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Bis zu 1.000 Überstunden angesammelt: „Viele Kollegen sind völlig am Limit“

Jürgen Affenzeller, 11.12.2020 13:21

LINZ/OÖ. In rund 100 Alten- und Pflegeheimen sind mehr als 400 Mitarbeiter und mehr als 500 Bewohner mit dem Corona-Virus infiziert. „Die Lage bleibt kritisch, von den Lockerungen ist in den Heimen und Spitälern nichts zu bemerken. Es braucht vor allem schnelle Maßnahmen, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern“, zeigten am Freitag Gewerkschaften und Beschäftige auf.

v.l.: Helmut Woisetschläger, Erwin Deicker, Cornelia Gebetsroither, Mario Kalod (Foto: ÖGB OÖ)
v.l.: Helmut Woisetschläger, Erwin Deicker, Cornelia Gebetsroither, Mario Kalod (Foto: ÖGB OÖ)

„Wir sind in diese Krise mit einem Personalmangel von etwa 20 Prozent im Normalbetrieb gegangen. Jetzt kommen in den Spitälern covidbedingte Ausfälle von im Schnitt fünf bis sieben Prozent hinzu. In vielen Heimen ist die Zahl der Ausfälle sogar noch viel höher“, sagt Helmut Woisetschäger, Landesvorsitzender der Gewerkschaft vida. Die Arbeiterkammer Oberösterreich hat vor eineinhalb Jahren eine Krankenhaus-Studie veröffentlicht, nach der allein in den oberösterreichischen Spitälern 2.500 Beschäftigte fehlen. Die Politik allerdings ist untätig geblieben, das Gesundheitssystem auszubauen. Im Gegenteil: Mit der Fortführung der Spitalsreform wurden weiterhin Bettenkapazitäten abgebaut – gegenüber dem Jahr 2.000 sind es mehr als 1.100 weniger. Bis 2025 sollen es noch einmal 130 weniger werden“, so Woisetschäger.

Mitarbeiter mit bis zu 1.000 Überstunden

Was hat diese Situation bewirkt? Derzeit gibt es Mitarbeiter, die bis zu 1000 Überstunden angesammelt haben. „Die Politik hat verschuldet, dass diese Kollegen völlig am Limit sind. Und die Lage wird sich auch bei einem Rückgang der Corona-Infektionszahlen nicht unmittelbar verbessern. Durch die Covid-Krise sind viele Operationen nach hinten verschoben worden, die irgendwann nachgeholt werden müssen. Für die Beschäftigten heißt das: Es gibt kein Verschnaufen, es wird in absehbarer Zeit keine Normalität eintreten, sondern es geht mit Vollgas weiter. Durch diese hohen Belastungen besteht akute Gefahr, dass Mitarbeiter ausbrennen, vielleicht sogar dauerhaft ausfallen“, warnt Woisetschläger.

Ständiges Vollgas geht an die Substanz

„Dieses ständige Vollgas halten die Mitarbeiter auf Dauer nicht aus. Wir sehen es bereits jetzt, dass viele kurz davor sind, aufzugeben. Die Arbeitsbedingungen müssen besser werden, um die Kollegen in den Berufen halten und neue Mitarbeiter finden zu können“, sagt Erwin Deicker, Betriebsratsvorsitzender des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Linz. „Die Belastung ist in allen Bereichen hoch – besonders natürlich auf den Covid-Stationen, wo die Kollegen den ganzen Tag Schutzausrüstung tragen müssen. Nach einer halben Stunde ist man waschlnass, ich kann nur jeden Politiker einladen, das einmal zu versuchen. Vielleicht hilft das, um zu verstehen, unter welchen Bedingungen die Kollegen Tag für Tag arbeiten müssen“, so Deicker weiter.

Corona-Krise macht die Arbeit für das Personal aufwändiger

Auch in den Pflegeheimen stehen die KollegInnen an der Belastungsgrenze. „Die Mitarbeiter sind fertig. Schon vor Corona waren wir mit Personalmangel konfrontiert, nun kommen natürlich vermehrt Krankenstände und Quarantäne dazu. Die Kollegen wissen nicht, wie es weitergehen soll“, schildert Cornelia Gebetsroither, als Personalvertreterin zuständig für das Alten- und Pflegeheim in Lenzing.

Die Corona-Krise macht die Arbeit für das Personal auch aufwändiger. „Die KollegInnen sind oftmals der einzige Sozialkontakt, den die Bewohner haben. Das bedeutet, dass die Betreuung viel intensiver sein muss. In zwei Wochen ist Weihnachten und da ist es für alle Beteiligten eine besondere psychische Belastung, dafür zu sorgen, dass in einer Extremsituation so etwas wie Normalität vermittelt werden kann“, sagt Gebetsroither.

Vorhandenes Potential heben

Der schon vor der Krise vorhandenen Arbeitsverdichtung, die sich nun verschärft hat, muss so rasch wie möglich entgegengewirkt werden. Die erste Maßnahme dazu ist eine Anpassung der Personalberechnungsmethode. Im Klartext heißt das: mehr Personal für die Spitäler und Heime.„In diesem Zusammenhang wird immer das Argument vorgetragen, es gäbe das Personal schlichtweg nicht. Das ist falsch. In Oberösterreich sind derzeit ca. 1250 Menschen, die eine Ausbildung im Gesundheits- und Pflegebereich absolviert haben, arbeitslos gemeldet. Mit diesem Potential könnte schon kurzfristig eine Entlastung für die Heime und die Spitäler geschaffen werden. Um möglichst viele von einer Rückkehr überzeugen zu können, muss sich allerdings schleunigst an den Arbeitsbedingungen etwas ändern. Nur so kann man glaubhaft vermitteln, dass die negativen Erfahrungen, die viele gemacht haben, der Vergangenheit angehören“, sagt younion-Landessekretär Mario Kalod.

Einstieg erleichtern

Um den Einstieg auch für Hilfskräfte attraktiv zu gestalten, soll ein klarer Plan zu einer möglichen Aufqualifizierung erstellt werden. Hilfskräften soll die Möglichkeit geboten werden, eine Ausbildung im Pflegebereich zu absolvieren. Sind diese bereits im Heim- oder Spitalsbetrieb integriert, können sie sich bereits ein klares Bild ihrer künftigen Aufgaben machen. Die Sorge, abseits der Krise später ein Überangebot an Pflegekräften vorzufinden, ist völlig unbegründet. „Erstens steht die Baby-Boomer-Generation kurz vor der Pension und zweitens wird die demographische Entwicklung künftig den Bedarf steigern lassen. Ein hohes Angebot an ausgebildeten Pflegekräften ist aber auch die Grundlage dafür, dass mittelfristig eine Arbeitszeitverkürzung realisiert werden kann“, sagt Kalod.

Gespräche über Zulagen gefordert

Neben diesen dringenden Erfordernissen muss auch die Wertschätzung für die Kollegen für die bisher schon erbrachten Leistungen steigen. Grundsätzlich begrüßen die Gewerkschaften die Auszahlung einer Corona-Zulage durch das Land Oberösterreich, da es sich dabei auch um eine gewerkschaftliche Forderung handelt, die nun offenbar umgesetzt werden soll. Noch völlig unklar ist allerdings der Modus, wer diese Zulagen in welcher Höhe erhalten soll. „Hier laden wir die Landesregierung dazu ein, mit uns in Gespräche zu treten“, sagt Woisetschläger in Richtung Landeshauptmann Thomas Stelzer.

Teststrategie ausbauen

Unmittelbar erreicht werden kann auch eine Erhöhung der Sicherheit für die Kolleginnen und Kollegen, Bewohner und Patienten sowie eine Eindämmung der Corona-Ausbreitung in den Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen. Beim Betreten von Krankenhäusern oder Heimen sollen Schnelltests zur Verfügung gestellt werden, um zumindest mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ein weiteres „Einschleppen“ des Virus verhindern zu können. Wenn es logistisch möglich ist, an einem Wochenende für alle Menschen in ganz Oberösterreich Testungen zur Verfügung zu stellen, muss auch das möglich sein. Uns sind die Worte „Koste es, was es wolle“ noch zu gut im Ohr.

 


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