommunikation erschwert. „Warum entstehen denn Konflikte? Die entstehen dann, wenn Personen unterschiedliche Erwartungen haben, und diese nicht erfüllt werden. Das passiert in der aktuellen Situation wesentlich schneller als würde man sich gegenüber sitzen, kann die Mimik gut lesen, bekommt im Hintergrund besser mit, was aktuell vielleicht private Herausforderungen sind.“

Was die Beraterin generell aber schon länger beobachte, sei, „dass sich die Menschen mit Konflikten schwertun, ihnen aus dem Weg gehen. Dabei ist ein Konflikt eigentlich etwas Positives, weil durch einen Konflikt Wachstum entstehen kann.“

Gerade jetzt ist daher wichtig: Der richtige Umgang mit Konflikten will gelernt sein. „Sobald das Kastl, der Laptop im Weg ist, werden vielleicht gewisse Handlungen auch missinterpretiert. Warum stellt jetzt jemand die Kamera aus? Warum wird jemand von jemand anderem auf stumm geschaltet? Da kann auch etwas dahinter stecken wie: Das Kind ist gerade schreiend im Hintergrund und man möchte vielleicht nicht nach außen zeigen, dass man gerade nicht alles managen kann.“

„A fool with a tool is still a fool“

Für eine gute Stimmung im Team sei wichtig, dass jeder wisse, was die jeweiligen Stärken sind, „jeder leistet einen Beitrag, jeder kennt diesen Beitrag. Das ist oft eine Sache, die sich beim digitalen Arbeiten zuspitzt, wenn die Verantwortungen und die Prioritäten nicht klar sind.“

Auch die Technik alleine sei nicht die Lösung. „'A fool with a tool ist still a fool', das meine ich nicht als Beleidigung“, so Popova. „Es geht einfach darum: Es braucht eine Kollaborationskultur, Spielregeln und klar definierte Verantwortlichkeiten.“ Nicht das Tool sei die Lösung, sondern ein genaues Regelwerk.

Online-Kommunikation ist anstrengender

„Ich denke es braucht auch wesentlich mehr Verständnis dafür, dass Online-Kommunikation schlichtweg anstrengender ist. Ein mehrstündiges Gruppenmeeting, eins nach dem anderen, ohne Pause, ohne Bewegung, meistens gekoppelt mit Stress, das ist nicht tragbar“, so die Unternehmensberaterin. Sie rät dazu, die Meetings möglichst kurzzuhalten, vorab Agenden festzulegen. „Ohne Agenda wird nichts besprochen. Es muss klar sein: Geht es heute um Entscheidungen, will man heute nur informieren? Alleine dieser Unterschied steigert die Effizient der Durchführung enorm.“

Pausen gönnen

Als Unternehmen sollte man die Mitarbeiter zudem unterstützen, Blöcke mit Pausen, um etwa frische Luft zu schnappen, zu gewährleisten. Denn mit einem Vorurteil, dass vor allem zu Beginn zu hören war, will sie aufräumen: „Wenn jemand daheim sitzt, wird nicht gearbeitet“. „Das habe ich oft gehört und das hat mich richtig erschrocken. Das ist genauso toxisch wie die Annahme: 'nur, weil jemand ganz viele Stunden schreibt, leistet die Person einen größeren Beitrag.' Aus meiner Sicht zählt das Ergebnis und so viel Verantwortung muss man seinen Mitarbeitern geben können. Wenn das nicht geht, muss man schauen: OK, welche Strukturen, welche Spielregeln passen nicht.“


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